Informationstechnologie 03.08.2007, 19:29 Uhr

Datenfriedhöfe wachsen weiter  

VDI nachrichten, Berlin, 3. 8. 07, moc – Geodaten werden nahezu ununterbrochen erzeugt, sei es von Landvermessern auf der Erde oder Satelliten im All. Aber an ihrer Nutzung hapert es und viele dieser Geodaten verschwinden in unübersehbaren Datenfriedhöfen. Versuche, die Informationen wieder ans Tageslicht zu holen, laufen meist ins Leere. Nur bei den Satellitendaten ist die Lage etwas besser. Hier aber macht die schiere Menge der Daten zunehmend Probleme.

Eine alte Dame im Rollstuhl sitzt irgendwo in Deutschland über Tasten gebeugt und tippt lange Zahlenkolonnen ab. Sie ist eine bezahlte Datenretterin. Jeden Tag gibt sie Geodaten in den Computer, die Forscher aus staubigen Papierstapeln gezerrt oder auf einer ausrangierten Festplatte gefunden haben.

Ihr Auftraggeber ist das Weltdatenzentrum in Bremerhaven, das regelmäßig zur Rettung alter Geodaten aufruft. Mit begrenztem Erfolg, wie Direktor Michael Diepenbroek einräumt.

Was die Datenretterin im Auftrag Diepenbroeks eintippt, können ungewöhnliche Informationen sein, etwa die Zahl der Wolfsknochenfunde in Europa, die Verteilung der Mangrovenwälder oder aber auch die tägliche Fangquote von Südostasiens Fischern.

Das Verfügbarmachen von Geodaten, die von Wissenschaftlern, Behörden oder Landvermessern auf der Erde, Beobachtungsflugzeugen aus der Luft oder Satelliten aus dem All erhoben werden, ist ein täglicher Kampf.

„Vor allem Wissenschaftler produzieren ständig neue Datenfriedhöfe“, kritisiert Lars Bernhard, Geodatenforscher von der Technischen Universität Dresden. Mit dem Auslaufen eines Forschungsprojektes gingen oft genug auch die Messdaten wieder verloren.

Auf den ersten Blick scheinen diese alten Daten auch kaum von kommerziellem Wert zu sein. Fragt man bei Geodatenanbietern nach, erfährt man, dass vor allem aktuelle Informationen gefragt sind. „Angaben über den gegenwärtigen Bebauungszustand, die landwirtschaftliche Nutzung oder die Infrastruktur“, listet Anke Weslowski, Marketingleiterin bei Infas, die Renner auf.

Wissenschaftler sehen das etwa anders. „Alte Geodaten sind von entscheidendem Wert“, erklärt Hartmut Asche von der Uni Potsdam. Die räumliche und zeitliche Information, die in ihnen steckt, lässt sich durch neue Messungen nicht reproduzieren. Besonders alte und wertvolle Informationen liegen seiner Ansicht nach bei den Vermessungs- und Katasterämtern. Diese hätten meist nur ein geringes Interesse, ihre Informationen preiszugeben. Die Nutzungsbedingungen seien teilweise so restriktiv und die Preise für die Daten so hoch, dass dies in manchen Fällen faktisch einer fehlenden Verfügbarkeit gleichkäme.

„Dieser Schatz müsste poliert und ins Schaufenster gestellt werden. Doch bei den Behörden habe ich wenig Hoffnung, dass das geschieht“, klagt Asche.

Dies führt nach den Erfahrungen des Geoinformatikers dazu, dass bereits vorhandene Angaben neu beschafft werden: Gerade Unternehmen würden als Folge dessen redundante Daten erzeugen. So benötigte beispielsweise die Deutsche Post bundesweit einheitliche Geodaten des Straßennetzes, um die kürzesten Briefverteilungswege zu ermitteln. Die Landesvermessungsämter waren nicht in der Lage die gewünschten Informationen bereitzustellen, so Asche. Deshalb beschaffte die Post die Informationen vom gewerblichen Anbieter Teleatlas, die jedoch nicht genau genug waren. Also stattete die Post ihre Briefträger zusätzlich mit einem GPS-Empfänger aus, der die Position der Briefkästen exakt erfasste. Die Ergebnisse wurden in einem zentralen Geoinformationssystem aufbereitet und so die schnellsten Routen für die Boten berechnet. Diese optimierten Geodaten wiederum verkauft die Post bis heute an die Firma Teleatlas, die sie weiter vertreibt.

