Informationstechnologie 14.12.2007, 19:32 Uhr

„Geräte können künftig mit Gesten bedient werden“  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 14. 12. 07, ps – Als eines der ersten Unternehmen nutzt die Ident Technology AG die Leitfähigkeit der menschlichen Haut, um Daten zu übertragen. Vorstandschef Peter Rosenbeck erklärt, warum sich die Technik für den Einklemmschutz beim Cabriolet und zur Bedienung des Kühlschranks eignet, und wie das Unternehmen Geld verdienen will.

Rosenbeck: (lacht) Nein, noch nicht.

VDI nachrichten: Warum hat es so lange gedauert, bis der menschliche Körper als Datenüberträger genützt wird?

Rosenbeck: Luigi Galvani hat 1783 mit dem sogenannten Froschschenkel-Prinzip die Leitfähigkeit der menschlichen Haut entdeckt. Seither wurde viel geforscht, vor allem in den 80er-Jahren, doch es fehlte die industrielle Umsetzung. Die Technologie geriet fast in Vergessenheit. Der Durchbruch kam mit RFID. Dort werden elektromagnetische Wellen genutzt. Bei unserer Technologie benutzen wir dagegen elektrische Felder und den Körper als Medium. Da braucht man weniger Power!

VDI nachrichten: Wie schaffen Sie es, die Leitfähigkeit der menschlichen Haut praktisch zu nutzen?

Rosenbeck: Durch die Leitfähigkeit des Körpers lassen sich Daten übertragen und elektrische Felder verändern. Diese Eigenschaften nutzen wir zur Detektion, Identifikation und Interaktion. Die Nahfeld-Detektion kann zwischen Annäherung und Berührung unterscheiden, indem sie die elektrischen Feldveränderungen misst. Diese Erkenntnis lässt sich im Auto für den Einklemmschutz nutzen.

Mit unserer Technik lässt sich auch ein Nutzer eindeutig identifizieren. Der Schalter weiß künftig, wer ihn bedient. Durch einen Sender, den man beispielsweise als Chipkarte in der Hosentasche trägt, wird die jeweilige Person mit einem Identifizierungscode versehen. Das Gerät erkennt dann anhand des Codesignals, wenn sich die Person nähert und schaltet eine Funktion frei.

Die Analyse der Feldveränderung ermöglicht darüber hinaus eine berührungslose Interaktion zwischen Mensch – Maschine. Alle Geräte, die eine elektronische Steuerung haben, können so mit Gesten bedient werden. So zum Beispiel der Kühlschrank, der Herd, das Telefon, der PDA. Wir können also durch Körpersprache eine Interaktion herstellen.

VDI nachrichten: Besteht nicht die Gefahr, dass durch Ihre Technologie der „gläserne Mensch“ entsteht, von dem man alle Daten kennt?

Rosenbeck: Nein, Ident will nicht Personen ermitteln, sondern die Bedienung erleichtern. Die Technologie soll da helfen, wo mehr Schutz und höherer Komfort gefragt sind.

VDI nachrichten: Wie sieht es aus mit gesundheitlichen Risiken?

Rosenbeck: Die Intensität der Stromübertragung beträgt nur wenige Mikroampere. Die Signale sind hundert Mal schwächer als die, die von einem Handy ausgehen.

VDI nachrichten: In welchen Bereichen der Wirtschaft wird die Technologie bisher eingesetzt?

Rosenbeck: Sie wird besonders in der Automobilindustrie eingesetzt. Dabei geht es vor allem um Sicherheitsaspekte. Wir bieten zum Beispiel einen berührungslosen Einklemmschutz für Cabrio-Dachsysteme. Das System nutzt das gesamte Dach als Sensor und misst die elektrostatische Veränderung durch ein gefährdetes Körperteil. Das elektrische Signal löst einen Schaltvorgang aus, der verhindert, dass das Cabriodach stoppt. Ab 2009 wird der Autozulieferer Edscha diesen Einklemmschutz in Cabriolets serienmäßig einsetzen.

