Informationstechnologie 07.11.2008, 19:38 Uhr

Das IT-Wunder von Jerewan  

VDI nachrichten, Jerewan, 7. 11. 08, rb – Indien ist in aller Munde, wenn es um das Verlagern oder Abwickeln von Programmiertätigkeiten im Auftrag von IT-Dienstleistern geht. Armenien hingegen ist trotz großer Geschichte als sowjetische IT-Republik ab den 60er Jahren ein unbeschriebenes Blatt. Noch junge, sprachbegabte Armenierinnen, die wie selbstverständlich Physik und Mathematik studieren, sowie IT-Pioniere ab 50 Jahren aufwärts prägen heute den kleinen IT-Standort mit besonderen Facetten.

Anfrage an Radio Jerewan: „Stimmt es, dass die Armenier mehr Humor haben als andere Völker?“ Antwort von Radio Jerewan: „Im Prinzip ja, aber wir haben ihn auch bitter nötig.“ Dies ist nur einer von unzähligen Radio-Jerewan-Witzen, die ursprünglich während der Sowjetzeit als Kommunismuskritik hinter vorgehaltener Hand erzählt wurden. Doch er trifft auch heute noch zu.

Im Sommer tobte der Georgien-Krieg rund 150 km von Armeniens Hauptstadt Jerewan entfernt mit weitreichenden Folgen für die ohnehin labile politische Balance im Kaukasus und die armenische Wirtschaft. Ist Georgien doch für Armenien die einzige Handelsnation mit offenen Grenzen, neben einem Nadelöhr zum Iran. Die Grenzen zur Türkei und zu Aserbaidschan sind hingegen hermetisch abgeriegelt.

Seit der Unabhängigkeit von der Sowjetunion im Jahr 1991 kommt die kleine Kaukasusrepublik mit 3 Mio. Einwohnern nur schwer auf die Beine. „Wir haben seither ein Drittel unserer Bevölkerung verloren, vor allem Männer mit Hochschulausbildung“, bedauert Gevorg Poghosyan. Der 57-jährige Direktor des Instituts für Philosophie, Soziologie und Recht hat diese Abwanderung der Intelligenz für die Weltbank untersucht.

„Ich habe keine andere Wahl als wegzugehen“, sagt der 22-jährige Karen Sargsyan. Die ansässige IT-Industrie – u. a. Lycos Europe, APG, Microsoft, Synopsis, Sun Microsystems und IBM – bieten ihm keine Perspektive. Er beendet gerade sein Physikstudium an der staatlichen Universität in Jerewan, war bereits in Hamburg beim Deutschen Elektronen-Synchrotron, kurz DESY.

Für eines der Projekte an diesem Beschleunigerzentrum zur Erforschung der Materie hat er Simulationen errechnet. „Wir haben hier weder ein renommiertes Labor noch haben wir ein 18 Mrd. € schweres EU-Forschungsprogramm.“ Für Karen Sargsyan ist klar, was er will. Als Teilchenphysiker in Frankreich oder Deutschland arbeiten.

Doch es tut sich was. Einsam steht die Institutsvilla von Gevorg Poghosyan noch in der Aram-Straße im Zentrum von Jerewan unweit des prachtvollen Republikplatzes. Rundherum ist alles abgerissen. Sandhaufen, Kräne und Bauarbeiter prägen das Stadtbild. Hier entsteht gerade ein neues postmodernes Geschäftszentrum aus dem einheimischen rötlich-rosa Tuffstein. Vereinzelt sind bereits Armani, Clarks & Co. in die Fußgängerzone eingezogen.

„Obwohl wir ein Wirtschaftswachstum von rund 10 % jährlich haben, leben viele Familien von 150 $ im Monat“, beschreibt Poghosyan die Armut des Großteils der Bevölkerung. Ohne Auslandszuwendungen von den 8 Mio. in der Welt verstreuten Armeniern könnten viele nicht überleben. Sie transferieren jedes Jahr Mrd. Dram, wie die nationale Währung heißt, in die Kaukasusrepublik. Ein Betrag, der das jährliche armenische Staatsbudget um ein Vielfaches übersteigt.

Und noch etwas prägt die Gesellschaft. Armenische Familien tun für die Ausbildung ihrer Kinder alles. „Armenische Krankheit“ nennt der Wissenschaftler das ironisch. Sie verkaufen z. B. ihre Wohnungen oder bitten Verwandte aus Europa, Russland und Amerika um Geld für das Studium ihrer Söhne und Töchter.

Seit ein paar Jahren sei es nun laut Poghosyan so, dass vor allem junge, sehr gut ausgebildete Frauen das einzige Einkommen nach Hause bringen. „Sie ist die Nr. 1 zu Hause“, sagt Poghosyan. Freilich, das widerspreche dem konservativ geprägten Frauenbild in der armenischen Gesellschaft. Doch das ändere nichts daran, „dass viele junge Uni-Absolventinnen heute gutes Geld in internationalen Unternehmen verdienen, während die männlichen Kommilitonen ins Ausland gehen“.

