Internet 23.03.2001, 17:28 Uhr

Die Stunde der Autodidakten

Immer mehr Schulen in Deutschland haben Anschluss ans Internet. Doch genutzt wird die Technik vor allem dann, wenn sie den Schülern etwas bringt. Das zu vermitteln, ist die bisweilen schwierige Aufgabe der Lehrer.

Stanislaw, komm mal her, da hat wieder einer an der Eingangsseite gebastelt.“ „Typisch, irgendwas machen die doch immer kaputt.“
Stanislaw stellt die Cola-Flasche beiseite, schlängelt sich durch die Bänke, gleitet auf einen Stuhl, zieht die Tastatur heran, tippt Befehle ein. Coole Sache das, dafür nimmt er nicht mal die Kappe mit dem New York Emblem von der Stirn. „Htm oder l?“, fragt er über die Schulter. „Html“, kommt es aus der Runde.
Es ist Mittwoch nachmittag, 14 Uhr, und die „Projektgruppe Internet“ des Düsseldorfer Theodor-Fliedner-Gymnasium trifft sich in ihrem „Internet-Cafe“, sprich dem Computerraum – zwölf Jungen und ein Mädchen im Alter von 15 und 16 Jahren.
Sie pflegen und verwalten das schulinterne Intranet und den Zugang zum Internet, laden neue Software aus dem Netz, nehmen Rechner auseinander, reparieren und sorgen so dafür, dass auf jedem Bildschirm der insgesamt 32 Computerarbeitsplätze der Schule immer dieselbe Oberfläche erscheint – kurzum, sie machen einen Job, für den ein Netzwerkadministrator in der Industrie zwischen 80 000 DM und 100 000 DM im Jahr erhält.
„Alle, die mal in dieser Projektgruppe waren, studieren heute Informatik, viele verdienen nebenher Geld als Systemadministratoren“, erzählt Volker Baumgarten. Der Lehrer mit den Fächern Deutsch und Sport ist seit einigen Jahren der EDV-Leiter der Schule und geistiger Vater des Projekts: „Wir sind Autodidakten“.
Auf den Gedanken, nach Weiterbildung zu rufen, bevor er sich an den PC setzt, käme der blonde Hüne nicht. Stolz erzählt er, dass die gesamte Software fürs Intranet als Freeware aus dem Netz geladen wurde und wie man „anfangs die Leitungen selber verlegt“ habe. „Wir sind da unten im Keller rumgekrochen und haben Löcher in die Wände gebohrt.“ Heute sieht man davon in dem schmucklosen Funktionsraum wenig.
Das Grundprinzip des vernetzten Fliedner-Gymnasiums ist Selbstverwaltung. Schon in der 5. Klasse können die Kids einen „Computerführerschein“ machen damit erhalten sie nicht nur ihr Passwort fürs Intranet und den Zugang zur eigenen Mailbox, sondern auch eine Art Lehrbefähigung: Sie dürfen die nächste Generation Fünftklässler unterrichten.
Die „Projektgruppe Internet“ war Baumgartens Idee. So entlastet er nicht nur Kollegen und Schuletat, er bietet auch pädagogischen Ansporn.
Auf die Frage, wie er in die Gruppe gekommen sei, antwortet Stanislaw stolz: „Man geht nicht einfach hinein, man wird gebeten.“ „Is“ ja gut“, frozzelt Baumgarten, „ich selektiere da schon.“
Es herrscht ein deftiger Ton zwischen Lehrern und Schüler, weniger wie in einer Schule, eher wie in einem mittelständischen Unternehmen. Die Tür fliegt auf und Karsten kommt herein. „Hast Du den Rechner im Kinderhaus repariert?“, will Baumann wissen. „Nein, ich hab das Problem noch nicht gefunden“, antwortet Karsten, während er seine Notizen im Organizer kontrolliert. Hier spricht der Chef und die Mitarbeiter antworten
Das Fliedner-Gymnasium liegt im Düsseldorfer Stadtteil Kaiserswerth. Rund um den mittelalterlichen Stadtkern suchen – und finden – gut verdienende Angestellte und Beamte, Ärzte, Architekten und Unternehmer jenen Traum von Lebensqualität, in dem sich das eigene Heim im Grünen mit der Nähe zur City paart.
Computer gehören hier wie Fernseher und Telefon zur Grundausstattung, auch der Internet-Anschluss, schätzt Baumgarten, ist in mehr als zwei Dritteln der Familien vorhanden.
Das sieht knapp 30 km weiter nördlich schon anders aus. Die Gesamtschule Duisburg Ruhrort liegt in einem Stadtteil, dem man ansieht, dass er dabei ist, den Strukturwandel zu bewältigen. Doch die Gegend ist im Kommen es werden sogar wieder Einfamilienhäuser gebaut. „Der Stadtteil wird schick“, sagt Ralf Gutmann, Lehrer an der Gesamtschule und Internet-Projektleiter.
Dienstag morgen. Gutmann muss einen erkrankten Kollegen vertreten.Mit den Schülern der 10. Klasse geht er in einen der drei Computerräume, die für die 900 Schüler zur Verfügung stehen.
Zwölf PC mit Windows NT bilden das Tor zur virtuellen Welt, insgesamt verfügt die Schule über 39 PC mit Internetanschluss. Doch schon fallen die kleinen Unterschiede auf: Während die Fliedner-Cracks sich ihre Bildschirmoberfläche selbst gestaltet haben, läuft hier die Standardoberfläche.
Gutmann gibt den Schülern als Aufgabe eine einfache Recherche, die nur etwas Erfahrung mit Suchmaschinen verlangt: „Wie viel Rinder sind in Großbritannien an BSE erkrankt?“
Doch darauf haben die Mädels aus der letzten Bank keinen Bock. Sie surfen lieber zu disconaut.de und betrachten Fotos vom letzten Wochenende. „Ich bin oft in dieser Disco“, sagt die blonde Evelyn, „deshalb bin ich auch oft hier.“ Sie grinst, stolz und ironisch zugleich. Zwei Tische weiter sind zwei andere Schüler bei sms.de gelandet. Jedenfalls weit weg von BSE.
„Klar“, sagt Gutmann, „das ist eine Vertretungsstunde, da ist meine Macht begrenzt. In der 10. Klasse haben die meisten das System durchschaut.“ Marcel und Konrad ebenfalls – auf ihre Weise. „Wir ham‘s“, rufen die beiden Computerfans nach knapp zehn Minuten, und zeigen auf eine Tabelle. Für sie war die Recherche ein Kinderspiel, sie schreiben zu Hause bereits ihre eigenen Programme.
Gutmann ist seit sechs Jahren an der Ruhrorter Gesamtschule; Illusionen hat er keine mehr, aber noch jede Menge Elan. Für die Arbeit als Internet-Projektleiter wird ihm keine einzige Unterrichtsstunde erlassen. „Es macht einfach Spaß“, sagt er, „die Konzentrationsspannen der Schüler sind am Computer länger als beim Frontalunterricht.“ Man ahnt, dass der Schulalltag wenig Anlass zur Freude bietet.
Die meisten Schüler der Ruhrorter Schule sind von den anderen Gesamtschulen der Stadt abgelehnt worden, nicht etwa, weil es an Intelligenz mangele, wie Gutmann betont. Viele sind „sozial auffällig“, mit anderen Worten wibbelige, desinteressierte Kids, die es als Erfolg verbuchen können, wenn sie nach der 10. Klasse einen Abschluss in der Tasche haben. Eben deshalb möchte Gutmann nach Abschluss des Berufspraktikums ein Fach Medienkunde einführen, das ihnen den Sprung in einen Beruf leichter machen soll.
Größtes Problem dabei dürften die Kollegen sein, die sich für das neue Medium noch nicht so recht erwärmen können. „Das Internet steht in meiner Prioritätenliste etwa an 15. Stelle“, sagt Gutmanns Kollege André Hoffmann, „was vermittele ich den Schülern eigentlich mit dem Internet? 90% der Informationen im Netz sind doch Müll.“
Solche Einstellungen sind unter Lehrern nicht gerade selten. Aber da sind Stansilaw und Karsten, Evelyn, Marcel und Konrad schon ein ganzen Schritt weiter: Sie wissen wie man die Spreu vom Weizen trennt. Zumindest im Internet. HELENE CONRADY

