Computer 04.03.2011, 19:51 Uhr

Das gefährdete digitale Gedächtnis

In immer schnelleren Zyklen kommen neue Computersoft- und hardware auf den Markt. Das Problem: Die Daten der alten Rechnersysteme sind für die neuen oft unlesbar. An der Universität der Bundeswehr München wird deshalb nach Verfahren gesucht, wie sich die alten Daten von Großrechenanlagen retten lassen. Ergänzt wird das von privaten Initiativen.

Es ist ein merkwürdiger Raum. Von der Decke herab senken sich silber funkelnde Abluftröhren, darunter stehen leise surrend schwarze Kästen, die ein wenig an Umkleidekabinen erinnern. Sollte es hier einmal brennen, wird mit dem Edelgas Argon gelöscht. „Normaler Löschschaum wäre viel zu riskant für die Elektronik“, sagt Werner Baur und geht an den elektronischen Geräten entlang, in deren Inneren ab und zu grüne und rote Lämpchen aufleuchten. „Das hier ist unser Heiligtum“, sagt der 51-Jährige und lacht ein wenig.

In der Tat beherbergt dieser Raum den neuen Großrechner des „Leibnitz Rechenzentrums“ auf dem Gelände der Münchner Universität in Garching, der von rund 100 000 Nutzern in den Hochschulen der bayerischen Landeshauptstadt angesteuert wird. Auch die bayerische Staatsbibliothek nutzt diese Rechnerkapazität und digitalisiert damit permanent ihre Buchbestände.

Dabei kommt nun Baur ins Spiel. Er ist Leiter des Speichermanagements und sorgt so dafür, dass auch die künftigen Generationen noch etwas mit den heute gesammelten und gespeicherten Daten anfangen können.

Doch wo liegt das Problem?

„Vor 25 Jahren“, erläutert Baur, „habe ich meine Diplomarbeit auf einem ‚Word-Star’-Programm geschrieben und auf einer 8-Zoll-Diskette abgespeichert.“ Die aber kann heute niemand mehr lesen, weil es weder die dazu nötige Hard- noch Software gibt.

Szenenwechsel. Die Halle 109 auf dem ehemaligen Fliegerhorst Neubiberg bei München liegt in der Nähe des noch immer deutlich sichtbaren Tower. Doch hier landen und starten schon lange keine Kampfflugzeuge mehr.

Auf einem Teil der früheren Startbahn vergnügen sich im Sommer Radler, Roller-Blader, Skater und Jogger. Auf einem anderen Teil werden unter der Regie der hier ansässigen Hochschule der Bundeswehr ferngesteuerte Vehikel ausprobiert. Gut 4000 Soldaten studieren an der Hochschule, einer ihrer akademischen Lehrer ist der Informatik-Professor Uwe Borghoff. Und er ist auch dafür verantwortlich, was seit gut einem Jahr in Halle 109 passiert.

„Das riecht schon ein bisschen nach Harz“, räumt der 51-Jährige ein, „das sind die Steckverbindungen.“ Der Informatiker lehnt an einem mächtigen Eingabepult. „IBM Electronic Data Processing Machine“ steht in gegossenen Lettern über dem metallenen Tisch mit seinen vielen glänzenden Knöpfen, links und rechts davon große, mannshohe Metallschränke mit unzähligen braunen Kabelsträngen.

Wirft man einen Blick auf die Rückseite, sind Hunderte von elektronischen Röhren zu sehen. „Das ist ein IBM 705“, erklärt Borghoff, „der war bei der Hoechst AG in Frankfurt in Betrieb.“

Das aber ist schon lange her, 54 Jahre, um genau zu sein. Damals, 1957, war das die modernste verfügbare Technik. Gefüttert wurde das „Elektronengehirn“, wie man damals gern sagte, über das Einlesen von Lochstreifen. Die Speicherkapazität des Röhrenmonsters betrug 40 KByte. Jedes Billig-Handy bringt heute hundertmal mehr Rechnerleistung mit.

Und das ist auch der Grund, warum der „IBM 705“ heute in Halle 109 steht. Daneben die Festplatte aus den 1960er-Jahren, die ungefähr so groß ist wie der Reifen eines Lastwagens. Dazu kommen jede Menge alter Rechner, von einem ehemaligen Supercomputer des US-Herstellers Cray über die Robotron-Technik aus der DDR bis hin zu Commodore-Modellen.

Denn in Halle 109 entsteht derzeit ein europaweit einzigartiges Projekt: ein Forschungs- und Ausstellungszentrum für Rechnertechnik von den 1950er-Jahren bis heute. „datArena“ nennt sich das Projekt, das einerseits eine Forschungs- und Lehrumgebung für Wissenschaftler und Studierende sein soll, zum anderen ein Ort, an dem „digitales Erbe“ bewahrt wird und sich der Besucher mit der Geschichte und der Gegenwart der Informationstechnologie auseinandersetzen kann.

„Nein, das hört so schnell nicht auf“, sagt Uwe Borghoff und meint damit jenen Prozess, der mit dem IBM 705 begann und seitdem immer weitergeht: die permanente Umwälzung der Informationstechnologie mit der steten Erweiterung von digitalen Rechner- und Speicherkapazitäten. So steht heute im Durchschnitt alle sechs Jahre eine neue Hardware zur Verfügung, was dazu führt, dass die Speichermedien von vorgestern vergessen und schon die von gestern nicht mehr abspielbar sind.

Betroffen davon sind digitale Datenmengen in heute unbekannter Größenordnung.

