Alte Programmiersprachen gefragt 21.03.2013, 14:30 Uhr

Bitkom-Funktionär: Nicht alles toll, was aus Indien kommt

Die Euphorie von Unternehmen zur Auslagerung von IT-Diensten nach Indien ist nach Beobachtung von Ulrich Dietz, Präsidiumsmitglied des Branchenverbandes Bitkom und Vorstandschef des IT-Dienstleisters GFT Technologies, deutlich abgeebbt. Inzwischen gebe es in Deutschland einen hohen Bedarf an Programmierern über 50, die noch alte Programmiersprachen beherrschen.

Ulrich Dietz, Bitkom-Präsidiumsmitglied und Chef des IT-Dienstleisters GFT, hält den Trend zu IT-Dienstleistungen in Indien für gebrochen. Programmierer in Deutschland seien wieder stärker gefragt.

Ulrich Dietz, Bitkom-Präsidiumsmitglied und Chef des IT-Dienstleisters GFT, hält den Trend zu IT-Dienstleistungen in Indien für gebrochen. Programmierer in Deutschland seien wieder stärker gefragt.

Foto: dpa / Patrick Seeger

Die Indien-Euphorie habe dazu geführt, dass sich in Deutschland weniger Studierende für den Beruf des Softwareentwicklers interessiert haben. Zum anderen sei der Aufwand für IT-Dienste in Indien größer als erwartet, sagte Dietz im Gespräch mit den VDI nachrichten. „Die indischen Kollegen bedürfen sehr viel mehr Supervision, genauerer Angaben, was sie machen sollen, als dies in Deutschland oder in Nearshore-Ländern wie Polen oder Spanien der Fall ist“, so Dietz. Die Erfahrung habe gezeigt, „dass doch nicht alles so toll ist, was aus Indien kommt“.

Offshore-Entwicklungen blieben für deutsche Unternehmen zwar ein Thema, aber sie müssten genau prüfen, welche Dienste sie in welche Länder verlegen. „Firmen sollten sich gut überlegen, welche Anwendungen dafür am besten geeignet sind. … Es ist wichtig, sich klar zu machen: Welche Applikationen entwickle ich in Deutschland, was in Near- oder in Offshore-Ländern?“

Doch zunehmend seien Informatiker und Entwickler in Deutschland gefragt. Das gelte auch und vor allem für Informatiker jenseits der 50, die noch alte Programmiersprachen kennen. „Wir brauchen Informatiker, junge Menschen, die die neuen Programmiersprachen können, aber auch genauso Leute, die sich gut mit älteren Programmiersprachen wie Cobol auskennen“, betont Dietz. „Es gibt noch sehr viele Anwendungen, die mit diesen Technologien entwickelt wurden. Cobol ist eine Programmiersprache aus den 80er-Jahren, die insbesondere für Großrechnersysteme geeignet ist. Viele Versicherungen, Behörden und Banken haben noch umfangreiche Softwareanwendungen, die in dieser Sprache geschrieben sind. Das führt zu einer Renaissance von manchem Programmierer, der heute die 50 weit überschritten hat.“

Hier lesen Sie das Interview im Wortlaut:

VDI nachrichten: Herr Dietz, alle Welt redet vom Fachkräftemangel in der IT-Branche. Wer wird gesucht?

Dietz: Insbesondere in Deutschland werden Ingenieure unterschiedlicher Kategorien sowie Softwareentwickler gesucht. Man kann ganz klar sagen: Die Euphorie und Kommunikation, die hinsichtlich der preiswerten Möglichkeiten in Indien in den letzten zehn Jahren aufkam, haben dazu geführt, dass in Deutschland der Beruf des Softwareentwicklers nicht mehr so attraktiv wirkte und sich weniger Studenten an Hochschulen einschrieben. Im Moment wird es wieder besser, weil die Erfahrung zeigt, dass doch nicht alles so toll ist, was aus Indien kommt. Wir brauchen auch hierzulande Informatiker, junge Menschen, die die neuen Programmiersprachen können, aber auch genauso Leute, die sich gut mit älteren Programmiersprachen wie Cobol auskennen. Es gibt noch sehr viele Anwendungen, die mit diesen Technologien entwickelt wurden. Cobol ist eine Programmiersprache aus den 80er-Jahren, die insbesondere für Großrechnersysteme geeignet ist. Viele Versicherungen, Behörden und Banken haben noch umfangreiche Softwareanwendungen, die in dieser Sprache geschrieben sind. Das führt zu einer Renaissance von manchem Programmierer, der heute die 50 weit überschritten hat.

