Wettlauf im vernetzten Denken 25.04.2014, 16:46 Uhr

Industrie 4.0: Microsoft-Chef Illek kritisiert zögerlichen Maschinenbau

Deutsche Maschinenbauer gefährden ihre zukünftige Wettbewerbsfähigkeit. Das kritisiert Microsoft-Deutschland-Chef Christian Illek im Interview mit den VDI nachrichten. Jetzige Weltmarktführer müssten aufpassen, sich beim Thema Industrie 4.0 nicht von anderen Ländern überholen zu lassen. 

Christian Illek auf der Computermesse CeBIT 2014 im März in Hannover. Im Interview mit den VDI nachrichten kritisiert der Chef von Microsoft Deutschland den deutschen Maschinenbau. Ohne die Einführung der Big-Data-Analysen hätte die Branche einiges zu verlieren. 

Christian Illek auf der Computermesse CeBIT 2014 im März in Hannover. Im Interview mit den VDI nachrichten kritisiert der Chef von Microsoft Deutschland den deutschen Maschinenbau. Ohne die Einführung der Big-Data-Analysen hätte die Branche einiges zu verlieren. 

Foto: dpa/Christoph Schmidt

„Der deutsche Maschinenbau hat mehr zu verlieren, als er zu gewinnen hat, wenn er sich die Big Data-Analyse nicht zu eigen macht“, betont Christian Illek, Chef von Microsoft Deutschland, in einem aktuellen Interview mit den VDI nachrichten. Wer jetzt Weltmarktführer sei, werde morgen vom Wettbewerb aus anderen Ländern überholt, falls er die Verschmelzung seiner Produktionsprozesse mit der IT in Richtung Industrie 4.0 nicht mitmache. „Auch wenn man heute eine internationale Spitzenposition hat, ist man längst nicht mehr alleine auf dem Markt“, mahnte Illek die deutschen Maschinenbauer.

Verpasst die deutsche Industrie die nächste Industrielle Revolution?

Mit seiner Einschätzung steht Illek nicht alleine da. Gerade erst legte das internationale Beratungsunternehmen Capgemini eine Studie vor, in dem weltweit agierende Unternehmen befragt worden waren, inwieweit sie die digitale Vernetzung in ihren Betrieben bereits umgesetzt haben. Im Vergleich mit anderen Branchen hinke der Maschinenbau deutlich hinterher, was die betriebliche Digitalisierung betreffe, konstatiert die Studie.

Zwar habe sich die Ignoranz der letzten Jahre gegenüber dem Thema Industrie 4.0 weitestgehend gelegt. Aber die Fertigungsindustrie sei immer noch zu den digitalen Anfängern zu rechnen. Durch eine allzu zögerliche Haltung würden sie die nächste Industrielle Revolution verpassen und im internationalen Wettbewerb verlieren.

Cyber-physische Systeme zählen zu den Schlüsseltechnologien der Industrie 4.0

„Wir laufen Gefahr, dass die deutschen Hightech-Unternehmen einen Megatrend verschlafen“, glaubt auch Franz Gruber, der Chef des IT-Technologieunternehmens Forcam aus Friedrichshafen. „Wir brauchen cyber-physische Systeme“, fordert Gruber in einem Gespräch mit den VDI nachrichten. Nur mit einem cyber-physischen System, also dem Verbund zwischen Softwarekomponenten und mechanischen und elektronischen Teilen über eine Dateninfrastruktur, sei die Informationsverarbeitung in der Industrie mit der nötigen Geschwindigkeit zu meistern.

Durch die Einbindung der Produktionsanlagen und Produkte ins Internet der Dinge werden Fabriken zu Smart Factories. Dank Industrie-4.0-Technologien lassen sich immer kürzere Produktzyklen und steigende Produktvarianten wirtschaftlich bewältigen. 

Durch die Einbindung der Produktionsanlagen und Produkte ins Internet der Dinge werden Fabriken zu Smart Factories. Dank Industrie-4.0-Technologien lassen sich immer kürzere Produktzyklen und steigende Produktvarianten wirtschaftlich bewältigen. 

Foto: dpa/Julian Stratenschulte

Auch der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) widmet sich dem Thema. So hat der VDI jüngst zur Hannover Messe einen Statusreport mit dem Titel „Industrie 4.0 – Wo steht Deutschland im weltweiten Vergleich?“ vorgelegt. Darin heißt es: „Wir befinden uns mitten im Wettlauf um das ‚Advanced Manufacturing‘ – und die Mannschaft aus Deutschland heißt Industrie 4.0. Ob Deutschland in Zukunft die Nase vorn haben wird, ist eine Frage der schnellen Umsetzung, der gemeinsamen Überwindung von Herausforderungen wie Standardisierung, sichere IT-Strukturen sowie geeignete Businessmodelle.“

Eingriffe in bestehende Steuerungsarchitektur ist oftmals aufwändig

Leichter gesagt als getan, denn die digitale Vernetzung aller betrieblichen Bereiche kann nicht ad hoc implementiert werden. Langfristige Strategien und ein generelles Umdenken, was die Handlungs- und Steuerungsabläufe im Unternehmen betreffen, sind gefragt. Jede Branche hat da ihre eigenen Probleme und Lösungsansätze. Das wurde auch auf einer Podiumsdiskussion deutlich, die von der Plattform Industrie 4.0 während der Hannover Messe organisiert worden war.

Über die erheblichen Potenziale von Industrie 4.0 sind sich Unternehmen wie Infineon, Bayer, VW, Festo und Siemens einig. Allerdings haben viele Anlagen in der Prozessindustrie eine Lebensdauer von mehreren Jahrzehnten. Da sind Eingriffe in die bestehende Steuerungsarchitektur sehr aufwendig. Auch offene Softwareplattformen sind eine Herausforderung, denn Offenheit und IT-Sicherheit müssten gleichermaßen gewährleistet sein.

Allzu viel Zeit darf sich die deutsche Industrie mit der vierten industriellen Revolution vermutlich nicht mehr lassen, denn der Wettlauf ist in vollem Gange. Thomas Bauernhansl, der Leiter des Stuttgarter Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung IPA, hat bedenkliche Konkurrenz etwa beim Softwarekonzern Google ausgemacht. „Google hat gerade acht Roboterhersteller gekauft und jetzt die Rollläden runtergelassen“, sagte Bauernhansl den VDI nachrichten. „Ich gehe davon aus, dass sie in zwei Jahren die Läden wieder hochlassen und sich unsere etablierten Roboterhersteller dann sehr wundern werden.“

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