Gebäudetechnik 01.11.2002, 18:22 Uhr

Topfgeklapper schaltet das Licht an

Seit zwei Jahren bewohnt Familie Steiner im Schweizer Örtchen Hünenberg mit zwei Kindern ein komplett durchtechnisiertes Haus. IBM will nächstes Jahr die Serviceplattform für die Hausnetzwerke erstmals in der Schweiz auf breiter Front kommerziell anbieten.

Regelmäßig füllt ein Warenservice den Kühlschrank mit Lebensmitteln – auch wenn Familie Steiner nicht zu Hause ist. Jalousien und Licht funktionieren auf Zuruf. Die Waschmaschine meldet Defekte selbständig beim Hersteller.
Der Preis für diesen Komfort in einem Zukunftshaus ist hoch – für die 29 Unternehmen, die das Projekt Future-
life in Hünenberg ausstatten. Zuletzt stieß im Mai BMW hinzu und stellte als Familienkutsche einen 7er vor die Haustür. Zuzüglich zum Haus (Kosten: 1 Mio. SFR) installierten Firmen wie Siemens, Cisco und IBM eine technische Infrastruktur für rund 1,3 Mio SFR, erläutert Hausherr Daniel Steiner. Der Rest der Hightechausstattung kostete bislang noch einmal rund 1,2 Mio SRF.
Dafür verläuft der Alltag der Steiners viel komfortabler als bei anderen Familien ab, beteuert Frau Steiner. Von ihrer Küche aus führt sie die Regie im Haus über ein Softwareprogramm, das per Touchscreen zu bedienen ist. Über den Monitor von Siemens, der in einer Schranktür eingelassen ist, kann sie etwa überprüfen, ob die Kinder im Obergeschoss des gut 100 m2 großen Hauses das Licht ausgemacht haben. Per Fingerdruck kann sie das gegebenenfalls nachholen. Über ein Menü hat sie auch Verbindung zum virtuellen Supermarkt der Lebensmittelkette Migros.
Die Verbindung ins Internet erlauben auch die überall im Haus herumliegenden Simpads (Siemens Multimedia Pad), drahtlose Bildschirmgeräte, so groß wie eine DIN-A4-Seite und so dünn wie ein Taschenbuch, die per Stift bedient werden. Besonders die 13-jährige Grace hat sich sehr daran gewöhnt, zusätzliche Informationen zu einer TV-Sendung zeitgleich per Internet abzurufen, erläutert Mutter Ursi. Eine 100-Mbit-Glasfaser-Verbindung sorgt für optimalen Empfang, auch bei Bildübertragungen.
Der fünfjährige Carlo amüsiert sich mit der Technik auf seine Weise: So löste er bereist mehrfach die Alarmanlage aus, die direkt mit der Einsatzzentrale der Polizei verbunden ist. Auch staunten die Eltern nicht schlecht, als es ihrem Sohn gelang, die Automatik auch aus dem Garten heraus zu betätigen.
„Da muss noch einiges getan werden“, erklärt Vater Steiner. Die beteiligten Firmen setzen die Erfahrungen für ihre eigene Entwicklung um. Sie arbeiten zum Beispiel daran, die Tonsignale so zu verschlüsseln, dass Fehler oder Missbrauch ausgeschlossen sind.
Dann sind auch kleine Pannen vermeidbar, die Mutter Steiner erlebt, wenn sie etwa mit den Töpfen klappert. Darauf reagiert die Anlage heute noch: Sie schalten einfach das Licht an.
„Im Vergleich zum Nachbarhaus verbrauchen wir rund 60 % mehr Strom“, erläutert der Hausherr. Ursache dafür seien die Vielzahl der elektrischen Geräte und der Lebensrhythmus der Bewohner in den jeweiligen Häusern. Während das Nachbarhaus nur vom Abend bis zum nächsten Morgen bewohnt ist, spielt sich bei Steiners das tägliche Leben in der Hightech-Umgebung ab.
Bei den Heizungskosten schneidet der Hightech-Haushalt mit 70 % weniger erstaunlich gut ab. Den Grund dafür sieht Steiner in der doppelten Verschalung des Hauses: Um die Kabel unsichtbar zu verlegen, musste vor jede Wand noch ein zweite gebaut werden, die eine zusätzliche Isolierung bringt.
Den wichtigsten Spareffekt beim Heizen erzielt nach Meinung Steiners jedoch die hauseigene Wetterstation auf dem Dach. Die Sensoren melden ihre Ergebnisse an die Heizungsanlage weiter, die dann die gewünschte optimale Raumtemperatur einstellt. Hinzu kommen Solarzellen auf dem Dach.
Um die technische Integration der Komponenten und Geräte im Haus hat sich IBM gekümmert. Statt dicken Servern steht im Keller eine neue Serviceplattform, die gerade die Größe eines PC hat und alle Infrastrukturen von EIB über Powerline bis hin zu Wireless LAN oder auch DSL und Kabel bedienen kann, verspricht der Hersteller.
Die kleine Box will IBM zukünftig als Gateway zu einem Serviceprovider eingesetzen, der Endkunden mit Kommunikations- und Servicediensten für die Hausgeräte bedient. In der Schweiz soll das die Firma Fitbox sein, eine Beteiligung der MAAG Holdings Ltd. sein, die bei den Eidgenossen über Wohnungen im Werte von mehreren Mrd. Franken verfügt. Über Fitbox will die MAAG bis Ende 2003 rund 20 000 Wohnungsbesitzer in der Schweiz vernetzen.
„Den Vorteil haben sowohl der Kunde als auch der Hersteller“, erläutert Ralf Baral verantwortlicher IBM-Manager. „Der Kunde bekommt einen schnellen Service. Der Hersteller weiß, wo seine Ware steht und kann zum Beispiel über einen langfristigen Wartungsvertrag eine stabile Kundenbeziehung aufbauen.“ Baral sieht in dem Projekt eine „große Chance, das Internet auch für Services zu nutzen, die dem Endkunden im Alltag nützen.“ Für das Servicegeschäft rechnet Baral mit Einsparungen bis zu 30 %.
DOROTHEA WENDELN-MÜNCHOW
www.futurelife.ch

Von Dorothea Wendeln-Münchow

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