Sie brauchen also nicht nur Informatiker?

Im IT-Umfeld können alle Leute glücklich werden, die strukturiert denken lernen und technikbegeistert sind. Die IT-Industrie benötigt Menschen, die zum einen programmieren können, was aber gar nicht so schwer ist mit den modernen Programmiersprachen, zum anderen aber technische Zusammenhänge erfassen und diese beschreiben, damit sie umgesetzt werden können. Und das ist eigentlich bei allen Naturwissenschaften der Fall, ob das jetzt ein Chemiker oder Maschinenbauingenieur ist, Physiker, Mathematiker. Für diese Leute gibt es hervorragende Möglichkeiten.

Ist die Offshoring-Welle vorbei?

Das Thema Offshore ist ein Bestandteil im Rahmen von internationalen Entwicklungsaktivitäten von Softwareapplikationen, den man berücksichtigen und nutzen kann. Firmen sollten sich in diesem Kontext aber gut überlegen, welche Anwendungen dafür am besten geeignet sind. Wenn ich das sage, meine ich damit: Ist mein Unternehmen geeignet, Anwendungen dieser Form oder welcher Form auch immer in Offshore-Ländern wie Indien entwickeln zu lassen? Die indischen Kollegen bedürfen sehr viel mehr Supervision, genauerer Angaben, was sie machen sollen, als dies in Deutschland oder in Nearshore-Ländern wie Polen oder Spanien der Fall ist. Es ist wichtig, sich klar zu machen: Welche Applikationen entwickle ich in Deutschland, was in Near- oder in Offshore-Ländern? GFT beschäftigt aktuell annähernd 1000 Mitarbeiter in Spanien. Dies ist in unserem internationalen Standortmix ein ganz wichtiger Baustein.

Warum steigen die Gehälter nicht stärker, wo alle vom Fachkräftemangel reden. Eigentlich müsste die Regel von Angebot und Nachfrage gelten?

Bei vielen Firmen sind die IT-Budgets auf dem Prüfstand. Aus zwei Gründen: Ein Unternehmen hat verschiedene Anwendungen, vor allem viele ältere Programme, die permanent betrieben werden müssen, bei Banken verschlingen die Kosten für den Betrieb der bestehenden Anwendungen ca. 70 % des Jahresbudgets, d. h., es stehen nur noch 30 %, max. 40 % für neue Anwendungen zur Verfügung. Es muss also geschaut werden, wie Investitionen effizient eingesetzt werden können, d. h. die Preise für externe Dienstleistungen müssen etwa überschaubar sein. Das führt dazu, dass IT-Dienstleister ebenso auf ihre Kosten schauen müssen und dazu gehört naturgemäß auch das Personalbudget.

Der Anteil der IT-Freiberufler in Unternehmen soll mittlerweile bei 20 % liegen. Bringt das Probleme in den Unternehmen mit sich? Gibt es eine Art Erosion?

Wir haben in vielen anderen Bereichen eine zunehmende Tendenz zum Freiberuflertum, das ist nur nicht so bekannt. Es gibt beispielsweise zunehmend freiberufliche Ärzte, auch Mitarbeiter bei Banken, im Pharma- sowie im Medienbereich. Dieses Phänomen hat sich in den vergangenen zehn Jahren entwickelt, weil Arbeitsplätze nicht mehr so sicher sind, wie das früher der Fall war. Ein Arbeitsplatz bei Siemens oder der Deutschen Bank oder auch bei uns bedeutet nicht, dass dieser eine Lebensstellung ist. Bei den Firmen ändern sich permanent die Anforderungen. Ein Telekommunikationsunternehmen zum Beispiel muss sich mit permanent wandelnden Anforderungen im IT-Bereich auseinandersetzen und braucht flexible Personalstrukturen. Und der Mensch reagiert darauf, wie er immer reagiert, er passt sich an.

Die Mitarbeiter sagen, wenn nichts mehr so sicher ist, dann kann ich mich am besten auf mich selbst verlassen, d. h. auf meine Expertise, auf meine Flexibilität, meine Weiterbildung, dann ist das meine Sicherheit. Dann bekomme ich auch ein ordentliches Honorar.