Neben Autoherstellern und Zuliefer-ern arbeiten wir mit Produzenten elektronischer Haushaltsgeräte zusammen. Wir garantieren eine einfachere Bedienung der „weißen Ware“. Mechatronik ersetzen wir durch die intelligente Anwendung der Datenübertragung.

Inzwischen ist Ident auch dabei, die Technologie für interaktive Spielekonsolen und intelligente Spielzeuge einzusetzen. Wir haben ein haptisches Eingabegerät entwickelt, das Eltern helfen soll, mit ihren Kindern am Computer zu spielen. Die Gesten können dabei dreidimensional erkannt werden und beeinflussen die Aktion des Spielprogramms.

VDI nachrichten: Wie verdienen Sie Ihr Geld?

Rosenbeck: Wir verkaufen keine Hardware, sondern Lizenzen. Eine große Lizenzpartnerschaft haben wir bereits fest: den Einklemmschutz für Cabriolet-Dächer. Mit vielen anderen Herstellern der Automobil- und Hausgeräteindustrie arbeiten wir derzeit in Projekten zusammen.

VDI nachrichten: Wo hat Ihre Technologie die größten Absatzchancen?

Rosenbeck: Das größte Potenzial liegt in der IT. Zum Beispiel bei Handys, von denen 800 Mio. pro Jahr verkauft werden. Hier kann unsere Technologie als Diebstahlschutz eingesetzt werden. Ident könnte einen kleinen Chip in das Handy einbauen. Sobald es weg ist, gibt der Chip Alarm.

VDI nachrichten: Wie ist das Unternehmen entstanden?

Rosenbeck: Seit 2000 wurde mit Wissenschaftlern der TU München an der Technik geforscht. 2002 gründete ich in meinem Haus in Gauting zusammen mit Wolfgang Richter und Stefan Donat das Unternehmen. Die ersten drei Jahre mussten wir uns selbst finanzieren. Nach dem Crash am Neuen Markt waren die Venture-Capital-Firmen extrem zurückhaltend. Erst Ende 2004 verhalf uns der Bayerische Innovationspreis zu mehr Öffentlichkeit. So kamen die ersten Financiers. Inzwischen sind 6,5 Mio. € an Venture Capital in die Firma geflossen.

VDI nachrichten: Arbeiten Sie schon rentabel?

Rosenbeck: Nein, wir schreiben noch Verluste. Das Geschäft wächst inzwischen aber rasant. Wir werden in diesem Jahr den Umsatz auf 2 Mio. € verdoppeln. Wir haben eine große Resonanz bei der weißen Ware und viele Anfragen von IT-Firmen.

VDI nachrichten: Planen Sie eine Expansion ins Ausland?

Rosenbeck: Wir haben bereits erste Aufträge aus den USA und aus Japan bekommen. Gerade die amerikanischen Autohersteller sind wegen des strengen Produkthaftungsgesetzes an einem hohen Maß an Sicherheit interessiert.

VDI nachrichten: Sie waren jüngst auf dem Eigenkapitalforum in Frankfurt mit einem eigenen Stand. Planen Sie bald einen Börsengang?

Rosenbeck: Der Kapitalbedarf ist eine Frage des Wachstumtempos. Wir brauchen 12 Mio. € bis 15 Mio. € für die Finanzierung bis zum Börsengang. Das Geld dient der Weiterentwicklung der Märkte in den USA und Asien. Ein Börsengang ist irgendwann unser Ziel. Er schafft Bewusstsein, Vertrauen und eine breite Öffentlichkeit.

VDI nachrichten: Welche Konkurrenten gibt es in Ihrem Geschäft?

Rosenbeck: An Systemen, die das Nahfeld des Körpers als Datenkanal nutzen, arbeiten weltweit mehrere Firmen in unterschiedlichen Bereichen. Sehr aktiv ist zum Beispiel die japanische NTT. Wir haben jedoch keine Konkurrenten, die mit der gleichen Technologie am Markt auftreten. Was wir machen, haben wir mit 80 Patenten abgesichert. Die Leitfähigkeit des menschlichen Körpers können wir jedoch nicht patentieren. Die hat der liebe Gott gemacht. NOTKER BLECHNER

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