Mobilfunk 24.06.2005, 18:39 Uhr

Ein Handy für Festnetz und Mobilfunk  

VDI nachrichten, Berlin, 24. 6. 05 – Kombiprodukte aus Festnetz und Mobilfunk schießen derzeit wie Pilze aus dem Boden. Debitel vermarktet Mobilfunkverträge zusammen mit DSL-Zugängen. O2 und Vodafone bieten günstigere Handygespräche und Surfzugänge für zu Hause an. Technisch noch weiter geht BT. Seit vergangener Woche können 400 Kunden mit einem Handy zu Hause über Bluetooth und draußen über das Mobilfunknetz telefonieren. Die Telekom will Ende 2005 mit einem ähnlichen Angebot nachziehen.

Steve Andrews kann sich keine Telefonnummer mehr merken. Damit steht der Chef für den Bereich Mobilität und Konvergenz bei BT (British Telecom) nicht alleine da. Es geht vielen Menschen so, die in ihrem Handy sowohl Mobilfunk- als auch Festnetznummern gespeichert haben. Was wäre nun, wenn das Handy das einzige Telefon vieler Menschen würde? Schöne Idee, aber dagegen sprechen sowohl die hohen Kosten für Handygespräche und der oft schlechte Empfang in geschlossenen Räumen.

Beides will Andrews seit vergangener Woche gelöst haben. Unter dem Produktnamen „BT Fusion“ bringt Andrews ein einziges Telefon auf den britischen Markt, mit dem im Haus zu Festnetzpreisen und draußen nahtlos im Vodafone-Mobilfunknetz telefoniert werden kann. 400 Kunden testen das neue Angebot.

Die Lösung – einst unter dem Projektnamen Bluephone bekannt – ist technisch anspruchsvoll. Daher sind gleich mehrer Technikanbieter unter Federführung von Netzwerkausrüster Alcatel mit von der Partie. Der französische Konzern ist bereits seit längerem dabei, das leitungsvermittelte Netz von BT auf ein paketvermittlendes IP-Netz, das auf das standardisierte Internet Protocol (IP) zurückgreift, umzustellen. BT ist in Europa der erste Anbieter, der sich spätestens bis 2010 vom der traditionellen Telefonnetz verabschieden will.

Für das neue Angebot integrierte die schwedische Firma Ericsson im BT-Netz einen so genannten Home Base Station Controller. „Er sorgt dafür, dass Sprache, Daten und Signalisierung in IP-Pakete eingepackt und über das IP-DSL-Netz von BT zum Teilnehmer hin übertragen werden“, sagt Jörg Pentz. Der Customer-Solutions-Manager bei Ericsson erläutert weiter: „Über die Bluetooth-Basisstation zu Hause, die demnächst auch WLAN integriert hat, wird der Datenstrom entgegengenommen und an das Handy übermittelt.“

BT-Fusion-Nutzer bauten sich zu Hause über ihre Basisstation eine eigene Funkzelle für ihr Mobiltelefon auf, so Pentz. Damit das reibungslose Hin und Her zwischen IP-DSL- und Mobilfunknetz funktioniert, wird das neue Verfahren Unlicensed Mobile Access (UMA) eingesetzt. „Im Handy sorgt die UMA-Software dafür, dass IP-Pakete wieder ausgepackt werden, um Sprache, Daten und Signalisierung zurückzuerhalten“, so Pentz. In allen Phasen bleiben Gespräche von der GSM-Vermittlungsstelle gesteuert. Damit ist eine reibungslose Übergabe zwischen GSM-Netz und der Zelle zu Hause möglich. Spezielle UMA-Handys mit Bluetooth-Schnittstelle sind für solch eine Lösung unabdingbar. „Das Motorola-GSM-Handy hat einen speziellen Bluetooth-Chip integriert, der bis zu 25 m im Haus überbrückt und bis zu 70 m draußen, wenn die Sicht frei ist“, erläutert Andrews.

Zum Vergleich: Normale Bluetooth-Chips können nur etwa 10 m weit funken. Ein solches UMA-Handy kann sowohl mit einer Zelle zu Hause auf Bluetooth-Basis kommunizieren als auch mit dem herkömmlichen Mobilfunknetz. Anstelle von Bluetooth kann auch WLAN mit höherer Reichweite eingesetzt werden. Pentz von Ericsson rechnet mit kombinierten UMA-WLAN-Handys bereits gegen Ende des Jahres. Andrews von BT erwartet solche Mobiltelefone von Motorola, Nokia und Samsung erst in 12 Monaten.

Auch T-Com und T-Mobile, die Festnetz- und Mobilfunksparte der Deutschen Telekom, wollen dem britischen Beispiel bald folgen. Voraussichtlich gegen Ende des Jahres soll wegen der höheren Reichweite ein Produkt auf WLAN-Basis auf den Markt kommen, heißt es aus Unternehmenskreisen.

Anders die Swisscom. Selbst nach intensiven Tests der technischen Lösung mit Bluetooth wird es in der Alpenrepublik noch kein Angebot geben. Massive Wände und armierter Boden schränkten die Leistungsfähigkeit von Bluetooth zu stark ein. Die Folge: „Ist man zu weit weg vom Bluetooth-Empfänger, wechselt das Handy in den teureren Mobilfunktarif, obwohl man in der Wohnung ist“, sagt Andreas Nimack von Swisscom Fixnet. So könnte die Monatsrechnung böse Überraschungen mit sich bringen. Außerdem sei die Auswahl an speziellen Handys, so Nimack, noch zu gering.

Dennoch gehen Marktforscher von regem Interesse der Kunden aus. Pyramid Research erwartet, dass Kombiprodukte aus Festnetz und Mobilfunk 2009 weltweit Umsätze von bis zu 80 Mrd. $ schreiben könnten. Wer unter den Festnetz- oder den Mobilfunkanbietern dabei den Löwenanteil reißt, ist längst noch nicht ausgemacht.

Kombiprodukte laufen auf einen verstärkten Wettbewerb zwischen Mobilfunk- und Festnetzanbietern hinaus. Jeder will dem anderen Kunden abspenstig machen. Deshalb bewertet Forrester Research das neue „BT Fusion“-Angebot zwar als einzigartig, aber der wirtschaftliche Erfolg sei nicht garantiert. Allgemeine Trends wie die saturierten Mobilfunkmärkte, der intensive Wettbewerb zwischen Mobilfunk und Breitband, aber auch mangelndes Verständnis der Kunden sowie die Abgestumpftheit des Marktes könnten den Erfolg limitierten. NIKOLA WOHLLAIB

 

Von Nikola Wohllaib

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