Telekommunikation 28.04.2000, 17:25 Uhr

Das kombinierte Netz birgt noch Stolperfallen

Die Tage des Telefonkabels könnten allmählich gezählt sein. Schon heute lässt sich in modernen Unternehmens-Netzwerken die gesamte Sprach- und Daten-Kommunikation auf einer Plattform abwickeln.

Das Urteil von Frank Heidemann, Entwicklungsleiter bei der Dortmunder Startup-Firma Swyx Communications AG, ist eindeutig: „Früher oder später wird die separate Telefonleitung nicht mehr benötigt“, lautet seine Prognose. Glaubt man den Marktforschern, könnte Heidemann richtig liegen: Die Zahl der Daten, die auf Basis des Internet-Protokolls (IP) rund um den Globus verschickt werden, wächst nach Schätzungen des US-Marktforschungsinstituts Frost & Sullivan jährlich um 100 %. Schon in zwei Jahren soll sich zehnmal so viel Verkehr in Datennetzen als in Telefonnetzen bewegen.
„Voice over IP“, die Übertragung von Sprache über das Internetprotokoll, heißt das neue Zauberwort. Für dieses Jahr prognostizieren die Frost-&-Sullivan-Marktforscher bereits 4 Mrd. Gesprächsminuten, die nicht über die herkömmliche Telefonleitung, sondern das IP-Netz abgewickelt werden. Im nächsten Jahr soll das Volumen auf 6 Mrd. Gesprächsminuten anwachsen. Allein in die dafür erforderliche Hardware werden Unternehmen in diesem Jahr 1,6 Mrd. Dollar investieren, so die Beobachter.
Kleine Softwareschmieden wie Swyx, aber auch weltweit tätige Telekommunikations- und Netzwerkriesen wie Lucent Technologies, Siemens, Alcatel oder Nortel Networks haben das Potenzial der neuen Technologie erkannt. Alcatel-Sprecher Udo Reckemeyer: „Voice-over-IP ist einer der Wachstumsmärkte schlechthin!“
Vision der IP-Verfechter ist es, eine Plattform zu schaffen, in der die Computer- mit der Telefon-Technik zusammenwächst. Die gesamte Daten- und Sprachkommunikation könnte über ein einheitliches Multiservice-Netz abgewickelt werden. Das Universal-Netzwerk verspricht insbesondere Firmen mit nationalen oder weltweiten Filialen ein Einsparpotenzial: Sind die Zweigstellen ohnehin mit einer Datenleitung verbunden, können Telefonate auf Basis der Voice-over-IP-Technik zu den Außenstellen quasi gebührenfrei geführt werden. Vorteile ergeben sich darüber hinaus auch für den Endanwender im Büro: So erkennt der mit dem Telefonnetz verknüpfte Arbeitsplatz-PC die eingehende Anrufe. Handelt es sich um einen bereits registrierten Kunden des Unternehmens, wird mit Hilfe moderner CTI-Software angezeigt, wann der Anrufer zuletzt etwas gekauft hat und welche Probleme es bislang gab. Werden während des Telefonats Änderungen eingetragen, sind alle Mitarbeiter sofort darüber informiert.
Zahlreiche Unternehmen testen schon heute in Pilotprojekten das Verschmelzen der Plattformen. So setzen der Chemieriese Henkel in Düsseldorf und die Darmstädter Software AG die IP-Lösungen von Alcatel in ihren US-Filialen ein. Wichtigste Grundvoraussetzung für ein stabiles Netz ist eine moderne, für hohe Bandbreiten geeignete Verkabelung. Ist diese nicht vorhanden, funktioniert die IP-Telefonie nur eingeschränkt. Bei hohem Datenaufkommen und gleichzeitigem Telefonieren sind ältere Netzwerke im Zweifelsfall sogar überlastet.
Das gute, alte Telefon wird jedoch nicht aussterben. Zwar nutzen vor allem Call-Center schon heute nur noch Head-Sets und den PC-Bildschirm, doch im normalen Büro kann man auch zukünftig wie gewohnt zum Hörer greifen: Schon jetzt bieten Siemens, Tiptel und andere komfortable IP-Telefone an, Symbol verkauft sogar schon ein schnurloses Modell.
Während die großen US-Netzwerkfirmen wie Lucent oder 3Com eher an ein gemächliches Verschmelzen der alten und neuen Telefontechnik denken, gehen kleine, deutsche Softwareschmieden wie die Dortmunder Swyx oder die Marburger Tedas einen Schritt weiter: Die jungen Firmen versprechen, mit softwarebasierten Lösungen samt Gateways und Routern eine herkömmliche Telefonanlage zu einem Bruchteil der bisherigen Kosten ersetzen zu können. „Eine moderne Voice-over-IP-Lösung rechnet sich heute schon bei Unternehmensgrößen ab etwa zehn Mitarbeitern“, versichert Hartmut Bauer, Marketingleiter bei Tedas. Wie bei einem herkömmlichen Computerprogramm kann der Anwender bei diesen Lösungen seine virtuelles Telefon am PC selbst konfigurieren. Anpassungen erfolgen schlicht per „Drag & Drop“. Verbesserungen oder Erweiterungen lädt der Anwender einfach aus dem Internet herunter.
Weiterer Vorteil von reinen Voice-over-IP-Lösungen: Es sind „offene Systeme“: Während die klassische Telefonanlage in der Regel von einem Hersteller konzipiert, aufgebaut und betreut wird, liefern die Voice-over-IP-Anbieter quasi ein funktionsfähiges Grundgerüst, dass der Endkunde durch individuelle Softwarelösungen ergänzen kann. Diese muss er nicht beim Anbieter der Telefonsoftware kaufen, sondern kann z. B. ein Systemhaus beauftragen.
Genau hier sehen Kritiker allerdings auch den zentralen Schwachpunkt: Traditionelle Telefonanlagen verfügen über ein geschlossenes Betriebssystem, alle Erweiterungen wie z. B. Sonderlösungen für Logistikunternehmen sind speziell angepasst. Anlagen dieser Art arbeiten stabil, Ausfälle tendieren gegen Null. Bildet die Telefonanlage aber eine Einheit mit dem z. B. auf Windows NT basierenden Computernetz, ist die Anlage immer dann „down“, wenn auch das PC-Netz gestört ist. Eine andere Philosophie vertritt deshalb der Sindelfinger Hersteller Innovaphone: Das Unternehmen propagiert mit seinen Gateways zwar auch die Internet-Telefonie, doch die alte Telefonanlage soll erst mal bleiben. „Wir setzen auf eine sanfte Anpassung. Unsere Lösungen können in bestehende Systeme integriert werden“, sagt Geschäftsführerin Dagmar Geer. Und diese Taktik hat Erfolg – eine tote Leitung habe es mit dem System von Innovaphone noch nicht gegeben. FOLKER LÜCK
Telefonieren über das weltweite Datennetz: Voice-over-IP-Lösungen erscheinenen vor allem für Unternehmen verlockend, um Kosten zu sparen. Doch die Verknüpfung von Netzwerken kann Probleme bringen.