„Die Frauen dürfen nicht weg wegen der Familie“, sagt Karen Sargsyan in seiner Gruppe aus Physik-, Mathematik- und IT-Studenten. Seine 22-jährige Kommilitonin Hermine Davtyan will nach dem Studium nur kurz weg. „Nach Italien für einen dreimonatigen Sprachaufenthalt.“ Auch sie ist in den Endzügen ihres Physik- und Mathematikstudiums und spricht fließend Englisch und Italienisch.

„Wir suchen Arbeitnehmer, die in Armenien bleiben wollen“, sagt Richard Bezjian. Seit zehn Jahren betreibt er in Jerewan in einem ehemaligen Sowjet-Institutsgebäude die armenische Zweigstelle seines US-Unternehmens Boomerang Software.

Im vergangenen Jahr hat er zudem das IT-Unternehmen Energize Global Services gegründet, das für den französischen IT-Dienstleister Atos Origin Programmiertätigkeiten übernimmt.

Bezjian führt über schweres Eichenparkett in entkernte, nun große Computersäle mit zum Teil alten Rechnern und viel Strippen-Wirrwarr. „Wir betreuen von hier aus verschiedene Großkunden in aller Welt“, sagt der Unternehmer. In jedem Saal ist die ansonsten so jung-dynamisch geprägte IT-Industrie auf den Kopf gestellt. Konzentriert arbeiten grauhaarige IT-Pioniere ab 50 Jahren aufwärts Hand in Hand mit jungen Wirtschaftsingenieurinnen und Computerspezialistinnen.

Die Senioren entwickeln zusammen mit den Jungen Mikrochipdesign für taiwanische Firmen und Dienste für Mobilfunkkunden. Vor allem aber – und hier sind sie fast unter sich – programmieren sie in Cobol, um historisch gewachsene Altsysteme, oft großrechnerbasierte Individualentwicklungen, zu betreuen, zu warten und zu modernisieren.

Dies liegt an einem besonderen Auftrag. Atos Origin suchte weltweit IT-Experten für namhafte deutsche Medien- und Versandhäuser, die noch Ur-Programmiersprachen wie Cobol, Fortran oder IBM-Assembler beherrschen. Und wurde in Armenien fündig. Binnen kürzester Zeit wurden bei Energize Global Services rund 40 IT-Experten rekrutiert, alle über 50 Jahre alt. Sie besserten ihre kärgliche Rente bis dahin mit Taxi fahren oder anderen Gelegenheitsjobs auf oder betreuten die Kinder ihrer Kinder.

Jetzt sind sie wieder in der IT-Branche gefragt und werden es noch lange bleiben. Ihr Expertenwissen ist keine Eintagsfliege, sondern eine erträgliche Nische, wie Ulrich Engelhardt betont. „Rund 20 bis 25 Jahre wollen viele unserer Kunden noch auf ihre altbewährten Anwendungen zurückgreifen.“ Der 48-jährige Chef des Bereichs Systemintegration und Consulting bei Atos Origin in Deutschland weiß warum. „Unsere Kunden fürchten nicht nur die dreistelligen Mio.-€-Beträge für den Komplettaustausch solcher Architekturen, sondern auch die damit einhergehende Komplexität.“

Doch warum in die Ferne schweifen, um solche IT-Experten der ersten Stunde in Armenien zu finden? „In Deutschland genießen solche Spezialisten längst ihre Rente“, erklärt Engelhardt und fügt hinzu: „In Indien will so etwas vermeintlich Rückständiges wie Cobol niemand lernen.“ Ja, auch die niedrigen Kosten sprachen für Armenien. Weit unter dem Durchschnitt liegen hier die Gehälter. Für IT-Experten am Anfang ihrer Karriere gibt es durchschnittlich 350 € monatlich bis hin zu 1400 € für langjährige Mitarbeiter oder junge hoch qualifizierte Frauen.

Radio-Jerewan-Witze kennt Hermine Davtyan nicht. Auch die anderen Studierenden können damit nichts anfangen. Sie genießen ihre guten Jobs und das damit verbundene Prestige in einer weitgehend verarmten Gesellschaft. Sie wollen italienisch essen gehen, Erfahrungen im Ausland sammeln und „dann für ihr Land und ihre Leute etwas tun“, sagt die 22-jährige Davtyan selbstbewusst. NIKOLA WOHLLAIB

Ein Beitrag von:

  • Nikola Wohllaib

    Freie Journalistin in Berlin. Scherpunktthemen: Telekommunikation, Medien, Medienpolitik.

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