Telekommunikation 13.08.1999, 17:22 Uhr

Die Rechnungsfalle: Billing will gekonnt sein

Falsche Telefonrechnungen sind schon heute eines der größten Probleme deutscher Telekommunikationsunternehmen. Künftig wird es noch schwieriger, denn auf einer Rechnung sollen verschiedene Dienste zusammengefaßt werden.

Der Trend ist klar: „Convergent Billing“ heißt das neue Zauberwort in der internationalen Telekommunikations-Branche. „Wir sehen an Anfragen, daß dies momentan bei deutschen Anbietern ein top-aktuelles Thema ist. Im Ausland ist diese Form des Billings längst gelebtes Business“, erklärt Markus Trottnow, Manager Market Research beim Software-Konzern LHS.
Hinter intelligentem Billing steckt mehr als „Eine Rechnung für alles“: Wenn die Netze und Dienste verschmelzen, müssen die Abrechnungssysteme nachziehen – so lautet die einfache Formel. Doch einfach ist an Software für Convergent Billing offenbar gar nichts. Auch in Deutschland drohen jetzt Telekommunikationsunternehmen, in die Rechnungs-Falle zu tappsen. „Wer glaubt, er könne verschiedene Abrechnungssysteme einfach zusammenfügen, dem sage ich deutlich: Das klappt nicht“, warnt Trottnow.
Falsche Rechnungen sind bereits heute ein Problem der großen wie kleinen Anbieter. Auffallend sind neben der Häufigkeit vor allem die Artenvielfalt der Billing-Probleme: Da werden Gespräche doppelt berechnet, stimmen Time-Codes nicht oder tauchen identische Gespräche auf den Rechnungen zweier Konkurrenten auf. Folge ist neben erhöhten Billing-Kosten für nachträgliche Korrekturen ein Image-Verlust: Umfragen haben ergeben, daß die deutschen Telefon-Kunden die Seriösität eines Anbieters neben Kriterien wie Leitungsverfügbarkeit und Taktung vor allem anhand des Rechnungsservices beurteilen.
Die Regulierungsbehörde hat bereits reagiert und die Vorschriften für TK-Rechnungen nach § 5 TKV so präzisiert, daß künftig ein Rechnungs-TÜV für die Telekommunikationsdienstleister existiert. „In regelmäßigem Abstand wird künftig überprüft, ob die Vorschriften für ein korrektes Abrechnungssystem eingehalten werden. Wir hoffen, daß das Verfahren ab Oktober steht“, berichtet Harald Dörr, Sprecher der Bonner Regulierungsbehörde.

Bei Rechnungsfehlern droht ein Domino-Effekt

Durch Convergent Billing (CB) droht ein Domino-Effekt von Rechnungsfehlern bei der Bündelung ursprünglich getrennt abgerechneter Dienste in nur noch einem Billing-System. Bei Viag Interkom ist man nach den bereits durchlebten Rechnungs-Pannen vorsichtig geworden. „Wir setzen voll auf intelligentes Billing und verfügen auch bereits über ein entsprechendes System, das schon Marktreife hat“, sagt Interkom-Pressereferentin Edith Rayner. „Aber die Thematik ist sehr kompliziert. Daher warten wir mit der Einführung, bis alles vollkommen sicher läuft. Dann allerdings sehen wir Convergent Billing als einen ganz wichtigen Punkt, bei dem wir einen klaren Vorteil gegenüber unseren Wettbewerbern haben.“
Wie wichtig CB sein kann, zeigt auch folgendes Beispiel: France Télécom soll 1998 nach Branchenberichten mit 30 verschiedenen Billing-Programmen für verschiedene Bereiche der Telekommunikation gearbeitet haben. Entwicklungen im US-Markt zeigen: Auch Convergent Billing ist nur ein Zwischenstadium in der Abrechnungs-Entwicklung. Selbst der von der Software-Industrie geprägte Zukunfts-Begriff „Communication Bill“ spart z. B. telekommunikations-fremde Dienste wie Wasser und Strom aus. Doch gerade Energieversorger, die auch im TK-Geschäft agieren, könnten durch ein einheitliches Billing für alle angebotenen Dienste deutliche Kosteneinsparungen erzielen.
Beispiele für erste Ansätze nach dem Motto: „Die Rechnung ist mehr als eine Zahlungsaufforderung“ gibt es bereits: Debitel bietet seit langem gegen Aufpreis eine grafische Darstellung der angefallenen Gesprächsverbindungen, damit der Kunde sein Telefonierverhalten analysieren und ein persönliches Least-Cost-Routing entwickeln kann. First Telecom setzt auf eine Top-Ten-Auswertung (z. B der längsten Telefonate, der meistgewählten Nummern etc.), wodurch der Telefonkunde Tips zum künftigen Verhalten am Hörer bekommt. Im Ausland sind via Convergent Billing längst auch schon sogenannte Kreuzrabatte im Angebot: So gewährt ein britischer Anbieter Pay-per-View-Rabatte ab einem bestimmten Telefon-Rechnungsvolumen an, und in den USA setzt Citizen Communications einen „Convergent Billling Engine“ ein, der schnell neue Discount-Tarife aus der Rechnungssoftware heraus aufgrund veränderter Verbrauchergewohnheiten entwickelt.
Am Beispiel Short-Message-Service (SMS) zeigt sich aber auch, wie das bislang schlichte Rechnungsformular für Kunde wie Anbieter durch individuelle Zusatzinfos auf der Abrechnung zu einem Mehrwertprodukt wird. Seit Monaten verzeichnet SMS in Deutschland einen wahren Boom: Im D2-Netz werden z. B. monatlich ca. 130 Mio. Kurznachrichten verschickt – Anfang 1998 waren es nur 2 Mio. Mit individuellen Infos auf der Rechnung könnte dieser Entwicklung im wahrsten Sinne des Wortes auch Rechnung getragen werden. So nutzen viele Handy-Kunden SMS-Funktionen noch gar nicht. Da dies aus dem Billing-System ersichtlich ist, müßten diese Nutzer mit Einsteiger-Anleitungen versorgt werden. SMS-Vielnutzer – die ebenfalls automatisch beim Billing „enttarnt“ werden – könnten dagegen mit Mengenrabatten belohnt werden.
Im deutschen Markt sind derzeit viele Telefongesellschaften durch die Fixed-Mobile-Konvergenz sowie durch ihr Engagement als Internet-Service-Provider gezwungen, ihr Abrechnungssystem auf alle angebotenen Dienste auszuweiten. Auch in puncto kundenspezifischen Info-Begleitbriefen zur Rechnung haben die Hersteller von Billing-Software noch Nachholbedarf. Doch LHS-Manager Trottnow weiß: „Der Wettbewerb in unserer Branche ist voll entbrannt, daß sich hier einiges tut.“
ROBERT FAHLE
Drei Telekommunikationsanbieter, drei Abrechnungssysteme: Beim Abrechnen von Telefonaten oder Internetnutzung entscheidet die Software über Aussagekraft der Rechnung und damit Kundenfreundlichkeit.

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