Gesetzliche Verpflichtung im Visier 02.05.2013, 16:45 Uhr

Einheitliche Smartphone-Ladegeräte: EU-Kommissar schlägt Alarm

Knapp drei Jahre nach der Einführung einheitlicher Smartphone-Ladegeräte läuft die freiwillige Selbstverpflichtung von 14 Smartphone-Betreibern aus. Hersteller wie Sony, Samsung und Nokia wollen nun nicht länger an einheitlichen Standards festhalten. EU-Industriekommissar Antonio Tajani erwägt eine gesetzliche Verpflichtung zu dem Standard.

<p>Der EU-Standard sieht Ladegeräte mit Micro-USB-Stecker vor. Das Ziel der einheitlichen Stecker hat die EU-Kommission zwar erreicht, die Flut an Ladegeräten verschiedener Hersteller konnte sie jedoch nicht eindämmen. 

Der EU-Standard sieht Ladegeräte mit Micro-USB-Stecker vor. Das Ziel der einheitlichen Stecker hat die EU-Kommission zwar erreicht, die Flut an Ladegeräten verschiedener Hersteller konnte sie jedoch nicht eindämmen. 

Foto: Reinraum

Die Idee der europaweiten Selbstverpflichtung von Smartphone-Herstellern zu einem einheitlichen Ladegerät scheint zum Scheitern verurteilt. Bereits 2009 wurde ein sogenanntes „Memorandum of Understanding“ (MoU), also eine Absichtserklärung, zur Harmonisierung der Ladegeräte für in der EU verkaufte Mobiltelefone, verabschiedet. Bis Februar 2010 hatten sich 14 Smartphone-Hersteller, darunter Motorola, Samsung, Apple, Nokia, Sony Ericsson und der Chiphersteller Qualcomm, verpflichtet, einen neuen Standard für Ladegeräte mit Micro-USB-Stecker zu unterstützen.

Die hochgelobte Vereinbarung der EU-Kommission sollte sich sowohl verbraucherfreundlich als auch umweltschonend auswirken. Verbrauchern sollte es möglich sein, ihr Mobiltelefon mit jedem neuen einheitlichen Ladegerät aufladen zu können.

Daher erhoffte sich die EU zugunsten der Verbraucher sinkende Anschaffungskosten, da der Smartphone-Nutzer nur einmalig ein Ladegerät kaufen müsste. Beim Neukauf eines Mobiltelefons müsse zudem kein Netzteil mehr in der Grundausstattung mitgeliefert werden.

Ende 2012 waren 90 % der neuen Ladegeräte mit Micro-USB-Standard ausgestattet

Außerdem würden die vereinheitlichten Ladegeräte der Umwelt jährlich rund 50 000 t überflüssigen Elektronikabfall ersparen, so die Schätzungen der EU-Kommission.

Ende 2012 wiesen 90 % der in Umlauf befindlichen neuen Ladegeräte, nach Herstellerangaben, den vom Europäischen Komitee für elektrotechnische Normung (Cenelec) gemeinsam mit der Industrie verabredeten Micro-USB-Standard auf.

Der als EN 62684 bezeichnete Standard dient gleichzeitig als Stromversorgung und könne somit ideal als einheitliches Ladegerät genutzt werden. Darüber hinaus zeichnet sich der Micro-USB-Stecker mit bis zu 10 000 Steckzyklen als robuster Dauerläufer aus. Seit 2007 gehört er bei vielen Digitalkameras und anderen elektronischen Kleingeräten zur Grundausstattung.

Apple beharrte auf Sonderstatus

Doch selbst bei der breiten Umsetzung des einheitlichen Standards, gab es Ausnahmen: Apple beharrte auf einem Sonderstatus. So hatte der von Cenelec entwickelte einheitliche Ladeakku-Standard auch proprietäre Stecker erlaubt, solange der Anbieter gleichzeitig einen Adapter auf Micro-USB-Basis anbot. Beim iPhone ließ sich Apple diese Extrawurst vom Verbraucher mit bis zu etwa 20 € Zusatzkosten versilbern.

Ende 2012 lief die Selbstverpflichtung der Hersteller auf den Einheitsladestecker aus. Einige der 14 Unterzeichner wollen den gemeinsamen Stecker nun wieder ziehen.

Standard-Ladegeräte zu leistungsschwach: Einige Hersteller wollen wieder aus der Vereinbarung aussteigen

Sie argumentieren, dass die immer leistungsstärkeren Smartphones und Tablets nach immer leistungsfähigeren Ladestationen verlangen. Der derzeitige verabredete Standard geht von einem maximalen Ausgangsstrom von 1,5 Ampere aus. Ein Großteil der marktgängigen Tablet-PCs wartet dagegen – bestückt mit Micro-USB – mit Netzteilen von 2 Ampere Stromstärke auf. Die ausgehandelte Norm zwischen Industrie und EU-Kommission wird von der Innovationsgeschwindigkeit der IT-Branche mal wieder überholt. Grund genug für einige Tablet-Hersteller, aus der Vereinbarung mit der Brüsseler Behörde auszusteigen. Damit stünde der mühsam durchgesetzte europäische Standard vor dem Aus.

Dann würden wieder Insellösungen einzelner Hersteller drohen. Dies würde nicht nur das Aus für einen nahezu weltweiten Ladegerätestandard bedeuten, sondern auch der Umwelt mit mehreren Tausend Tonnen Elektroschrott an Ladegeräten pro Jahr zur Last fallen.

Sollten sich die Hersteller auf keine verbraucherfreundliche Lösung einigen können, erwägt EU-Kommissar Tajani eine gesetzliche Verpflichtung zu dem Micro-USB-Standard. Nach Angaben aus seiner Umgebung arbeitet die Generaldirektion der Unternehmen bereits an einem neuen Standard, der für Tablets und Smartphones gleichermaßen geeignet sein soll.

Ob die innovationsgetriebenen IT-Entwickler Monate darauf warten wollen, erscheint zweifelhaft. Eine gesetzliche Regelung, mit der Tajani die Branche disziplinieren will, würde mindestens ein Jahr in Anspruch nehmen. Kommt es zu keiner Verlängerung der Selbstverpflichtung, stehen die Verlierer somit fest: Verbraucher und Umwelt gleichermaßen. 

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