Wir bei der GFT haben mehr als 1000 Freiberufler unter Vertrag. Die meisten davon sind total happy mit dem, was sie tun. Die sagen, ich bin nicht in die Intrigenwelt von großen Firmen eingebunden, ich mache auch mal zehn Wochen Pause. Es entwickelt sich ein anderes Leben als bei der Angestelltenwelt. Und die Firmen haben die Möglichkeit, flexible Leute einzusetzen. Das wird zunehmen. Mit Sicherheit wird dies nicht alle begeistern, zum Beispiel sind Freiberufler für die Gewerkschaften ein Problem. Freiberufler wollen und benötigen keine organisierten Arbeitnehmervertreter. Gewerkschaften wiederum versuchen, etwas zu regulieren, um ihren Einfluss geltend zu machen. Aber der Drang des Menschen, sich den Gegebenheiten anzupassen, ist bedeutend größer.

Stehlen sich die Unternehmen in puncto Weiterbildung aus der Verantwortung?

Eigentlich nicht, gerade die IT-Branche macht hier viel. Wenn wir in bestimmten Bereichen für Projekte IT-Freiberufler weiterbilden, steht das aber natürlich unter dem Zeichen der Marktwirtschaft. Wir können dem Freiberufler, den wir dann in einer bestimmten Technik ausbilden, zunächst nicht den vollen Stundensatz zahlen. Das pendelt sich dann ein. Ich denke, das ist fair und funktioniert gut, denn beide Seiten haben ein Interesse, dass eine hohe Effizienz gegeben ist.

Nicht zuletzt der steigende Anteil der Freelancer hat dazu geführt, dass selbst in der Regierungskoalition über eine gesetzliche Rentenversicherungspflicht für Selbstständige nachgedacht wurde. Was halten Sie davon?

Die Politik neigt dazu, überall „behilflich“ beiseite zu stehen und den Menschen absichern zu wollen, dazu gehört dann auch ein großer Drang zur Regulierung. Jeder Freiberufler sollte eine Basiskrankenversicherung haben, vielleicht auch eine Altersversicherung, aber das sollte keine gesetzliche Pflicht sein. Menschen müssen Verantwortung für sich selbst übernehmen. Jeder muss für sich sorgen, wie er sich das Leben gestaltet. Als Unternehmer muss ich mich ja auch selbst versichern. Diese Überversorgung kostet den Staat Milliarden und hinterher wundern wir uns, wenn die Steuern erhöht werden sollen.

Sie haben jetzt ein Tochterunternehmen gegründet, Emagine. Warum?

Wir sind rund um die personelle Besetzung von Projekten mit freiberuflichen Fachkräften schon seit zehn Jahren sehr erfolgreich unterwegs und haben dafür Spezialisten. Unter unserem Tochterunternehmen emagine soll dieser Geschäftsbereich stärker in den Vordergrund rücken und das Know-how für verschiedene Branchen gebündelt werden. GFT hat sich als IT-Dienstleister für den Finanzsektor einen sehr guten Namen gemacht. Bei emagine geht es aber auch um Ingenieure und um Wachstumsbranchen wie den Energiesektor. Gerade hier werden wir einen erheblichen Umbruch erfahren. In den Unternehmen werden Leute gebraucht, die sich mit erneuerbaren Energien auskennen, mit Steuern und Regeln. Es gibt viele neue Chancen für gute Leute. Das wollen wir mit Emagine nutzen und den Unternehmen die weltweit besten Spezialisten zur Verfügung stellen.

Was bedeutet das für die Mitarbeiter und Firmen?

Ich rate Mitarbeitern, die sich für das Umfeld Energie interessieren, sich weiterzubilden und den jungen Leuten, dass sie die Chancen nutzen, die die Energiewende mit sich bringen wird. Tausende neuer Jobs werden entstehen. Wer hier gut vorbereitet ist, der wird davon profitieren können. Das gleiche gilt für die Unternehmen. Gerade Start-up-Unternehmen haben durch den großen Wandel im Kontext der Energieerzeugung, Energievermeidung und Energieverteilung unglaubliche Möglichkeiten. Wer hier schnell ist und den Schulterschluss mit dem erfolgreichen Mittelstand sucht, dem stehen alle Türen für eine erfolgreiche Zukunft offen. 

Von Claudia Burger Tags:

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