E-Business 29.12.2000, 17:27 Uhr

E-Markets: hier Euphorie, da Frust

Über den theoretischen Nutzen von virtuellen Handelsplattformen sind sich Beschaffer einig. Nur mit der praktischen Umsetzung der Idee sind die wenigsten zufrieden.

Kaum mehr eine Branche, in der nicht über virtuelle Tresen gehandelt wird: Schon länger aktiv sind die klassischen Großindustrien wie Automobil, Chemie oder Luftfahrt. Jetzt ziehen auch kleinere Exoten nach: Das amerikanische Unternehmen iUndertake Inc. etwa betreibt unter www.funeralexchange.com eine Bestattungsplattform. Grabsteingravuren, Krematortien-Termine und Musik-Zeremonien kommen hier unter den Hammer. Aber nicht nur im Land der unbegrenzten Möglichkeiten gibt es Angebote für ein zahlenmäßig begrenztes Klientel. In Deutschland beispielsweise bringt der Milchbroker.de Sauerrahmbuttermilch und Süßmolke an den Kunden – tonnenweise.
So skurril die einzelnen Modelle für Otto-Normalkunden klingen mögen, viele Analysten prognostizieren dem B2B-Handel branchenübergreifend eine goldene Zukunft. Das Beratungsunternehmen Arthur Andersen kommt in einer neuen Studie zum Ergebnis, dass mittlerweile 66 % der mittleren und großen Unternehmen in den USA online einkaufen. Im Juni waren dies gerade einmal 48 %. Und dieses Engagement scheint sich zu lohnen: Schon jetzt haben sich für 30 % der Unternehmen die Investitionen angeblich ausgezahlt. Die anderen Firmen rechnen damit, dass sie ihr Geld durchschnittlich innerhalb von 13 Monaten wieder reingeholt haben werden. Forrester Research geht entsprechend davon aus, dass bis 2002 stolze 93 % aller Unternehmen Geschäfte über E-Markets abwickeln.
Also alles im Lot? Weit gefehlt. 41 % der von Arthur Andersen befragten Unternehmen befürchten nämlich gleichzeitig, dass teuer eingekaufte Lösungen schnell veraltetet sein könnten. Außerdem scheuen sie den Aufwand für die notwendigen Mitarbeiter-Schulungen.
Einen wirklich bitteren Wermutstropfen träufelten die Experten von PricewaterhouseCoopers vor wenigen Wochen in die B2B-Euphoriesahne. Sie maßen existierende Plattformen an einem Katalog wünschenswerter Features. Ergebnis: Die Mehrzahl der elektronischen Marktplätze genügt den an sie gestellten Anforderungen nur mangelhaft.
Weiteren Rückenwind bekommen die Kritiker jetzt durch eine Studie von Sterling Commerce, einer hundertprozentigen Tochter von SBC Communications. Die Düsseldorfer befragten 502 deutsche Unternehmen mit über 50 Mio. DM Umsatz pro Jahr nach ihrer Einschätzung. Demnach betrachten nur 12 % der Business-Verantwortlichen die B2B-Marktplätze gegenwärtig schon als eine Alternative zum herkömmlichen Handel. Für weitere 24 % sind sie nur „mit Abstrichen“ interessant, jedes zweite Unternehmen geht völlig auf Distanz zu virtuellen Handelsplattformen. Die Skeptiker begründen ihre Zurückhaltung vor allem mit der Einschätzung, dass die Marktplätze noch erhebliche Qualitätsmängel aufweisen (62 %) und keine ausreichenden Vorteile bieten (52 %).
Entsprechend klein ist der Nutzerkreis: Lediglich 11 % wickeln über die Handelsplattformen regelmäßig Geschäfte ab, zwei Drittel nehmen nie Bestellungen per Mausklick vor. Aber selbst wer B2B-Marktplätze aktiv besucht, zeigt sich durchschnittlich sehr zurückhaltend. Nur jedes zwölfte Unternehmen erreicht im Vergleich zum Volumen seines traditionellen Handels eine Quote von über 25 %. Bei fast drei Viertel der Marktplatznutzer liegt sie unter einem Zehntel. Hintergrund des derzeit schwachen Engagements dürften, so Sterling, die mehrheitlich unbefriedigenden Erfahrungen mit den Plattformen sein: 43 % bezeichnen sie als „mittelmäßig“, 35 % gar als „frustrierend“.
Zu den Kritikpunkten aller befragten Manager gehört vor allem der Informationsgehalt. Er wird von 74 % negativ bewertet. Zwei Drittel betrachten zudem die Angebotsbreite der Marktplätze als unbefriedigend. Aber auch die Kosten und Services finden bei jedem zweiten Manager keine Zustimmung. „Dass der E-Business-Zug nicht schneller in Fahrt kommt, ist angesichts dieser Kritik nicht verwunderlich“, resümiert Roland Ebert-Weglehner, Manager bei Sterling Commerce. Gleichzeitig sieht er die Unternehmen in der Pflicht, die eigenen Anforderungen offensiver zu kommunizieren. „Mit den elektronischen Handelsplattformen wurde Neuland betreten. Erfahrungen aus den herkömmlichen Handelsstrukturen lassen sich nur bedingt auf das Internet übertragen, deshalb sind anfängliche Kinderkrankheiten nicht verwunderlich.“ Die momentan noch geringe Akzeptanz von virtuellen Marktplätzen sei aber kein Indiz für eine distanzierte Haltung der Wirtschaft gegenüber dem E-Business. „Es wird sicherlich zu einer Konsolidierung der Plattformen kommen, dennoch die Entwicklung selbst eine große Dynamik entfalten.“
Dass B2B-Plattformen nicht automatisch zu Selbstläufern werden und schnell schwarze Zahlen schreiben, musste der Anbieter von Online-Marktplätzen Ventro jetzt schmerzlich feststellen. Neben dem B2B-Marktplatz für die Biotechnologiebranche „Chemdex“ soll auch „Promedix“, eine Plattform für hochwertige medizinische Produkte, bis spätestens zum 31.03.2001 geschlossen werden. Besonders in den letzten sechs Monaten war es Ventro nicht gelungen, genügend Verkäufer und Käufer davon zu überzeugen, ihre Geschäfte über Chemdex bzw. Promedix abzuwickeln. Die daraus resultierenden enttäuschenden Umsatzzahlen ließen den Aktienkurs von Ventro von über 200 Dollar im Februar auf nunmehr unter 2 Dollar fallen. Die Schließung sei vor allem vom Shareholder-Value-Gedanken getrieben, ließ das Management verkünden. Betroffen sind insgesamt 235 Arbeitsplätze. Zukünftig will sich Ventro mehr auf den Aufbau und das Betreiben von B2B-Marktplätzen in Kooperation mit führenden Industrieunternehmen konzentrieren. Laut Dave Perry, CEO von Ventro, will man damit auf die sich schnell geänderten Voraussetzungen im B2B-E-Commerce reagieren. Das Scheitern von Chemdex und Promedix unterstreicht die Kernaussage einer Studie von Jupiter Research, die von der Industrie initiierte B2B-Marktplätze für wesentlich aussichtsreicher als unabhängige Marktplätze hält. STEFAN ASCHE

Von Stefan Asche
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