Ähnlich ist die Lage bei den Energieversorgern – auch sie haben laut Asche eigene Geoinformationen, die sie verkaufen. „Selbst bei den Stadtwerken Leipzig kann man solche Daten beziehen.“

Um die Verfügbarkeit zu erhöhen, hat die Bitkom (Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien) schon 2005 eine deutsche Clearing-Stelle für Geodaten gefordert. Nicht zuletzt, um das Geschäft mit diesen Daten anzukurbeln: Nach einer Studie des Bundeswirtschaftsministeriums soll 2008 weltweit mit Geodaten ein Umsatz von bis zu 2 Mrd. € gemacht werden.

Die einzige ernsthafte Chance, einen Flickenteppich der Geoinformationen und ständig neue Datenfriedhöfe zu vermeiden, besteht bisher darin, die Aufzeichnungen, sofort nachdem sie entstanden sind, zu archivieren und zu katalogisieren. Seit Anfang der neunziger Jahre hat beispielsweise das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) bei München ein entsprechendes Archivierungssystem insbesondere für Satellitendaten aufgebaut. Damals starteten die beiden großen Erdbeobachtungssatelliten ERS-1 und ERS-2 (European Remote Sensing Satellites). „Den Datenfriedhof gibt es bei uns nicht mehr. Es gibt keine Satellitenmessungen, die nicht in unserem Verzeichnis zu finden sind“, betont Erhard Diedrich vom Deutschen Fernerkundungsdatenzentrum der DLR.

Mit einer eigens entwickelten Datenmanagementsoftware werden die Rohdaten automatisch auf Magnetbändern gespeichert und nach Ablauf von rund zehn Jahren per Roboter auf neuere Bänder überspielt. „Das Überspielen der Aufzeichnungen ist wichtig, da ältere Daten immer schlechter lesbar werden und wir außerdem mit der Technik Schritt halten müssen.“

Über einen im Internet verfügbaren Nutzerkatalog kann zudem nach sämtlichen Informationen gesucht werden, die sich aus den alten Satellitenaufnahmen ableiten lassen: etwa der Wasserdampfgehalt der Atmosphäre, Absenkungen der Erdoberfläche beim Bau von Städten oder Stauseen oder der Wasserstand eines Flusses.

Alleine im vergangenen Jahr hat das Fernerkundungszentrum 25 000 CDs und DVDs mit Informationen der Erdbeobachtungssatelliten ERS-1, ERS-2 und Envisat an Kunden geliefert. „Darunter war ein erklecklicher Anteil an historischen Daten“, berichtet Diedrich. Besonders wertvoll seien auch die durchgehenden Datenreihen der Umweltsatelliten der amerikanischen National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA), die bis in die achtziger Jahre zurückreichen.

Was mit den Informationen geschieht, erfährt Diedrich in der Regel nicht. „Wir hatten schon Anfragen von der Polizei, ob ein Fahrzeug zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort stand. In so einem Fall können wir aber in aller Regel nicht weiterhelfen, da die Satelliten meist gerade über einen anderen Erdteil flogen und nur sehr wenige Satelliten die dazu nötige Bildgenauigkeit liefern“, erklärt Diedrich. Es ist jedoch bekannt, dass etwa ein Drittel der illegalen Ölverklappungen in Ost- und Nordsee von zwei Überwachungsflugzeugen aus der Luft aufgedeckt werden. Im Jahr 2005 waren dies 84 Fälle, so die Bundesregierung in der Antwort auf eine kleine Anfrage der FDP vom Juli 2006.

Grundsätzlich stecken solch brisante Informationen auch in den Satellitendaten des DLR. Dort hat man jedoch andere Sorgen. „Die Datenvolumina werden immer größer und die Archivierung ist nicht zum Nulltarif“, klagt Diedrich. Er befürchtet, dass in fünf Jahren der Bestand an Kassetten so groß sein wird, dass die öffentliche Hand mehr Geld zum Sichern der Daten bereitstellen muss. Ansonsten bliebe nur die Alternative, die Daten zu löschen.

Wenn es nach Diedrich geht, soll kein Bit gelöscht werden: „Die Daten sind von gesellschaftlichem Wert. Sie müssen zu einem vertretbaren Preis verfügbar bleiben.“

Will heißen: Um einen Datenfriedhof zu vermeiden, muss entweder Vater Staat oder der Nutzer in die Tasche greifen. SUSANNE DONNER/moc

Kaum Zugriff auf ältere Geodaten

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