Software 23.06.2000, 17:25 Uhr

„Display für Fingerlektüre“

Ein blinder Informatiker entwickelt ein Computerprogramm, mit dem sich die Inhalte des World Wide Web abhören oder ertasten lassen. Im Herbst will Siemens mit der Uni Paderborn ein „Kompetenzzentrum für behindertengerechte Technologien“ eröffnen.

Ein Büro wie viele andere. Konzentriert arbeiten die drei Forscher im C-Lab – der Innovationswerkstatt der Universität Paderborn und der Firma Siemens – an ihren Rechnern. Einer von ihnen, Klaus-Peter Wegge, hat gerade zwei Besucher zu Gast. Doch während diese gespannt auf Wegges Monitor schauen, hält der Informatiker den Kopf auf eine Art Leiste unterhalb seiner Tastatur gesenkt.
Was die Besucher sehen, ist ein Schwarzweiß-Bildschirm, auf dem nur Programmierbefehle flimmern. Wegge rät den beiden, den Bildschirm dahinter zu nehmen. Und hier laufen dann auch wieder die gewohnten bunten Bilder und Grafiken.
Wegge selbst kann damit nichts anfangen. Seit seinem dritten Lebensjahr ist er blind.
Die Leiste unter seiner Tastatur ist eine Leiste mit 80 Braille-Tasten, eine Art „Display für Fingerlektüre“ (Wegge), die mit dem Computer verbunden ist. Mit Hilfe dieser Braille-Leiste lassen sich PC-Texte in Blindenschrift (Braille-Schrift) darstellen und abtasten. Die Eingabe erfolgt über die normale PC-Tastatur.
Für die meisten PC-Nutzer ist ein Computer ohne Monitor unvorstellbar. Doch blinden Menschen, die an den Errungenschaften des Internet teilhaben wollen, nützt er nichts. Allein in Deutschland leben 160 000 blinde und 500 000 sehbehinderte Menschen. Von den vielen Informationsquellen des Netzes, etwa Online-Ausgaben von Zeitungen oder neue Freizeit- und Kontaktmöglichkeiten, sind sie wegen deren grafischer Darstellung weitgehend ausgeschlossen. Wie etwa sollen sie mit der Maus auf ein Symbol klicken?
Klaus-Peter Wegge kennt diese Probleme nur allzu gut, aber er ist alles andere als hilflos. „Es geht“, sagt er, und in seiner Stimme schwingt jene Zielstrebigkeit, die ihn auch dazu gebracht hat, als 17-Jähriger die Schule für Blinde in Marburg zu verlassen und ein Regelgymnasium in seiner Paderborner Heimatstadt zu besuchen. „In einem Gymnasium für Blinde hat man es einfach und bequem. Mich reizte die Herausforderung.“
Ein Gutes hatte die Blindenschule aber doch: Die Physiklehrerin weckte sein Interesse für den Amateurfunk. „Ein geniales Medium“, schwärmt er, „man lernt viele Leute in aller Welt kennen und beschäftigt sich intensiv mit Technik.“ Physik und Mathematik waren ohnehin seine Lieblingsfächer.
Ein Spaziergang wurde die Zeit auf dem Gymnasium trotzdem nicht. Denn der Hobbyfunker musste „viel, viel Zeit investieren und sich für die Hausaufgaben die entsprechenden Bücher von den Mitschülern vorlesen lassen“. In dieser Zeit hat er sehr viel mit Schülergruppen gearbeitet.
Teamwork kam ihm auch beim Studium der Informatik zu Gute. „Das war ein Geben und Nehmen“, erinnert sich der 40-Jährige. In den Vorlesungen war er derjenige, der die Notizen machte. Im Gegenzug schrieben die Studienkollegen die Tafelbilder ab und der angehende Informatiker steuerte die erklärenden Schritte bei.
Heute erreicht Wegge beim Abtasten der Braille-Schrift ein solches Tempo, dass er mit seinen Gästen, die gerade eine aufgerufene Internetseite lesen, locker mithalten kann.