Stellte man vor 500 Jahren ein Buch in das Regal einer Bibliothek, so lässt sich das heute wieder herausnehmen und lesen. Für das gleiche Buch in digitalisierter Form ist das nicht vorstellbar. Es sei denn, die Daten werden permanent auf neue Datenträger umgeschichtet und so parallel zur Erneuerung der Hardware lesbar erhalten.

Genau das macht Speichermanager Baur am Leibnitz-Rechenzentrum. Er verschwindet in einem nüchternen Raum ohne Fenster in dem Beton-Kubus, in dem auch der Großrechner steht. Auch hier wieder unspektakuläre Metallkästen, die an Spinde erinnern. Baur öffnet einen davon und zeigt auf die darin verborgene Mechanik. „Das ist quasi ein Umkopier-Roboter“, erklärt er. Denn alle vier bis fünf Jahre müssen sämtliche Daten auf neue Datenträger umkopiert werden, weil sich die Speicherkapazitäten erweitert haben und neue Bänder und Lesegeräte auf dem Markt sind.

Weltweit werden praktisch permanent die globalen Datenbestände umgewälzt und so deren Lesbarkeit erhalten – ein gigantischer Prozess, der kein Ende kennt.

Zurück in Neubiberg: Dort, in einer Ecke von Halle 109 macht sich gerade Peter Bartsch an der Stromversorgung eines „Control Data 960“-Rechners aus dem Jahre 1989 zu schaffen. Bartsch hat lange Jahre bei der gleichnamigen Firma gearbeitet, jetzt opfert der 63-Jährige zwei Wochen Urlaub, um hier in Neubiberg die alten Rechner mit ihren großen Magnetspulen wieder zum Laufen zu bringen. Der Aschaffenburger ist Unterstützer des Vereins „Gesellschaft für historische Rechenanlagen e.V.“, der als Träger für das „Computer Museum München“ fungiert. Die Gesellschaft besitzt Sammlungen mit Tausenden von Objekten, die vom Informationszeitalter erzählen: Hardware von der Rarität bis zum Mainstream, Software, Werbemittel, Zeitschriften, Literatur sowie ein Software-Archiv „von internationalem Rang“ und eine der größten privaten Datenträgersammlungen Europas.

„Objekte, Dokumente und Wissen der Computer-Ära drohen bald, für immer verloren zu gehen. Eine große Anzahl von Menschen wird dann mehr denn je von Kenntnissen ausgeschlossen sein, die eine wichtige Basis für das Verständnis der ‚Informationsgesellschaft’ bilden“, heißt es in den Vereinsstatuten.

Gut zwei Dutzend Mitglieder hat der Verein und eines davon ist Wolfgang Kainz-Huber. Der 53-Jährige sammelt Mikrocomputer, heute zählt seine Sammlung mehr als 500 verschiedene, zumeist funktionstüchtige Rechner und eines der größten privaten Software-Archive Europas. Alles gestapelt im Keller seines Hauses in Grasbrunn bei München.

Als staatlich geprüfter Landwirt und Landwirtschaftsmeister gründete er 1986 eine Software-Firma mit Forstwirtschafts-Programmen und 1998 begann seine Leidenschaft für historische Mikrocomputer. Auf einem Flohmarkt erstand er eine Kiste mit C-64 Computern, dann folgten Atari und andere Hersteller. Kainz-Huber stellte sie zu Hause in Vitrinen aus und dann kam der „Traum, eine Ausstellung zu machen“. Seither sammelt er professionell.

Gewissermaßen das Gegenstück im Verein stellt John Zabolitzky mit seiner privaten Sammlung funktionsfähiger historischer Großrechner dar. Der Physiker hatte Professuren in Köln und Minnesota/USA inne und ist Mitbegründer und Direktor einer international tätigen Firma für Industrie-Automation und begann 1999 mit dem Sammeln von Groß- und Supercomputern, die in Kellern, Garagen und einer angemieteten Halle auf einem Bauernhof lagerten. Die Rechner stammen z. B. vom Max-Plank-Institut für Plasmaphysik, vom Deutschen Wetterdienst oder eben von der Hoechst AG. Jetzt stehen sie als Leihgabe in der Halle 109 auf dem ehemaligen Fliegerhorst Neubiberg.

Deutschlandweit einmalig ist der dort entstehende Forschungsbereich. Und dies sowohl für die ingenieurwissenschaftlichen Fakultäten als auch für die sozialwissenschaftliche Forschung, geht es doch darum, den Computer nicht nur als „technisches Faszinosum“, sondern auch als ein die Gesellschaft veränderndes Phänomen, als Werkzeug für Künstler und als „Gedächtnis unserer Epoche“ zu verstehen.

Zukünftig soll die „datArena“ auch für die Öffentlichkeit als Ausstellungszentrum historischer Rechenmaschinen zugänglich sein. Und vielleicht wird eines Tages hier in der Halle 109 dann auch „Watson“ stehen, der nagelneue und „superintelligente“ Quiz-Rechner von IBM. Ausgestattet mit einem 16 Terabyte-Arbeitsspeicher soll er 80 Billionen Berechnungen pro Sekunde durchführen und es so bei Quizfragen mit menschlichen Experten aufnehmen können. Auch er wird eines Tages von anderen Rechnern überholt werden und dann zu Alteisen und einem Ausstellungsstück werden. Denn, wie Borghoff voraussagt, wird der Prozess der Umwälzung der Informationstechnologie kaum je ein Ende finden. R. STUMBERGER

Ein Beitrag von:

  • R. Stumberger

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