Als Forscher bei Microsoft 05.06.2009, 19:41 Uhr

Der Software-Gegenwart um Jahre voraus  

Locker geht es zu in den Forschungsabteilungen von Microsoft. Die Wissenschaftler genießen große Freiheiten, die Atmosphäre ist kollegial bis freundschaftlich. Die Anforderungen aber sind enorm, der Druck immens, denn Microsoft Research muss der Gegenwart immer um Jahre voraus sein. VDI nachrichten, Düsseldorf, 5. 6. 09, ws

Die Arbeitsbedingungen für Forscher bei Microsoft klingen geradezu ideal: Die Atmosphäre unter Kollegen ist entspannt, manche sind barfuß im Büro unterwegs, jeder Angestellte hat im Durchschnitt einen oder zwei Praktikanten, der Konzern investiert über 7 Mio. Dollar jährlich in seine Tüftler und erwartet dafür nur von 10 % bis 20 % der Projekte, dass sie in eine Produktentwicklung münden und damit kommerziell verwertbar werden. Diese Angaben stammen von Henrique Malvar, Geschäftsführer von Microsoft Research, und Rainer Kuehling, Manager der IP Ventures der Software-Schmiede.

Ihre rosig-lockere Beschreibung steht im Kontrast zu den ambitionierten Vermarktungszielen des Software-Riesen, die er durch den eigenen Vertrieb oder mittels seiner Eigentumsrechte an den aus dem Forschungsbereich ausgegründeten Unternehmen erreichen will. „Der Konzern ist so groß und hat so viele Abteilungen, dass nur Firmen mit einem potenziellen Umsatz von 1 Mrd. Dollar sichergehen können, dass sie hier Beachtung finden“, so Kuehling.

„Ein Drittel der Arbeit ist Grundlagenforschung, zwei Drittel sind produktorientiert“, sagt Malvar. Ein Technologietransfer-Team hilft beim Brückenschlag zwischen Theorie und Praxis. Es studiert die Forschungsprojekte und trifft sich mit den Produkt-Teams, um potenzielle Anwendungsmöglichkeiten zu eruieren.

Trotz des Heeres an Wissenschaftlern, vor allem Informatiker, Ingenieure und Mathematiker, arbeiten die Redmonder intensiv mit Universitäten und Forschungseinrichtungen zusammen. Den akademischen Anspruch untermauern über 3700 Publikationen von Microsoft Research in den vergangenen 18 Jahren.

Wie weit gespannt die Forschungsaktivitäten sind, zeigt die Arbeit von Wissenschaftlern, die eine Software entwickelt haben, die Muster in den Mutationen des HIV-Virus entdeckt. Brauchte man für die Analyse bisher über fünf Jahre, so schafft das die neue Software innerhalb einiger Monate.

Andere, für Computerwissenschaftler typischere Tummelplätze für Tüftlerarbeit reichen von Lokalisierungsdiensten über Spracherkennung, Telepräsenz, lernfähigen Suchtechnologien bis zu Peer-to-Peer Filesharing und Mobilitätsservices.

Dass die Forschung dem Unternehmen zu folgen habe, entspricht nicht der Microsoft-Philosophie. Wer innovativ sein will, begibt sich dorthin, wo auch andere Ideenschmieden ihren Sitz haben. Ein Grund, warum Microsoft sich 2003 mit seinem European Innovation Center (EMIC) in Aachen niederließ.