Schulen online

Außer in NRW sind auch alle Schulen Brandenburgs, Sachsen-Anhalts, Thüringens und des Saarlandes inzwischen am Netz die anderen Länder werden in den nächsten Monaten folgen. Insgesamt haben 32 000 Schulen derzeit einen Zugang zum Internet. Die Telekom ist der einzige Carrier, der mit seinem Projekt T@School Schulen einen kostenlosen Internet-Zugang bietet. Einzelne regionale Carrier tun dies ebenfalls, allerdings unter bestimmten Bedingungen. HC

IT-Kompetenz

Lehrer haben schlechten Ruf

Vier von fünf Schülern glauben, dass in etwa 20 bis 30 Jahren jeder Schüler an einem PC arbeiten werde. Das ergab eine Umfrage des Allensbach-Instituts im Auftrag der VDI nachrichten. Nach Einschätzung von drei Vierteln der Jugendlichen wird der Umgang mit dem Internet dann ein eigenes Schulfach sein. Noch allerdings beklagt die Mehrheit der Schüler – und der Lehrer – die mangelhafte technische Ausstattung der Schulen. Auch die Fähigkeiten der Lehrer stehen in keinem guten Ansehen. Über die Hälfte der Jugendlichen gibt an, ihre Lehrer hätten erhebliche Schwierigkeiten mit der modernen Kommunikationselektronik. HC

Ein Beitrag von:

  • Helene Conrady

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