Software 26.03.1999, 18:21 Uhr

Auch SAP setzt jetzt auf Linux

Linux war der Megatrend auf der CeBIT “99. Nachdem praktisch alle wichtigen IT-Unternehmen dieses herstellerneutrale und freie Betriebssystem unterstützen, hat sich nun auch die Walldorfer SAP für Linux entschieden.

Als „alternatives“ Betriebssystem zu Windows NT ist Linux stark im Kommen, nicht nur an Universitäten und bei wissenschaftlichen Organisationen, sondern auch in der Wirtschaft. Kommerzielle Softwareanbieter reagierten bereits vor Monaten auf den neuen potentiellen Markt und portierten ihre Software auf Linux. So sind nicht nur die Datenbanksysteme von Oracle, Informix und Sybase, sondern auch verschiedene OfficePakete wie ApplixWare, StarOffice und WordPerfect auf Linux verfügbar.
Großfirmen wie IBM und Siemens bzw. deren Partner bündeln das breitgefächerte Softwareangebot zu Lösungen und bieten die von anderen Betriebssystemen her gewohnte Unterstützung, die von den Distributoren von Linux so nicht geleistet werden kann. Auf Workstations ist Linux vor allem in der Softwareentwicklung verbreitet, bei den Servern dient es als Betriebssystem im Umfeld des Internets, etwa als Web-, Proxy- und E-Mail-Server.
„Bei Hewlett-Packard betrachten wir Linux als wichtige Marktströmung. Wir gehen davon aus, daß es sich als Plattform für bestimmte Umgebungen durchsetzen wird, zumal es unter Internet-Dienstleistern und Entwicklern von Software für den elektronischen Handel, zwei Märkten, auf denen die SAP unserer Ansicht nach eine Hauptrolle spielen wird, recht weit verbreitet ist“, so Nigal Ball, General Manager der Internet and Application Systems Division bei HP. „Da auch wir uns momentan auf diese Bereiche konzentrieren, wird Linux ein tragendes Element der Betriebssystemstrategie von HP werden.“
Die Nachfrage nach linuxfähigen Systemen geht jedoch von den Anwendern aus und dort insbesondere von Unternehmen, die Linux bereits einsetzen. „Unsere Erfahrungen mit Linux sind ausgesprochen positiv“, so Thomas Nitzsche, Leiter des R/3-Basissupports bei der Deutschen Telekom Service Management GmbH. „Linux erweist sich als stabil und zuverlässig zudem können wir im Umgang damit unser internes Wissen über Unix-Betriebsumgebungen verwerten.“
Den endgültigen Durchbruch im kommerziellen Umfeld dürfte nun aber die Ankündigung von SAP auslösen, die betriebswirtschaftliche Software R/3 auf Linux zu portieren. „Die gesamte Palette der R/3-Produkte kommt auf Linux, beschränkt allerdings auf Hardware mit Prozessoren von Intel sowie Datenbanken von IBM und Informix“, verkündete am ersten Tag der CeBIT Hasso Plattner, Vorstandsmitglied der SAP AG. „Wir waren total überrascht von der Qualität und Stabilität dieses Betriebssystems, und damit ist auch die Portierung unserer Anwendungen leicht gefallen. Linux ist eine einfache Variante von Unix und eine quasi letzte Hoffnung im Wettbewerb gegenüber Windows NT.“ Auch Windows NT sei für SAP ein stabiles Betriebssystem, nun müsse der Markt entscheiden, meint Plattner.
Unterstützt wird SAP durch Partner, dazu gehören Compaq, Hewlett-Packard, IBM, Informix und Siemens. Diese Unternehmen steuern Entwicklungsressourcen sowie Service-, Test- und Integrationsprogramme bei. „Wir werden für R/3 unter Linux eine umfassende Systempalette und Supportprogramme für den Lebenszyklus zur Verfügung stellen“, so Ed Wolyniec, Vice President der Business Applications Solutions bei Compaq. „Abgesehen davon, daß ein anderes Betriebssystem zugrunde liegt, werden Anwender feststellen, daß bei R/3 für Linux alles wie gewohnt bleibt. Die Hardwarepartner von SAP werden Geräte und Betriebssysteme so betreuen wie bisher. Für alle Linux-Versionen ab den von der SAP genannten Releases wird ein vollständiger Support angeboten, so daß die Systemstabilität re-leaseübergreifend sichergestellt bleibt.“ Compaq wird zunächst R/3 unter Red-Hat-Linux unterstützen. Vorinstallierte und vorkonfigurierte R/3-Systeme für Linux lassen sich auch quasi von der Stange bestellen. „Wir bieten Software, Server und technischen Support für R/3 in der LinuxUmgebung“, bekräftigt auch John Callies, Service President im Netfinity-Marketing bei IBM.
Siemens führte R/3 für Linux bereits auf Servern der Primergy-Linie vor. „Diese Kombination ist eine attraktive Lösung im unteren bis mittleren Segment“, meint Robert Hoog, Leiter der Sparte Computersysteme bei Siemens. Durch die Zusage von Siemens, sich an der Optimierung des Betriebssystemkerns entsprechend den Open-Source-Regeln zu beteiligen, seien Lauffähigkeit und Stabilität von Linux auf diesen Servern sichergestellt. Einer der ersten Kunden ist Air Liquide Deutschland. „Die Installation von R/3 auf Linux ist für uns eine Weiterverfolgung der Strategie, stabile, sichere und wartungsarme Rechenzentrumstechnologie einzusetzen“, meint R/3-Consultant Michael Schnitker. Partner von Siemens in Sachen Linux ist der Nürnberger Distributor Suse, der auch eigenständigen Support bietet.
Noch ist Linux kein ernstzunehmender Konkurrent für Windows NT oder das kommende Windows 2000, doch immer mehr Großunternehmen ziehen das freie Betriebssystem vor. Und letztlich sind es viele Händler leid, mit jedem verkauften PC Lizenzgebühren an Microsoft abführen zu müssen. Auch hier könnte sich Linux als Alternative anbieten.
ACHIM SCHARF
Der Pinguin ist das Maskottchen der Linux-Gemeinde. Er war dabei, als Chip-Chefredakteur Rainer Grabowski Jon Hall von Linux International und Achim Cloer vom LIVE Linux-Verband e.V. mit dem CeBIT-Oscar auszeichnete (v. li. n. re.). Weitere Preisträger: Manfred Berger, IBM Dr. Armin Schwerdtner, TU Dresden Mike Clary, Sun Microsystems.

Ein Beitrag von:

  • Achim Scharf

    Ingenieur Achim Scharf ist Fachjournalist für Technikthemen und schreibt u.a. über Automation, Elektronik und IT-Themen.

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