24.12.1999, 17:23 Uhr

Beim Roll-over wird es spannend

„01.01.00, 00:00 Uhr.“ Keine piependen Alarmsignale, keine blinkenden Lämpchen. Geht es nach dem Test, dann kann telefoniert werden.

Pünktlich um elf Uhr am Telekom-Testgelände in Nürnberg brechen Sonnenstrahlen durch den bis dahin dichten Wolkenvorhang. Wo vorher Regenschauer über Rasen, Parkplatz, Hochhäusern und Fernsehturm niederprasselten, lacht nun die Sonne. Und hinter den Fensterscheiben im Testzentrum lacht dessen Leiter Helmut Möhlig. Vor einer Viertelstunde hat er die Systemzeit im Testzentrum durch ein Funksignal aus der Physikalischen Bundesanstalt in Braunschweig auf 31. 12. 1999, 23.45 Uhr setzen lassen. Punkt Mitternacht am simulierten Wechsel ins neue Jahr führt Möhlig einen Testanruf durch; alles läuft wie immer. Das heißt: Wir alle, aber auch Feuerwehr, Polizei und Krankenhäuser, werden nach Silvester telefonieren können.
Hagen Hultzsch, das für „Technik-Dienste“ zuständige Vorstandsmitglied der Telekom, schmunzelt. Er hat es nicht anders erwartet. Schließlich hat die Deutsche Telekom für 300 Mio. DM alle Systeme und informationstechnischen Anlagen im Hause und bei Kunden überprüfen lassen.
„Besonders spannend wurde es für uns immer beim Roll-over“ erklärt Babette Drewas. Die Mathematikerin ist Koordinatorin aller Aktivitäten der Telekom zur Jahr-2000-Problematik. Im Test wurden gleichzeitig je eine Orts- und eine Fernvermittlungsstelle von Siemens und Alcatel sowie eine Auslandsvermittlungsstelle von Siemens und D1 Mobilfunk in einem Netz zusammengeschaltet.
Horrorszenarien skizzieren derzeit viele: Bei der Telekom könnten schlimmstenfalls keine Telefonate mehr geführt werden – in Notsituationen lebensbedrohlich. Selbstverständlich würden auch die Internet-Verbindungen zusammenbrechen. „Und“, ergänzt Babette Drewas, „es könnte auch kein Geld gezogen werden. Der Geldautomat stellt nach dem Einführen der Karte eine Verbindung zum Rechenzentrum der jeweiligen Bank her, um die Kunden-Identität und -Bonität zu prüfen.“ Diese Verbindung käme nicht zustande. Alarmanlagen von Banken aber auch von Privatleuten, die über die direkte Verbindung zur Polizei funktionieren, würden gleichfalls wirkungslos.

