Internet 10.11.2000, 17:27 Uhr

Das Internet macht Unternehmen verwundbarer

Die globale Vernetzung hat viele Gesichter. Für Firmen sind die neuen Medien Chance und Gefahr zugleich. Ihre Auswirkungen auf Technik und Innovation, Arbeitsorganisation und Kommunikation skizziert im folgenden Jean K. Gregory, Professorin an der TU München.

Wovor hat Bill Gates am meisten Angst? Es ist ganz bestimmt nicht das oberste Gericht in den USA, das seine Firma teilen will. Nein, ironischerweise droht nun ausgerechnet das Medium seine Firma zu zerstören, das Microsoft selbst einem breiten Publikum zugänglich gemacht hat – das Internet.
Die Rede ist vom „Gnome-Projekt“ – einer Art Guerilla-Aktion unzufriedener Computerprogrammierer. Verärgert über MS-DOS kreierten sie ihr eigenes Betriebssystem – Linux. Die Programmierer nutzten hierbei jede Neuentwicklung, die sie im Internet finden konnten. Die jeweils verbesserte Version stellten sie dann wiederum zur freien Verfügung ins Netz. Das Betriebssystem soll in Zukunft so benutzerfreundlich wie Win-dows sein und kostet bislang nichts. Das macht es Microsoft so schwer, eine Gegenstrategie zu entwickeln. Wie bekämpft man einen Konkurrenten, der sein Produkt verschenkt? Der Fall zeigt: Für ein Unternehmen kann die globale Vernetzung Chance und Bedrohung zugleich sein.
Auch im Alltag präsentiert die globale Vernetzung ihre verschiedenen Gesichter. Übers Netz können E-Mails weltweit verschickt werden. Menschen, die in tief greifende Gespräche verwickelt sind, haben sich gerade erst kennen gelernt – zum Beispiel in „chat rooms“. Dieses Phänomen kann man zwar als eine Art Hightech-Fortsetzung der guten alten Brieffreundschaften ansehen, neu ist aber: Der Begriff „Ortsgebundenheit“ hat an Bedeutung verloren.
Viele sehen diese Entwicklung als Gefahr. Oft ist von einer „Isolierung“ des Menschen durch das Internet die Rede. Anstatt unter seinen Mitmenschen zu sein, hocke der Nutzer vor seinem Rechner, so kritische Stimmen. Der Umgang mit Menschen werde verlernt. Ist das aber wirklich so?
Fest steht: Es tut sich eine neue Entwicklung auf. Der traditionelle Freundeskreis entsteht nicht mehr durch persönliche Kontakte am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft oder im Verein. Jetzt sucht man sich seine Freunde nach gemeinsamen Interessen aus, unabhängig vom Standort – in Chat-Rooms und auf Message-Boards.
Dabei entstehen virtuelle Cafés und Kneipen in der Cyberwelt. Man tut so, als trinke man gemeinsam eine Tasse Kaffee – mit Menschen, die man nie zu Gesicht bekommen hat. Man kann sogar seinen Ehepartner im Internet finden.
Auch bei Unternehmen heißt das Zauberwort globale Vernetzung. In einer Zeit, in der bereits Kauf- und Mietverträge über das Internet abgewickelt werden, müssen die Firmen im Netz präsent sein, um konkurrenzfähig zu bleiben.
Mit dieser Welt umspannenden Vernetzung sind Unternehmen heute nicht mehr ortsgebunden. Wo befindet sich beispielsweise die Firma „Unternehmen.com“? Anschrift und Telefonnummer sind mittlerweile unwichtig geworden. „Dotcom“ kann eben überall sein. E-Commerce ist eine neue, virtuelle Welt, die nirgendwo, überall und dennoch gleichzeitig in der Wohnung des Einzelnen real ist.
