Mobilfunk 12.09.2008, 19:37 Uhr

Funkstille in Rumänien  

VDI nachrichten, Jucu, 12. 9. 08, rb – Nokia hat den Menschen in Siebenbürgen Hoffnung auf Wohlstand gebracht. Innerhalb eines halben Jahres hat sich die Belegschaft verdreifacht, aber die Löhne lassen zu wünschen übrig. Die Mitarbeiter dürfen darüber nicht sprechen und der Konzern schweigt.

Einsam und verlassen liegt das blitzende neue Werk von Nokia in der Mittagssonne. Kein Mensch ist auf dem Betriebsgelände zu sehen. Auch vor dem Zaun herrscht Leere. Nur auf dem Parkplatz lungern einige Männer herum. Sie warten auf den Schichtwechsel, um die Arbeiter des finnischen Konzerns in die nahe gelegenen Städte Cluj Napoca und Gherla zu bringen. 25 Kleinbusse, zehn große Busse und etwa 30 Autos stehen bereit. Die Fahrer telefonieren, plaudern miteinander oder dösen in den Fahrerkabinen. Von den 800 Beschäftigten der Fabrik kann sich kaum jemand einen eigenen Wagen leisten. Selbst für Rumänien sind die Löhne zu niedrig, aber darüber darf niemand reden.

Ab 14 Uhr kommt Leben in die öde Szenerie. Hunderte Männer und Frauen schieben sich durch die Drehkreuze am Werkstor. Sie zünden sich Zigaretten an oder greifen zum Handy. „Visitors Center“ steht in fetten Lettern auf einem Leuchtkasten am Empfangshäuschen. Wenige Meter daneben eine rumänische und eine europäische Flagge. „Collection Point“ heißt es da in Firmenblau. Doch der Eintritt bleibt Besuchern versperrt. Auskünfte über Produktion, Investment, Kosten oder Arbeitsbedingungen bleiben Betriebsgeheimnis. Der Konzern kommuniziert nicht.

Der Weltmarktführer für Handys hat seinen Beschäftigten in Jucu Redeverbot erteilt. „Wir haben unterschrieben, dass wir nichts sagen“, erklärt eine Mitarbeiterin am Telefon. Die Telekommunikationsingenieurin hatte Anfang des Jahres bei Nokia in der Produktion angefangen. Ihr letzter Arbeitgeber hatte sie wegen Rationalisierungsmaßnahmen entlassen. Statt des Facharbeiterlohns von 1400 Lei wie früher verdient sie in der Produktion bei Nokia 800 Lei, rund 225 € im Monat. Der Durchschnittslohn im Landkreis Cluj liegt bei 422 €. „Alle klagen über die niedrigen Löhne“, sagt die Frau, die ihren Namen lieber nicht in der Zeitung sehen will. Zu groß ist die Gefahr, gefeuert zu werden. „Davon kann man nicht leben!“

Eine 60-m2-Wohnung kostet in der Universitätsstadt Cluj etwa 300 € im Monat, ein Liter Benzin ist mit 1,20 € fast so teuer wie in Deutschland. Die Fachfrau hofft auf eine Beförderung zur Technikerin bei Nokia. „Sie wollten das schon längst tun“, sagt sie, „aber ich weiß nicht, warum der Chef mir keinen anderen Job gibt.“

Im Dorf Jucu, 3 km weiter den Hügel hinauf, sorgt die fehlende Kommunikation von Nokia für Misstrauen. Ein halbes Jahr nach Inbetriebnahme haben die Bewohner keine spürbaren Verbesserungen erlebt. Einige Bauern konnten zwar ihr Land unten an der Straße für den neuen Industriepark verkaufen, aber Arbeit und Wohlstand lassen auf sich warten.

Gänse und Hühner stelzen über die Dorfstraße, die bis zum Bürgermeisteramt asphaltiert ist. Pferdekarren stehen am Straßenrand. „Das sind doch Halsabschneider“, meckert Gavril Pop. Der Elektriker sitzt mittags mit den Männern vor der Dorfkneipe. Sie trinken Bier, Weinbrand und Kaffee und schimpfen: „Die zahlen 200 €, das ist doch lächerlich!“

Gavril Pop verdient bei der Eisenbahn 100 € mehr, Bauarbeiter bekommen sogar 700 € bis 800 €, denn das Gewerbe boomt. Neben internationalen Konzernen investieren vor allem die im Ausland arbeitenden Rumänen in ihrer Heimat. Überall sprießen Neubauten aus dem Erdboden, große Wohnhäuser, die sich ein Mensch mit Durchschnittsgehalt niemals leisten könnte.

Auch Gavril Pop war ein Jahr in Spanien. „Bei der Orangenernte bekam ich 50 € am Tag“, sagt der 46-jährige Junggeselle und schiebt zufrieden sein Kinn vor. „Das war gutes Geld.“ Dann starb der Vater und Gavril zog zurück zur Mutter in das ärmliche 4200-Seelen-Nest Jucu. Dessen Bürgermeister Ioan Pojar sagt, dass rund 50 Einwohner bei Nokia arbeiteten. Die Männer vor der Kneipe halten diese Zahl für maßlos übertrieben. „Höchstens zehn“, murmeln sie, dann setzen sie die Gläser an.