„Es gab genug strategische Gründe, das Office hier aufzubauen“, erklärt EMIC-Development Manager Wolfgang Manousek. „Aachen war schnell erste Wahl, weil es mitten in Europa liegt. Gleich um die Ecke sitzen die Wissenschaftler der RWTH mit ihren exzellenten ingenieurwissenschaftlichen Fachbereichen. Zudem sind im Dreiländereck internationale Kontakte schnell geknüpft.“

Das ist wichtig, schließlich hat sich das EMIC ganz der angewandten Verbundforschung verschrieben. Über 50 Wissenschaftler und Ingenieure aus 14 Nationen sowie rund 100 Partner aus Wirtschaft und Wissenschaft forschen gemeinsam in den Bereichen Sicherheit, Mobile Technologien, Enterprise- und Home-Services, Eingebettete Systeme und Software-Verifikation. Manousek: „Zurzeit sind wir an rund einem Dutzend Projekten tätig. Die Laufzeit der Projekte dauert in der Regel zwischen zwei und fünf Jahren.“

Der äußere Druck ist immens. „Für uns als Software-Schmiede ist es interessant, Software zu entwickeln, die vielleicht erst in 24 Monaten auf dem Markt ist. Dabei müssen wir berücksichtigen, wohin sich die Hardware entwickelt. Nach diesem Trend müssen wir uns richten. Man sieht: Es geht eben immer auch um Abhängigkeitsverhältnisse.“

Der Leitgedanke lautet: Wie lukrativ, wie erfolgversprechend ist das Projekt?

Bevor ein Projekt ans Laufen kommt, grübeln die zehn bis 20 Partner über den genauen Inhalt. Immer unter dem Leitgedanken: Wie lukrativ, wie erfolgversprechend ist das, wie groß ist der zeitliche Druck. Erst dann wird zum Kick-off-Meeting geläutet. „Der ständige Austausch mit unseren Partnern unterscheidet uns im Wesentlichen von denen, die ansonsten bei Microsoft Entwicklung betreiben“, betont Manousek.

Thomas Santen und sein Team stehen in ständigem Austausch über kontinentale Grenzen. Der Wissenschaftler, den EMIC von der TU Berlin abwarb, arbeitet eng mit Microsoft Research in Redmond zusammen. Santen knüpft mit dem Projekt zur Verifikation einer Software mit mathematisch-logischen Methoden an die aktuelle Forschung aus Redmond an und bringt sie in die Praxis.

Die besondere Herausforderung: „Es ist nicht einfach, wissenschaftlich-akademisches Denken mit marktorientiertem Denken zu koppeln“, so Santen. „Hier bei EMIC haben wir die Möglichkeit, die schon lange in der Wissenschaft vorhandenen Ideen und Konzepte in die Praxis umzusetzen. Das ist ein stark motivierender Faktor für die Gruppe.“

Manousek: „Wir brauchen Leute, die den Erfolg als gemeinsames Erlebnis auffassen.“

Da ist es nur förderlich, wenn die Mitarbeiter, die aus Polen, Frankreich, der Schweiz, Jordanien und Belgien kommen, einen Masterabschluss, meist aber einen Doktortitel vorweisen, sich in der Unternehmenspraxis auskennen – und einen Blick über inhaltliche Grenzen entwickeln. „Wir brauchen Leute, die in unserer Unternehmenskultur glücklich sind, die Interesse an Computer Science haben“, meint Wolfgang Manousek. „Sie müssen Interesse haben, Hand anzulegen und nicht nur auf Konferenzen Ergebnisse veröffentlichen wollen. Es müssen Leute sein, die Lösungen bis zur Marktreife anstreben und den Erfolg als gemeinsames Erlebnis auffassen.“

Stechuhrdenken hat hier keinen Platz. Dennoch wird nicht bis zur Selbstaufgabe gerackert. Manousek: „Wer früher gehen will, um die Tochter vom Kindergarten abzuholen, hat da alle Freiheiten.“Der Anspruch aber ist hoch: „Wir wollen die Besten“, gibt Manousek vor. „Es dauert oft lange, bis man den richtigen Kandidaten gefunden hat. Es melden sich viele, aber längst nicht jeder ist geeignet.“ Bei Vorstellungsgesprächen werde nicht verlangt, dass jemand technische Lösungen anbietet. „Es kommt darauf an, wie er oder sie mit der Problematik umgeht, und darum, fachlich kompetent über Alternativen zu diskutieren.“ U. HOTTELET/W. SCHMITZ

Von U. Hottelet/W. Schmitz
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