Glossar

Internet-Telefonie

VDI nachrichten, 28. 4. 00 – CTI: Steht für Computer Telephony Integration, also die Zusammenführung der Computer- mit der Telefontechnik. In der einfachsten Variante wird der Computer als Wahlhilfe und zur Anzeige von Rufnummern und Teilnehmern verwendet, während bei der vollständigen Integration Computer, lokales Datennetzwerk, Datenbanken und Telefonteilnehmer vollständig miteinander vernetzt sind. Bei einem eingehenden Ruf können dann z. B. gleich Kundendaten angezeigt werden.
Digital: Im ISDN-Telefonnetz wird eine digitale Übertragung verwendet. Dabei handelt es sich um eine reine Datenübertragung. Sprache (analoge Information) muss dazu in digitale Information umgewandelt werden.
Konvergenz: Die Zusammenführung des paketvermittelten Datennetzes mit dem leitungsvermittelten Sprachnetz, natürlich unter Beibehaltung der Stärken beider Netztechnologien. Intelligente Dienste wie eine Konferenzschaltung oder Makeln sollen auch internetbasierte Telefonnetze bieten können.
LAN: Englisch für Local Area Network, zu deutsch: lokales Computernetzwerk.
Router: Der Router ist eine Art spezialisierter Netz-Knoten, der Datenpakete entsprechend ihrer Adressierung verschickt. Ankommende Datenpakete werden nur an das angeschlossene lokale Netzwerk (LAN) weitergeleitet.
Voice over IP (VoIP): Übertragung von Sprache und Daten über unternehmensinterne Netze und das Internet. fl

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