Ein Stück weiter die Schotterstraße entlang wohnt eine Nokia-Arbeiterin. Vor dem Haus steht ihr Mann, ein großer Kerl mit kräftigen Händen und Farbklecksen auf der Hose. „Sie schläft“, sagt er. „Sie hatte Nachtschicht.“ Reden dürfe sie ja sowieso nicht. „800 Lei bekommt sie“, verrät er. „Und eine freie Mahlzeit.“ Der Maler zieht an der Zigarette, kneift dabei das zerfurchte Gesicht zusammen, blickt zur etwa 20-jährigen Tochter, die zum Dorfladen schlendert und brummt: „Gut, dass sie den Job hat.“

Sowohl Politiker als auch Gewerkschafter begrüßen die Ansiedlung von Nokia in Siebenbürgen. „Nokia hat einen positiven Einfluss auf die gesamte Region“, meint Ioan Pojar. Der Bürgermeister von Jucu setzt auf die Sogwirkung des Weltkonzerns. „Das Lebensniveau wird steigen, die Infrastruktur wird verbessert und es wird Wohlstand für alle geben“, so der Vertreter der demokratisch-liberalen Partei.

Auch sein Parteikollege Alin Tise ist äußerst zufrieden mit dem finnischen Konzern. „Bis zum heutigen Tag hat Nokia alle versprochenen Ziele erfüllt“, sagt der frisch gewählte Landrat. Nach seiner Schätzung haben die Finnen sogar 20 Mio. € mehr als die vertraglich besiegelten 60 Mio. € investiert. Der Konzern beschäftigt seines Wissens nach 800 Menschen. Die Presseabteilung für Südosteuropa spricht von 1500 Mitarbeitern. Ende 2009 sollen es 3500 sein. Tise rechnet mit weiteren 11 500 Jobs durch Zulieferer wie die skandinavischen Unternehmen Hansaprint, Stora Enso, Elander oder die chinesische BYD Electronic, die alle bereits in Ungarn mit Nokia kooperieren.

„Das Werk in Jucu hat niemals in Konkurrenz zu Bochum gestanden“, erläutert Ulrike Kleinebrahm, IG-Metall-Bevollmächtigte von Bochum. „Es war von Anfang an für den osteuropäischen Markt gedacht. Nokia hat einen Strategiewechsel gemacht. In der Öffentlichkeit ist fälschlicherweise der Eindruck entstanden: Wenn Cluj nicht gebaut worden wäre, hätte Bochum bestehen bleiben können. Das ist alles Quatsch.“ Wie in Ungarn setzt Nokia in Rumänien auf ein Industrieparkkonzept mit ausgewählten Zulieferern, das von der Herstellung über Verpackung und Logistik alles vor Ort bündelt.

„Ich würde lügen, wenn ich behauptete, dass ich die Ansiedlung von Nokia nicht gut finden würde“, sagt Grigore Pop. Der Vorsitzende der Gewerkschaft Cartel Alfa in der Kreisstadt Cluj Napoca freut sich, dass ein Global Player für Aufbruchstimmung in der Region sorgt. „Im Vergleich zu anderen Unternehmen sind die Arbeitsbedingungen gut“, weiß Pop nach einer exklusiven Werksführung. Dann lehnt er sich lachend zurück: „Es gibt für uns aber noch viel, viel Arbeit!“

Erst auf Drängen von Cartel Alfa schrieb Nokia Mindestlöhne fest. 800 Lei für Ungelernte sei laut Pop zunächst akzeptabel, es müsse aber nachverhandelt werden. Für Wochenendarbeit gebe es Zuschläge, aber keine freien Tage. „Dieses Problem muss noch gelöst werden.“ Inzwischen existiert eine Arbeitervertretung im Werk und Cartel Alfa kommuniziert regelmäßig mit dem Management. „Im Herbst soll der Europabetriebsrat hier tagen“, so Pop. Durch die internationale Solidarität hofft er auf noch bessere Arbeitsbedingungen. Dann hätte Nokia wirklich nichts zu verbergen.

Vor dem Werk weichen die Leute aus der Frühschicht den Fremden aus. „Wir dürfen mit niemandem sprechen“, sagt ein junger Mann auf dem Weg zum Bus. Nur Ionut Pop gibt unbeschwert Auskunft. Der 21-Jährige studiert Telekommunikation an der Technischen Universität von Cluj und macht in den Semesterferien ein Praktikum bei Nokia. „Das ist eine tolle Chance für mich und die ganzen Menschen hier in der Region“, sagt er. Ionut ist sich sicher, nach dem Abschluss eine Stelle bei Nokia zu bekommen. „Dann muss ich nicht ins Ausland“, sagt er, grinst und schaltet sein Nokia-Handy an. CONSTANZE BANDOWSKI

Ein Beitrag von:

  • Constanze Bandowski

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