CeBIT 2013 08.03.2013, 22:00 Uhr

Der neue Wirtschaftstrend: Shareconomy

Shareconomy – mit diesem Kunstwort ist die diesjährige Computer- und Telekommunikationsmesse CeBIT umschrieben. Es geht um die Ökonomie des Teilens, um Nutzen statt Besitzen. In der Wirtschaft ebenso wie im Privatleben, in der analogen Welt wie in der digitalen. An der Deutung der Auswirkungen versuchten sich die Redner während der Eröffnungsfeier.

Angela Merkel, Bundeskanzlerin: "Alleine durch Automobile und Maschinenbau wächst Europa nicht."

Angela Merkel, Bundeskanzlerin: "Alleine durch Automobile und Maschinenbau wächst Europa nicht."

„Schreiben Sie einfache Bedienungsanleitungen, bauen Sie Geräte mit nicht so vielen Kabeln und Steckern.“ Mit diesen Worten forderte Bundeskanzlerin Angela Merkel die versammelte IT- und Telekommunikationsindustrie auf der Eröffnung der CeBIT zur Einfachheit auf.

„Vergessen Sie nicht, dass es auch Menschen gibt, die sich nicht tagtäglich mit IT beschäftigen“, formulierte Merkel und erntete großen Applaus.

Merkel erinnerte sich: Auf den letzten CeBIT-Messen hätten immer konkrete Techniken im Vordergrund gestanden – Cloud, RFID oder Smartphones. Jetzt dagegen kehre die Messe wieder zu ihren industriellen Anfängen zurück. „Das Internet hat sich in der realen Industriewelt eingenistet“, weiß die Physikerin und meint damit alles, was unter den Stichworten „Industrie 4.0“ oder aber auch „Internet der Dinge“ zusammengefasst wird.

Allerdings liegt für die Kanzlerin in der Verknüpfung der realen Welt mit der IT die große Chance für Deutschland. „Wir sind hier nicht nur Nutzer, wir müssen auch Entwickler sein“, sagte Merkel.

Europa, so Merkel, solle endlich eine Kultur entwickeln, in der kleine IT-Unternehmen sich überall zu gleichen Bedingungen gründen können. „Allein durch Automobile und Maschinenbau wächst Europa nicht. Wir brauchen dazu die IT-Industrie.“

Schließlich und damit kam wieder eine mahnende Merkel zu Wort, berge die Shareconomy Chancen, aber auch Risiken. Der Mensch lasse sich nicht mehr mit Massenprodukten abfertigen. Er bestimme zunehmend selbst, was er haben wolle. Dies verändere das Verhältnis des Kunden zum Produkt. Teils so stark, dass sich die Arbeitszeiten massiv wandeln.

„Die Ansprüche an die Verfügbarkeit von Menschen wachsen“, erklärte die Kanzlerin. „Wir stehen vor einem deutlichen Wandel in der Arbeitswelt.“ Allein das Beispiel Amazon zeige, dass Konsumverhalten mit sozialverträglichen Bedingungen kombiniert werden müsse. Vielleicht hätte man, so Merkel, an die CeBIT einen Kongress koppeln müssen, der sich genau mit diesen gesellschaftlichen Themen beschäftigt.  rb

Dieter Kempf, Präsident des Bundesverbandes der Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e. V. (Bitkom): „Die neue Macht der Verbraucher.“

Die erwarteten Auswirkungen der Shareconomy, der neuen Kultur des Teilens, auf die Wirtschaft fasste der Präsident des Bitkom in fünf Thesen zusammen.

1. In der Shareconomy entsteht eine neue Macht der Verbraucher. Wer seine Erfahrung über Produkte oder Unternehmen teilt, entscheidet mit über deren Erfolg oder Misserfolg

2. In der Shareconomy werden die Grenzen zwischen Produzenten und Konsumenten nach und nach verschwinden. Aus dem Consumer wird ein Prosumer. Ein Kundentyp, der sich als Nutzer eines Autos an der Entwicklung eines neuen Autos beteiligt, es später auch fährt, bewertet und seine Erfahrungen unmittelbar in die Weiterentwicklung einfließen lässt.

3. In der Shareconomy spielt die Unternehmensgröße nur noch eine kleine Rolle. Cloud-Computing stellt bereits Start-ups eine Rechenpower zur Verfügung, die bislang nur Global Player hatten. Crowdsourcing gibt ihnen die Möglichkeit, schnell und weltweit Entwicklungsteams zu bilden. Per Crowdfunding sammeln sie das nötige Kapital, ihre Arbeit verrichten sie am Shared Desk.