Rechner für Rechner auf Zeitreise geschickt

Werner Mayer, Projektleiter und Koordinator bei der zentralen Systembetreuung (ZDB) im Telekom-Testzentrum für Vermittlungssysteme in Nürnberg, geht in die Details: „Wir haben hart gearbeitet. 188 000 Arbeitsplatzrechner der Telekom wurden in drei Monaten unter die Lupe genommen.“ Dazu hatte die Telekom den Testablauf in vier Testabschnitte unterteilt.
Mayer beschreibt seine jahrelange Arbeit: „Wir haben zunächst sämtliche Schnittstellen innerhalb der eigenen Einrichtungen aber auch zu Partnern und Kunden auf das Jahr-2000-Problem hin untersucht. Die Ergebnisse wurden in Steckbriefen dokumentiert.“
In der zweiten Stufe, so berichtet Mayer, wurde ein „Systemeinzeltest“ durchgeführt. „Hier erfolgte die Überprüfung der Systemfunktionen im Rahmen von Zeitreisen der Einzelsysteme zu allen kritischen Datumsübergängen ohne Netzverbund.“
„Die ersten Vorbereitungen auf die Jahr-2000-Thematik gehen bei der Deutschen Telekom zurück auf das Jahr 1996. Damals hat das Unternehmen begonnen, im Bereich der administrativen Informationsverarbeitungssysteme erste Umstellungen vorzunehmen“, erinnert sich Hultzsch. Schon 1997 habe die Telekom angefangen, aktiv mit der Untergruppe Y2K der International Telecommunication Union (ITU) zusammenzuarbeiten.
Die Trennung der virtuellen Welt von der realen Welt war die Voraussetzung für die Netz- und Nachbarschaftstests. „Dabei wurden alle Netzelemente im Verbund geprüft“, meint Mayer. Das ist die gesamte Übertragungs- und Vermittlungstechnik. „Ein Wahnsinnsaufwand. Bestandteile des Testnetzes waren die Vermittlungssysteme EWSD von Siemens und das System S12 von Alcatel. Beide haben wir im Einsatz. Jetzt wurde gecheckt, was am Datumswechsel an der Teilnehmervermittlungsstelle, der Fernvermittlungsstelle, der Netzübergangsvermittlungsstelle und der Auslandsvermittlungsstelle oder bei Alcatel dem Signalling Transfer Point geschieht.“
Dann geht es im Test zur Sache. „Das Schema hört sich einfach an, bedarf aber größter Genauigkeit: Wir bei der Telekom haben z. B. die Systemzeit der Netzelemente auf 22.00 Uhr gesetzt“, berichtet Mayer. „Nun müssen wir die Systemzeiten synchronisieren und sichern und starten dann die Aufzeichnungsgeräte.“
Um 23.00 Uhr – virtueller Zeit – wurden Gesprächsverbindungen aufgebaut. Nach dem Roll-over wurde der Systemzugriff kontrolliert. Die Aktion wurde eine halbe Stunde nach virtueller Mitternacht beendet. Insgesamt haben sich von den 188 000 Rechnern 5000 als nicht als Jahr-2000-fähig erwiesen. Weitere 15 000 PCs mussten ersetzt werden, weil sie für eine nötige Software-Umrüstung nicht die Voraussetzungen lieferten. Sie waren zu alt dafür.
Hultzsch geht davon aus, dass bei den eigenen Geräten nun alles fehlerfrei verläuft. Aber er räumt ein: „Durch die Kombination unserer Dienste mit Produkten, auf deren Entwicklung und Funktionalität die Telekom keinen Einfluss hat, können Probleme entstehen.“
Und wie andere Telekommunikationsanbieter warnen auch die Bonner: „Natürlich können wir auch nicht sicherstellen, ob ein Gespräch in der Neujahrsnacht etwa nach Somalia oder in andere ferne Länder ordnungsgemäß zustande kommt.“ Daran sei dann aber nicht die Telekom schuld.
Ähnlich wie Banken ihre Kunden fürchten, die aus lauter Furcht vor nicht funktionstüchtigen Geldautomaten schon Silvester ihr gesamtes Geld abheben, ergeht es auch der Telekom. Der Datumswechsel selbst, so prognostizieren Experten, wird für weniger Ärger sorgen, als Millionen von Neujahrstelefonaten kurz nach Mitternacht.
Dennoch werden bei der Telekom alle Notdienststellen zum Jahreswechsel besetzt sein. Auch Hagen Hultzsch wird mit seinen Fachleuten in der Telekomzentrale in Bonn gespannt auf den Jahreswechsel warten. Eventuelle Störungen sollen so schnell wie möglich „lokal beseitigt werden“, meint Hultzsch und verweist auf die dezentrale Organisation der Telekom.
„Den Sekt werden wir nicht um Mitternacht trinken“, schmunzelt Hultzsch, „sondern später, wenn der Wechsel von 99 auf 00 in trockenen Tüchern ist.“ Zunächst werden in Bonn 50 bis 60 Telekom-Mitarbeiter mit Selterswasser auf den realen Roll-over anstoßen. KONRAD KOPPER
Die Spannung wächst: Werden Telekommunikationsnetze und Computeranlagen die kommende Silvesternacht unbeschadet überstehen? Frühzeitige Simulationen wie hier bei der Telekom in Nürnberg stützen den Optimismus vieler Unternehmer.
Selters zum Datumssprung: Vorstandsmitglied Hagen Hultzsch erwartet ihn mit seinen Mitarbeitern in der Bonner Zentrale. Öffentliche Simulation: Werner Mayer, Projektleiter im Telekom-Testzentrum in Nürnberg, zeigt, womit er sich über zwei Jahre lang beschäftigt hat. Sukzessive wurde das komplexe Netz auf den Wechsel ins Jahr 2000 vorbereitet.

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