Software 02.09.2005, 18:40 Uhr

24. August 1995: MS-Dos ist tot – es lebe Windows 95  

Fünf Jahre deutsche Einheit, der Kanzler hieß Helmut Kohl und Bill Gates war noch Chef bei Microsoft. Am 24. August landete dieser seinen großen Coup: Mit Windows 95 war nach langen Jahren endlich die Dos-Ära beendet. Acht Buchstaben lange Dateinamen gehörten der Vergangenheit an, aber mindestens ein 386er-PC war Bedingung.

Gespanntes Warten auf Mitternacht, lange Schlangen vor den Läden, viele tausend wollen als Erste das begehrte neue Produkt in Händen halten … Nein, hier geht es nicht um den neuesten Harry-Potter-Band, vielmehr ist die beschriebene Szene fast auf den Tag genau zehn Jahre her: Am 24. August startete mit einer spektakulären mitternächtlichen Verkaufsaktion eine neue Windows-Ära. Windows 95 sollte die Arbeit mit dem PC revolutionieren, intuitiver, schneller und einfacher machen. Seit zehn Jahren haben nun also die PC-Benutzer jenen legendären „Start!“-Knopf am linken unteren Bildschirmrand, der als Symbol des neuen Windows-Zeitalters bis heute erhalten geblieben ist.

Passend zum markanten Bildschirmlogo hatte sich Bill Gates – damals noch Kapitän auf dem Microsoft-Riesentanker – die Rechte am Stones-Song „Start me up…“ gesichert und so machte Mick Jagger persönlich akustische Werbung für das neue Windows.

Endlich sollte nun Schluss sein mit den Beschränkungen, die das mittlerweile fast 15 Jahre alte Betriebssystem MS-Dos den PC-Nutzern auferlegte. Expanded-Memory, 640-kByte-Grenze, Extended-Memory, Autoexec.bat – jeder dieser Begriffe konnte seinerzeit für schlaflose Nächte oder für mangelhafte PC-Funktionalität sorgen – und nun sollte das alles vorbei sein? Natürlich hatte auch der MS-Dos-PC von seinen Vorbildern Mac und Atari-ST längst das „Fensterln“ gelernt. Doch der Siegeszug von Windows 3.0 bis 3.11 konnte nicht verbergen, dass dieser Aufsatz auf das Dos-System nur eine Krücke war.

Nun also ein Windows ohne Dos-Ballast (oder doch nur so viel, wie zur Kompatibilität mit alten Programmen unbedingt notwendig war). Und schon damals waren die Anforderungen an die Rechner-Hardware gewaltig – sie sorgten für entsprechende Euphorie bei den PC-Herstellern, die sich von jedem neuen Windows ein gutes Ersatzgeschäft versprachen.

Mindestens ein 386er musste es für den Einsatz von Windows 95 sein, besser war natürlich ein 486er oder gar eine der neuen, und damals sündhaft teuren Pentium-Maschinen. Auch der Arbeitsspeicher des PCs sollte mit 8 MByte üppig bemessen sein, wie auch eine geräumige 500-MByte-Festplatte dem System erst so richtig Flügel verlieh. Alleine diese Zahlen machen deutlich, was zehn Jahre in der schnelllebigen PC-Welt bedeuten.

Fast vergessen ist heute allerdings, dass zeitgleich mit Windows 95 das Microsoft Network msn als eigenständiger Onlinedienst an den Start gehen sollte. In den Kindertagen des World Wide Web hatten diese Dienste – allen voran Compuserve – Konjunktur. Gerade hatte die Telekom ihren Datex-j-Dienst medienwirksam in T-online umfirmiert, startete Bertelsmann seinen Dienst, der später in AOL aufging, da wollte Bill Gates nicht abseits stehen. Erfolgreich als eigenes Netz war msn allerdings nicht. Sorgen, der Riese aus Redmond würde T-online und Co. überrennen, waren unbegründet.

Mit Windows 95 war die Optik der grafischen Benutzerführung weitgehend festgelegt. Selbst Windows XP brachte nur graduelle Änderungen und zeigt auch die gewohnte Ansicht auf Wunsch auf dem Bildschirm. Der rechte Mausklick, die langen Dateinamen und vieles mehr – alles Errungenschaften, die mit Windows 95 erstmals in Windows realisiert wurden. Natürlich reagierte Apple mit Häme: Auf einer eigens einberufenen Pressekonferenz zum Windows-95-Launch in Deutschland ließ man kein gutes Haar am neuen Windows. Kurios: Bemängelt wurde z. B., dass man zum Herunterfahren des Rechners den Start-Knopf drücken müsse. Ein Vorwurf der seinerzeit sofort gekontert wurde: Das Mac-typische Auswerfen von Disketten per Ablegen auf dem Papierkorb sei auch nicht logischer. Dem Erfolg von Windows 95 und seinen Nachfolgern (98, 98SE, Millenium und aktuell XP) hat dies keinen Abbruch getan.

Übrigens: Der deutsche Verkaufsstart am 5. September 1995 verlief nicht zuletzt dank des deutschen Ladenschlussgesetzes wesentlich ruhiger als in den USA. Trotzdem trat Windows 95 auch hier zu Lande seinen Siegeszug an. Vielleicht etwas gebremster, denn Deutschland war einer der wenigen Märkte, wo OS/2 von IBM eine große Fangemeinde hatte. Heute ist es Linux, das als kleines gallisches Dorf dem römischen Imperium Microsoft Widerstand leistet. JENS D. BILLERBECK

Ein Beitrag von:

  • Jens D. Billerbeck

    Jens D. Billerbeck

    Leiter Content Management im VDI Verlag. Studierte Elektrotechnik in Duisburg und arbeitet seit seiner Schulzeit jounalistisch. Nach Volontariat und Studienabschluss Redakteur der VDI nachrichten u. a. für Mikroelektronik, Hard- und Software, digitale Medien und mehr.

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