Viele Firmen sehen die neue Ortsungebundenheit und die schnelle Übertragbarkeit von Information als Chance, die interne Organisation zu ändern. Unternehmen haben bereits damit begonnen, ihre Produktion in Länder mit niedrigeren Lohnkosten zu verlagern. Fortgesetzt wird die Globalisierung durch Auslagerung der Produktentwicklung ins Ausland. Die Firma Infineon beispielsweise, einer der weltweit führenden Waferhersteller, hat Büros und Fertigung in Singapur, München, Villach und Silicon Valley. Das und eine geschickte Arbeitsorganisation machen eine Entwicklung rund um die Uhr möglich.
Laufende Projekte werden über Zeitzonen hinweg von Team zu Team Richtung untergehende Sonne zugespielt. Der Arbeitsablauf: Morgens spricht man sich mit dem Team Richtung Osten ab, um kurz vor Feierabend dem Team Richtung Westen das Wesentliche vom Tage mitzuteilen. Tags drauf ist das Projekt um zwei Ingenieurschichten weiter. Davon kann man in anderen Branchen nur träumen.
Wie lange beispielsweise dauert die Entwicklung eines neuen Autos von der Skizze bis zum ersten Serienfahrzeug? Drei oder vier Jahre? Und warum so lange? Weil eine Mindestanzahl von Ingenieurstunden für die Entwicklung notwendig ist. Durch Simultaneous Engineering kann vieles parallel laufen. Die Entwicklung im Drei-Schicht-Betrieb aber kann es nicht ersetzen.
Dieser positive Aspekt der Globalisierung wird mittlerweile sogar an Universitäten trainiert. An der Stanford University bearbeiten Studenten des Studiengangs „Global Supply Chain Management“ ihre Industrieprojekte gemeinsam mit Studenten der Hong Kong University of Science and Technology. Sie üben damit genau das, was künftig die Norm sein wird. Die neue Arbeitsorganisation globaler Unternehmen macht diese Form des Lernens notwendig.
Die globale Vernetzung bringt aber nicht nur Vorteile. Mit der neuen Kommunikation ist auch gleichzeitig eine neue Verwundbarkeit entstanden. Nun kann von den Philippinen aus ein bösartiges Virus sich fast ohne menschliches Eingreifen verbreiten und von Zeitzone zur Zeitzone essentielle Programme löschen. Die Auswirkungen des „I love you“- Virus waren für viele Unternehmen finanziell verheerend, es wurden Schäden von 10 Mrd. Dollar angerichtet. Wo vorher nichts war, ist nun etwas vorhanden, dessen Zerstörung einen hohen Geldwert hat.
Was bringt die neue Art der weltweiten Kommunikation für die Geschäftswelt noch mit sich? Den Vorteil: Zeichnungen, Bilder, Tonbandaufnahmen, Sitzungsprotokolle, Spezifikationen, Listen von Lieferanten, alles, was in digitaler Form gespeichert werden kann, kann sofort zum Firmenhauptsitz geschickt werden. Der Nachteil: Genauso kann diese Datei an die Konkurrenz geschickt werden. Steht zu befürchten, dass Innovationsvorsprünge durch Missbrauch der neuen Kommunikationsmöglichkeiten verloren gehen?
Ob die globale Vernetzung eine Chance oder eine Bedrohung für ein Unternehmen ist, hängt offenbar von der Einstellung der Firma gegenüber ihren Mitarbeitern und Kunden ab. Die Firma, die das Selbstwertgefühl dieser Menschen nicht ernst nimmt, muss mit Konsequenzen rechnen. Das war zwar schon immer so, heute jedoch können unzufriedene Mitarbeiter oder Kunden viel schneller und nachhaltiger reagieren.
Das Unternehmen aber, das es versteht, im Interesse seiner Kunden die Motivation seiner Mitarbeiter mit den neuen Möglichkeiten der Arbeitsorganisation zu verbinden, wird sich in vielen Ländern dieser Welt durchsetzen. Davon bin ich überzeugt. JEAN K. GREGORY

Von Jean K. Gregory
Von Jean K. Gregory

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