Eine Dienstleistung für Behinderte

Nach wie vor arbeiten blinde Computeranwender, wenn sie die Wahl haben, vorzugsweise mit textorientierten Betriebssystemen wie DOS. Doch DOS wird nicht mehr weiterentwickelt und vorhandene Software kaum noch gepflegt. Zudem lässt sich damit nicht im Netz navigieren.
Um auch in den Genuss des World Wide Web zu kommen, hat Programmierer Wegge- am C-Lab einen internettauglichen Blindenarbeitsplatz entwickelt. Beim Betriebssystem gab er dabei Linux den Vorzug, denn es „trennt sauber zwischen Text und Grafik und ist stabiler und sicherer“.
Dazu kommt, dass Linux den Anwendern kostenlos und im Quelltext zur Verfügung steht. Entwickler können sich damit auch den Problemen kleiner Anwendergruppen annehmen und die Softwareprogramme an besondere Situationen anpassen: etwa darauf, dass der Nutzer keinen Monitor braucht.
So produziert ein von Wegge geschriebenes Programm Texte auf der mit dem PC verbundenen Braille-Zeile, wandelt also Internet-Inhalte in „fühlbare“ Blindenschrift um. Bei Fotos greift die Software auf die vorhandene Bildbeschreibung zu. Der Anwender kann also mit seinen Fingerkuppen die Inhalte, die normalerweise hinter den Grafiken und Bildern liegen, ertasten.
Die Erfahrungen, die Wegge bei seiner eigenen Arbeitsplatzgestaltung gemacht hat, hofft er bald weitergeben zu können: Im kommenden Herbst will Siemens zusammen mit der Uni Paderborn im C-Lab ein „Kompetenzzentrum für behindertengerechte Technologien“ (Accessibility Competence Center) eröffnen. Unternehmen und Verwaltungen sollen hier entsprechende Dienstleistungen angeboten werden.
Als Wegge vor zehn Jahren bei Nixdorf in Paderborn anfing war es seine eigentliche Aufgabe gewesen, Datenbanken zu entwickeln. Den Job hat der begeisterte Modelleisenbahner seiner Schlagfertigkeit zu verdanken. Denn bei Bewerbungsgesprächen musste er immer wieder die Erfahrung machen, dass die Firmen seine Zeugnisse zwar anerkannten, sich aber nicht vorstellen konnten, dass er „als Blinder so etwas machen kann“.
Den Ausschlag gab dann ein Personalberater des Computerherstellers, der in der Fakultät für Informatik für seinen Arbeitgeber warb und Forderungen wie diese stellte: Die zukünftigen Arbeitnehmer müssten jung sein, einen Doktortitel haben und Auslandserfahrung aufweisen. „Das hat mich so wütend gemacht“, sagt Wegge, und die Erinnerung an seine Reaktion lässt den großen, kräftigen Mann grinsen, „dass ich ihn fragte, was sie denn zu bieten haben, dass solche Leute zu ihnen kommen“.
Das Selbstbewusstsein des blinden Studenten beeindruckte den Nixdorf-Mitarbeiter. Das Unternehmen bot ihm erst ein Firmenpraktikum an, dann die Diplom-Arbeit und anschließend eine Stelle. „Ich war vermutlich eine ganze Zeit lang der einzige blinde Informatiker in Deutschland. Das hat sich in der Zwischenzeit Gott sei Dank geändert“, so Wegge.
Trotzdem findet der frisch gebackene Vater eines Sohnes, dass gerade große Firmen mehr für behinderte Menschen tun könnten, und wenn sie nur damit anfingen, die Arbeitsplatzquoten für diese zu erfüllen.
Von seiner Arbeit profitieren bald alle Blinden, die am Internet interessiert sind: etwa mit Cityweb Plus – einem Online-Dienst für Blinde, den Wegge gemeinsam mit dem Provider Cityweb Network entwickelt hat. In Kürze können sie interaktiv bestimmen, was sie wann im Internet lesen wollen. „Cityweb Plus basiert auf einer speziellen Internet-Software, die Informationen über ein Blindenschrift-Display oder – für Menschen, die die Blindenschrift nicht beherrschen – per Sprachausgabe präsentiert“, erläutert Wegge. Zur Umwandlung der Monitorausgaben in fühl- und hörbare Informationen dienen Übersetzungsprogramme, welche die Rückmeldungen der Software für die Braille-Zeile oder Sprachausgabe aufbereiten. Die Informationen des neuen Services basieren auf den Cityweb Online-Dienst, der internationale und lokale Nachrichten aus allen Ausgaben der Zeitungsgruppe WAZ anbietet. Dazu gehören der Veranstaltungskalender ebenso wie der Wetterbericht oder das Horoskop. EVADOXIA TSAKIRIDOU
Die Braille-Zeile, das eigentliche Display, über das Blinde die eingehende Informationen erfühlen. Die Eingabe erfolgt mit der normalen Tastatur. Über die linke Braille-Zeile werden Informationen zum Bildschirmaufbau erfühlt.
Klaus-Peter Wegge an seinem Arbeitsplatz. Auf dem Bildschirm, den Wegge nicht benutzen kann, erscheinen nur noch die Programmierbefehle.

Blindenschrift

Zeile für Zeile ins Netz

Als der Franzose Louis Braille – er hatte mit drei Jahren sein Augenlicht verloren – 1824 die Blindenschrift entwickelte, ging es ihm zunächst nur um ein Hilfsmittel für sich selbst. Braille war damals Schüler des „Nationalinstituts für blinde Kinder in Paris“. Mit einer Matrix aus sechs Punkten, die in zwei Spalten mit je drei Zeilen angeordnet waren und in Papier geprägt wurden, konnte er 63 Zeichen darstellen und so mit den Fingern Texte lesen und schreiben. Seine Mitschüler griffen die neue Schrift sofort auf. Doch erst 1854, zwei Jahre nach seinem Tod, begann der Siegeszug der Punktschrift. Da ein blinder Computernutzer zeilenweise erkundet, was auf dem Bildschirm angezeigt wird, benötigt er Hinweise, in welchem Zusammenhang die angezeigten Informationen stehen. Deswegen verfügen moderne Braille-Zeilen über Zusatztasten, über die sich Statusinformation wie Attributfarbe oder Cursorposition erfassen lassen und das Navigieren auf dem Bildschirm erlauben. Bei der heutigen Braille-Zeile wird jeder Buchstabe mit acht Punkten in einer Matrix mit 2×4 Punkten codiert. Die kleinen Stifte in einem Buchstabenmodul werden durch piezokeramische Biegeelemente gesenkt und gehoben. 20 bis 80 solcher Module bilden ein Braille-Display – sie werden mittels einer Software (Screenreader) angesteuert. Allerdings ist ein solches „Display“ sehr teuer. Es kostet zwischen 10 000 und 40 000 DM.
Weitere Informationen unter: Internet-Server für Blinde (INSB): http://www.c-lab.de/insb.
Homepage Klaus-Peter Wegge: http://www.c-lab.de/~wegge
Online-Hilfsmittelkatalog für Blinde: http://www.c-lab.de/vzfb. ev

 

Ein Beitrag von:

  • Eve Tsakiridou

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