Mobilfunk 18.04.2003, 18:24 Uhr

Der große Bruder im Mobiltelefon

Die Ortungsmöglichkeiten von Mobiltelefonierern werden durch UMTS und GPS immer genauer. Navigations- und Notrufdienste sowie ortsbezogene Anwendungen profitieren von der Entwicklung. Aber auch die Polizei überwacht Verdächtige verstärkt mit den neuen Techniken – oft unter Umgehung rechtlicher Normen.

Standortbezogene Dienste, die so genannten Location Based Services (LBS), haben Konjunktur auf dem Handy. Immer mehr Netzbetreiber bieten ihren Kunden mobile Portale, welche bei der Suche von Hotels, Tankstellen oder einer Nachtbar in der Umgebung behilflich sind. Konjunktur haben auch SMS-basierte Ortungsangebote, über die sich Mitglieder virtueller Handy-Communities über ihre Entfernungen informieren können. So hat nach O2 jetzt auch Vodafone ein entsprechendes Angebot unter dem Namen „Friendzone“ gestartet, dessen Attraktion hauptsächlich im Einrichten einer Liste mit flirtwilligen SMS-Funkern besteht. Es ergänzt WAP-Dienste wie „Streetguide“ und „Nightguide“ und wird laut Vodafone bereits gut nachgefragt.
Bis auf den Zentimeter genau arbeiten die Lokationsdienste dabei nicht. „Sie basieren bei uns immer auf der Funkzellenebene“, so Roland Kuntze, Sprecher von O2. Die Ortungsgenauigkeit hänge damit von deren Größe ab. Im innerstädtischen Raum sei das Zellennetz deutlich enger als auf dem Land und damit eine Standortbestimmung im Idealfall auf „wenige hundert Meter“ exakt durchführbar. „Das reicht für den Alltag“, sagt Kuntze. Auch Spediteuren oder Taxibetrieben, die den Profi-Dienst „Data Factory“ zur Lokalisierung ihrer Flotten nutzen, würden mit Angaben wie „Fahrzeug XY befindet sich kurz vor Hamburg“ auskommen. Für echte Navigation seien Geräte mit GPS (Global Positioning System) erforderlich, die „auf wenige Meter genau“ messen könnten. Mit dem von Beginn an feinmaschig gestrickten UMTS-Netz würden die Ortungsmöglichkeiten noch genauer.
Notrufzentralen und die Polizei hätten jedoch schon im heutigen GSM-Netz gern bessere Standortdaten. Dafür gibt es mathematische Verfahren wie die Triangulation. „Dabei wird die Feldstärke und grobe Richtung gemessen, mit dem die Signale des angepeilten Mobiltelefons in mindestens drei umliegenden Zellen sichtbar sind“, erklärt Frank Rieger vom Chaos Computer Club. Die Standortbestimmung lasse sich so auf „200 m bis 50 m“ herunterbrechen. „Praktisch nicht durchführbar“, lautet jedoch der Tenor der deutschen Netzbetreiber. Von „enormen Kapazitätsproblemen“ und einem „sehr teuren, aufwändigen Verfahren“ ist die Rede. Zudem könnten auch bei der Triangulation gerade in Ballungsräumen Reflexionen der Funkwellen eine Ortung verfälschen.
Der Protest gegen das genauere Messverfahren fällt so einheitlich aus, da auf EU-Ebene gerade darüber beratschlagt wird, mit welcher Exaktheit die Netzbetreiber künftig bei Notrufen den Standort eines Hilfesuchenden bestimmen müssen. Die Mobilfunkunternehmen fürchten zudem Zeit raubende und kostspielige Anfragen von Genauigkeit liebenden Polizisten.
All diese Ortungsverfahren werden auch von den Strafverfolgern gern genutzt. Und dies nicht immer auf der Basis des Gesetzbuchs, wie pikante Fälle aus dem Süden Deutschlands zeigen: In Stuttgart etwa hat sich jüngst selbst der Leitende Oberstaatsanwalt über die Praxis der Beamten erregt, Verdächtigen selbst bei Bagatelldelikten „stille“, vom Empfangsgerät nicht registrierte SMS per so genanntem „Stealth Ping“ aufs Handy zu schicken.
Derlei Funktionen sind eigentlich dazu da, um die Betriebs- und Roaming-Bereitschaft eines Mobiltelefons zu testen. Den eifrigen Ermittlern geht es dagegen darum, Verbindungsdaten für ein aktuell nicht genutztes, im Stand-by-Betrieb befindliches Handy zu schaffen. Die Daten rufen sie auf Basis der nach dem 11. September eingeführten Gummiparagraphen 100 g und h der Strafprozessordnung (StPO) über gesonderte Schnittstellen beim Netzbetreiber dann unverzüglich ab – teils ohne richterliche Befugnis aufgrund von „Gefahr im Verzug“.
Dem Orten und dem Erstellen eines heimlichen Bewegungsprofils steht damit nichts mehr im Weg. Gegen diese Fahndungsmethode und den Missbrauch von Standortdaten hat die Staatsanwaltschaft der Schwabenmetropole nun „rechtliche Bedenken“ angemeldet. Die „Spitzel“-SMS seien nur im Rahmen von Ermittlungen gemäß Paragraph 100 a StPO gestattet, der allein bei Kapitalverbrechen wie Hochverrat oder schwerem sexuellem Kindesmissbrauch greift. S. KREMPL

Ein Beitrag von:

  • Stefan Krempl

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