Internet 03.03.2000, 17:24 Uhr

Einsam und allein vor dem Bildschirm

Überwiegend wird das Internet genutzt, um E-Mails zu verschicken und um Informationen zu beschaffen. Der elektronische Handel spielt nur eine geringe Rolle. Bei Viel-Surfern verändert das Netz das soziale Verhalten.

Das Internet schafft einen neuen Menschen: sozial isoliert und arbeitswütig. Stärker als in früheren Zeiten das Automobil oder das Fernsehen, könnte sich das Internet zur einer Technik entwickeln, durch die Menschen von einander abgekapselt und von der Teilnahme am gesellschaftlichen Leben abgehalten würden, befürchtet Norman Nie, Professor an der Stanford-Universität in Kalifornien.
Zusammen mit seinem Kollegen Lutz Erbring von der FU Berlin hat Nie für diese Erhebung in den USA mehr als 4000 Erwachsene befragt. Mehr als die Hälfte (55 %) verfügt zu Hause oder am Arbeitsplatz über einen Computer mit Zugang zum Netz, in 43 % der Haushalte stehen Rechner mit Online-Anschluss.
Der Großteil der Befragten nutze das Netz, um E-Mails zu verschicken. Zwei Drittel verbringen weniger als fünf Stunden pro Woche online, und bei dieser Gruppe zeigten sich keine Veränderungen im Verhalten. Aber für jene, die pro Woche fünf Stunden und mehr surfen, rund ein Drittel, hat sich das Leben deutlich verändert. Am stärksten sind Einschnitte im sozialen Leben bei denen, die mehr als zehn Stunden in der Woche im Netz unterwegs sind, derzeit rund 15 %. Die Verfasser der Studie erwarten, dass dieser Anteil deutlich wachsen wird.
Auf den ersten Blick scheint die Vermutung, das Internet fördere die Vereinzelung, übertrieben zu sein, bietet es doch die Chance, mit E-Mails leichter und schneller mit anderen Menschen eine Verbindung aufzunehmen. Doch das einsame Surfen vor dem Schirm hat seinen Preis, zumindest bei jenen, die pro Woche fünf Stunden und mehr online sind. Der persönliche Kontakt mit der Familie und mit Freunden schrumpft, das Engagement in Vereinen geht zurück, die Zeit zum Einkaufen wird reduziert. Mit einer E-Mail ließe sich zwar die Verbindung halten, aber auf elektronischem Weg könne man nicht mit jemandem einen Kaffee oder einen Tee trinken, erläutert Nie.
Doch das Internet hat ein Janusgesicht. Die soziale Isolation werde durch die Art, wie das Internet zwangsläufig genutzt wird, zwar gefördert, sagt Nie, aber das Surfen und Recherchieren setzt auch eigene Aktivität voraus. Fernsehen oder Radio können auch nebenbei verfolgt werden, im Internet kann sich aber niemand bewegen, der nicht Engagement und Aufmerksamkeit mitbringt. Die Vermischung von Arbeit und Freizeit werde durch das Netz vorangetrieben, so die Studie. Die Neigung, auch in der Freizeit zu arbeiten, wachse bei den Beschäftigten, die auch in den eigenen vier Wänden über einen Online-Anschluss verfügen. Rund 16 % aller intensiven Internet-Nutzer (fünf Stunden und mehr pro Woche) arbeiten zu Hause, ohne die Arbeitszeit im Büro zu verringern. Und 9 % haben die Arbeitszeit sowohl in ihrem Wohnzimmer wie im Büro noch ausgeweitet. Nur ein kleiner Teil der Befragten, rund 4 %, hat die Arbeit im Büro reduziert und teilweise in die eigenen vier Wände verlegt.
Auch der Medienkonsum ändert sich durch das Netz. Von den regulären Internet-Nutzern sehen knapp 60 % weniger fern und ein gutes Drittel liest auch weniger Zeitung. Ein ernüchterndes Ergebnis für alle, die große Hoffnung auf den E-commerce setzen: Zur Abwicklung des elektronischen Handels wird das Internet selbst in den USA derzeit kaum genutzt.
Wie durch das Netz die Anonymität wächst, erläutert Nie an einem Beispiel: Auf dem Dorf wurde früher darauf geachtet, freundlich zu allen zu sein, weil man nicht wusste, wen man sonntags in der Kirche traf. In den Großstädten konnten die Menschen damit rechnen, dass ihnen eine bestimmte Person nicht zwei Mal über den Weg läuft. Im Internet-Zeitalter kennen viele Online-Nutzer aber einmal mehr die Namen derer, mit denen sie chatten. Nie und Erbring betonen jedoch ausdrücklich, dass ihre Befragung nur vorläufige Befunde zu Tage gefördert hat, ein Trend, der aber weiterhin beobachtet werden muss.
Vor mehr als 200 Jahren hat Adam Smith, einer der Begründer der modernen Ökonomie, in seinem Klassiker „Vom Reichtum der Nationen“ geschrieben, dass die gesellschaftliche Vereinzelung eine Voraussetzung sei für den freien Wettbewerb, für die Konkurrenz aller untereinander. Die kalifornische Studie legt die Vermutung nahe, als würde die Marktwirtschaft erst durch das Internet mit seinem riesigen Potential für Rationalisierung und Deregulierung zu sich selbst kommen.

Ein Beitrag von:

  • Hartmut Steiger

    Redakteur VDI nachrichten. Fachthemen: Aus- und Weiterbildung, Studium, Beruf.

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