Internet 31.03.2000, 17:24 Uhr

Die bedrohte Freiheit des Internet

Der offene Zugang zu Informationen im Internet ist bedroht. Das Netz braucht deshalb klare Spielregeln, so der amerikanische Rechtswissenschaftler Lawrence Lessig.

Wer den Cyberspace regiert, darüber ist in letzter Zeit viel gerätselt worden. Offenbar herrscht in dieser Frage Klärungsbedarf. Sind es einige gewiefte Hacker, sind es die vielen neuen Internet-Aktionäre oder konzentriert sich ein Machtmonopol in der Hand eines einzelnen dot.com-Mogulen, etwa von Bill Gates?
Folgt man Lawrence Lessig, Rechtswissenschaftler an der amerikanischen Harvard Law School, ist es keins von allen, sondern etwas, das er als anonymen „Code“ beschreibt. Der hagere Mann, derzeit Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin, hat ein ganzes Buch verfasst, in dem er darstellt, was unter diesen etwas mysteriösen Begriffen „Code“ und „Architektur des Cyberspace“ zu verstehen ist. (Lawrence Lessig. Code and other laws of cyberspace, New York, Basic Books und http://code-is-law.org)
Lessig glaubt, dass das Internet sich gegenwärtig von der anarchischen Spielwiese zu einem Instrument „perfekter Kontrolle“ entwickele – das sei in seiner technologischen Struktur so angelegt.
„Ich gehe davon aus“, so Lawrence Lessig im Gespräch, „dass die Internet-Technologien aus kommerziellen Gründen eingeführt werden, beispielsweise um die Identifizierung von Personen und ihren Gewohnheiten zu ermöglichen. Auf diese Weise üben die Technologien Kontrolle aus.“
Für den Wissenschaftler gleichen die technischen Standards, die Hard- und Software-Codes, einer Art Verfassung des Internet – zumindest geben sie Auskunft über dessen Zustand. Und um den sieht es nach Lessig momentan düster aus. „Der Cyberspace ist ein Raum gebaut aus Software, in welche Codes eingeschrieben wurden, die dann regulative Funktionen übernehmen.“
Zum Beispiel die Cookies. Sie sind Softwareagenten, die von einer Website auf dem Computer des Nutzers platziert werden und so den Betreibern von Webseiten mitteilen, wie oft ein Surfer eine bestimmte Webseite ansteuert und was er dort anstellt. Wird man etwa auf der Startseite seines Buchhändlers plötzlich namentlich begrüßt, hat man das dem Cookie zu verdanken.
Auf diese Weise entstehen riesige Datenbanken mit persönlichen Nutzerangaben. Ein Werbeunternehmen wie „Doubleclick“ hat bereits angekündigt, zukünftig die Personendaten mehrerer Firmen zu verknüpfen, um möglichst exakte Nutzerprofile zu erstellen. „Es soll die Datenspur zum Surfer zurück verfolgt werden können, und diese Identifizierung“, so Lessig, ist eine Konsequenz aus der Architektur der Cookies.“
Der Verfassungsrechtler Lessig, der auch die Anwälte der amerikanischen Regierung in ihrer Kartellklage gegen Microsoft beraten hat, tritt für gesetzliche Regelungen ein man dürfe das Internet nicht sich selbst überlassen. Für einen Amerikaner ist diese Sichtweise eher ungewöhnlich: Lessig traut der neoliberalen Idee einer Selbstregulierung nicht über den Weg – wenigstens nicht im Internet. Sie führe nur dazu, dass Grundrechte ausgehöhlt werden, beispielsweise das Recht auf Privatsphäre. „Man kann bereits Tendenzen erkennen, wo das Netz öffentliche Werte hintergeht, die uns traditionell wichtig sind“. Momentan sieht er zwar keinen Anlass für die Industrie, für mehr Persönlichkeitsschutz zu sorgen. Er will auch – noch – keine grundlegende gesetzliche Regulierung, „aber die amerikanische Haltung, alles sich selbst zu überlassen, ist ein Fehler.“
Was Lessig durch die um sich greifende Kommerzialisierung im Internet bedroht sieht, sind die einstigen Grundwerte des Cyberspace, der freie Zugang zu Informationen und die Transparenz aller Akteure und Handlungen. Zunehmend werden sie durch Technologien ersetzt, die weder Informationsfreiheit noch Offenheit garantieren können. Statt dessen wird der Nutzer in seiner Handlungsfreiheit eingeschränkt und muss sich für bestimmte Informationen ausweisen und für sie bezahlen. So weist Lessig am Beispiel des Schutzes von geistigem Eigentum auf die Gefahren hin, die darin liegen, wenn dieser Schutz allein von Software geregelt wird. „In Bezug auf geistiges Eigentum wird per Gesetz versucht, eine Balance zu halten zwischen der Kontrolle, die den Urhebern geistigen Eigentums zusteht, und einem gewissen freien Zugang, der der Öffentlichkeit gewährt bleiben muss. Urheberrechte verfallen ja nach einer bestimmten Zeit. Bei einer durch Software ausgeübten Kontrolle bestehen nun Bedenken, dass eine solche Balance gar nicht erst gesucht wird“, so Lessig.
Sein Beispiel: MP3. Gegenwärtig plant die Musikindustrie im Kampf gegen das Internet-Musikformat ein eigenes, „sicheres“ Verfahren zu entwickeln. Es nennt sich „Liquid Audio“. Mit dessen Hilfe soll gewährleistet werden, dass nur tatsächliche Käufer an die gewünschten Musiktitel gelangen und diese auch nicht uneingeschränkt kopieren können.
Lessig spielt sich in diesem Punkt keineswegs als unbedarfter Verteidiger von Raubkopierern auf. Aber die Eigenmächtigkeit, mit der die Software-Industrie ohne gesetzliche Grundlage ihre Pfründe zu sichern und Kontrollinstanzen zu etablieren versucht, will ihm auch nicht richtig erscheinen. Auf die rechtlichen Rahmenbestimmungen indes, die für den Cyberspace erst noch ausgehandelt werden müssen, will der engagierte Jurist nicht verzichten und plädiert für möglichst viel Einspruch.
Seine Sorge ist vielleicht nicht ganz unbegründet: In der realen Welt kann die Einhaltung von Gesetzen nicht perfekt kontrolliert werden, in der virtuellen zukünftig vielleicht schon. Es bedarf jedoch des gelegentlichen Übertritts, damit die Kontrolle nicht zu einem Selbstläufer wird. HELMUT MERSCHMANN
Lessigs Homepage an der Harvard University

Lawrence Lessig: Kommunikation im Netz dient immer mehr dazu, den Menschen auszukundschaften.

 

Ein Beitrag von:

  • Helmut Merschmann

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