4. In der Shareconomy lösen sich die Grenzen zwischen Privatem und Beruflichem weiter auf.

5. Für Shareconomy passen viele Rechtsrahmen nicht mehr. Die
Shareconomy braucht neue politische Ansätze. rus

Donald Tusk, Ministerpräsident von Polen: „Polen ist im Kommen.“

Während die polnische IT-Branche in Deutschland häufig als verlängerte Werkbank westeuropäischer Länder gesehen wird, sprechen die Fakten längst eine andere Sprache. Den Beweis lieferte Polens Ministerpräsident Donald Tusk am Montag auf der Eröffnungsfeier der CeBIT. Rund 16 Mrd. € erwirtschafteten polnische Informatik- und Telekommunikationsunternehmen im Jahr 2012 und erzielten ein Wachstum von 60 % gegenüber dem Vorjahr 174 000 Beschäftigte zählten die Unternehmen der ITK-Branche (Informations- und Telekommunikation).

Insbesondere auf den Nachwuchs kann sich das Land laut Tusk verlassen: 20 000 Absolventen in Informatik-lastigen Studiengängen zählt das Land jedes Jahr. Und deren Zahl werde weiter zunehmen.

Innerhalb Polens wachse aber die Kluft zwischen der jungen internet-
affinen Generation und den älteren Menschen, die in der Regel schon lange nicht mehr mithalten können, so Tusk. Er nehme sich selbst davon nicht aus. Allerdings soll sich das möglichst schnell ändern. Rund 2,5 Mrd. € will die Regierung in den nächsten Jahren in die Internetinfrastruktur des Landes stecken ein Großteil der Bevölkerung soll Internetzugang mit Datenraten jenseits von 30 Mbit/s erhalten.

Mit seinen Fähigkeiten in der IT-Industrie sei das Land, so Tusk, „ein versteckter Schatz, in dem es täglich Neues zu entdecken gibt“. har

Tom Enders, Chef des Luft- und Raumfahrtkonzerns EADS: „Solide Software, aber meist sehr alt.“

„Wenn unser Mars-Rover Bridget im Jahr 2018 zum roten Planeten aufbricht, wird sich an der Erde die Computerleistung im Vergleich zu heute verdreifacht haben. Doch Bridgets Rechner wird dann dreißig Jahre alt sein.“ Denn, so Enders, einmal abgenommen, dürfe nur sehr wenig geändert werden.

Enders präsentierte zur feierlichen Messeeröffnung den Mars-Rover, an dem die EADS-Tochter Astrium zusammen mit der europäischen Raumfahrtagentur ESA arbeitet.

Die IT-Industrie habe es ermöglicht, dass die Luftfahrt heute sicherer und umweltfreundlicher geworden sei. War aber zu Beginn noch die verarbeitende Industrie Taktgeber im Bereich Mikrocontroller und Software gewesen, hätten sich die Rollen heute vertauscht. Die IT-Industrie, besonders die Consumer-IT, setze nun die Maßstäbe. Deren Innovationen eröffneten anderen Branchen völlig neue Produktionsprozesse und Möglichkeiten.

„Die gesamte Lebensdauer eines Flugzeugs kann von ersten Forschungsarbeiten bis hin zu dessen Außerdienststellung bis zu 90 Jahre betragen“, sagte Enders.

Die Zertifizierung eines neuen Flugzeugtyps durch die Aufsichtsbehörden bedeutet allerdings heute auch das Einfrieren aller Softwarekomponenten auf dem jeweiligen Stand der Technik. Damit sei die Software bereits veraltet, wenn das Flugzeug von den Airlines in den Dienst genommen wird.

Enders forderte, „den Innovationsprozess zu revolutionieren, ohne dass die Industrie dabei Schaden nimmt. Wir müssen die Innovationsgeschwindigkeit erhöhen, ohne bei der Sicherheit Kompromisse zu machen.“

Er rief zu einer branchenübergreifenden Zusammenarbeit auf, um die Innovationslücke zu verringern. „Das Motto der CeBIT 2013 ist Shareconomy. Das können wir mit Leben füllen, indem wir gemeinsam daran arbeiten, die Kluft zu verringern“, so der CEO. Von so einer Zusammenarbeit könne nicht nur die Luft- und Raumfahrt profitieren, sondern alle verarbeitenden Branchen.  jdb

 

  • Hartmut Steiger

  • Jens D. Billerbeck

    Jens D. Billerbeck
  • Regine Bönsch

    Regine Bönsch

    Redakteur VDI nachrichten
    Fachthemen: Telekommunikation, Mobilfunk, Automobilelektronik, autonomes Fahren, E-Mobilität, Smart Home, KI, Datenschutz/IT-Sicherheit, Reportagen

  • Rudolf Schulze

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