Messen 09.06.2000, 17:25 Uhr

Nebelfänger im Global House

Alte und neue Techniken der Wassergewinnung werden im Global House, in den Afrika-Hallen und in der Cyclebowl gezeigt.

Ein ganzer Trupp Kameraleute wartet auf Mutige, die das Mysterium des klarblauen Wasserlochs auf der Expo ergründen wollen. Wer in den 3 m tiefen und 5 m langen Tunnel abtaucht, soll Wunderbares erleben, über das niemand sprechen darf. Ein Mädchen wagt den Sprung. Verzückt aber verschwiegen taucht sie wieder auf. – Ein Publikumsspaß als Metapher für ein allgegenwärtiges Motiv auf der Expo: Sauberes Wasser ist Vorahnung auf das Paradies.
In Halle 12 der afrikanischen Staaten wird Wasser als Segen erfahrbar. Wasser gegen Wüste und Wasser gegen das Sterben. Die Entwicklungsgemeinschaft des südlichen Afrikas SADC hat Wasser zu ihrem einzigen Thema auf der Expo gemacht, Wasser als Mythos und als rituelles Element, als Reichtum und als Grund für Fehden und Verteilungskämpfe. Eine Schale Wasser, die eine Braut in Swasiland am Hochzeitsmorgen den Eltern ihres Bräutigams bringt, verheißt Gutes. Denn Wasser ist Leben. Und doch sind gerade in Trockengebieten jahrhundertealte Techniken der Wassergewinnung verloren gegangen, wie etwa folgende Methode aus Ostafrika.
Im Königreich Oman dienten einst die Blätter von Olivenbäumen als nächtliche Nebelfänger, die während des Tages den Boden bewässerten. Nun wurde das System im Rahmen eines weltweiten Expo-Projekts von einem kleinen Ort im nördlichen Chile wieder aufgenommen und mit moderner Technik perfektioniert.
75 Netze, die 2 m über den Boden gespannt sind, fangen den Morgennebel ein, der in ein Drainage-System fließt und schließlich in ein 100 000-l-Becken, aus dem die dörfliche Wasserversorgung gespeist wird. Auf der Expo ist das pfiffige Projekt im „Global House“ der weltweiten Projekte zu sehen, leider in einem sehr spartanischen Hallen-Ambiente.
Sehr viel sinnlicher wird das Wasser-Motiv in der „Cyclebowl“ fortgeschrieben. Hier ersetzt Technik die Riten und Mythen. Wasser wird zur Klimatisierung genutzt und ständig recycelt. Nichts geht verloren im „Pavillon der Kreisläufe“, wie der Bau des Dualen Systems auch genannt wird. Am Tag fließt das Wasser durch Kapillare im Boden des Wandelgangs und kühlt das Innere des Gebäudes. Die durchschnittliche Wassertemperatur beträgt 22° C., die maximale Raumtemperatur 27 °C. Nachts strömt das erwärmte Wasser an der Außenfassade zurück in die vier jeweils 60 m3 fassenden unterirdischen Speicher und kühlt dabei ab.
Fünf Kreisläufe hat der Stuttgarter Architekt und Szenograf Uwe-Rudolf Brückner in den silbrigglänzende „Gugelhupf“ eingebaut: den Besucherkreislauf, den Wasserkreislauf am Tage, den Wasserkreislauf der Nacht, den Luftkreislauf und den Aufbau-Abbau-Kreislauf.
Der Besucherkreislauf führt über eine leicht ansteigende spiralförmige Rampe durch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Kreislaufwirtschaft, die in einer Ur-Landschaft beginnt und in einer Zukunft endet, in der das Problem der Nachhaltigkeit gelöst ist. Und immer wieder Spiegelkabinette, die den Besucher auf sich selbst zurückwerfen als verantwortlich handelndes Individuum.
Allein das tägliche Duschen verbraucht 30 l bis 50 l Wasser, erinnert ein von der Decke baumelnder Wasserbeutel. Weitere Beutel stoppen den Strom der Besucher. Mager gefüllt die Beutel, die Wasser-Vorräte der armen Weltregionen symbolisieren, prall gefüllt jene, die westliche Verbrauchsorgien illustrieren – Beutel für industrielle Anlagen, individuelles Kochen, Baden, Geschirrspüler, Waschmaschinen, von tropfenden Hähne ganz zu schweigen.
Weitere „Cyclebowl“-Kreisläufe stecken in der Belüftung und der Verschattung des Pavillons. Der Kreislauf der Luft wird durch Lamellenöffnungen im oberen und unteren Teil des Gebäudes reguliert. Sensoren, die den CO2–Gehalt, die Raumtemperatur und Luftfeuchtigkeit messen, steuern die Öffnung. Vor allzu heftiger Sonnenbestrahlung schützt ein „pneumatisches Verschattungssystem“: Durch Druckunterschiede in der dreischichtigen Außenwand mit einer positiv und einer negativ bedruckten sowie einer unbedruckten Folienschicht kann mehr oder weniger Licht in das Innere dringen. Unterteilt ist die Wand in 27 „Folienkissen“ aus Ethylen/Tetrafluorethylen, die in Aluminiumrahmen eingefasst sind. Stockdunkel wird“s, wenn die Schichten fest aufeinander liegen und die Show zu jeder vollen Stunde beginnt: Dann schraubt sich in der Mitte des Gebäudes ein Tornado mit vollem Getöse hoch.
In der „Cyclebowl“ könnte Technik selbst zum Mythos werden. Doch das verhindert die Kreislauf-Philosophie: Nach der Expo wird der komplett recycelbare Pavillon wieder abgebaut und nachgenutzt. RUTH KUNTZ-BRUNNER
Wasser ist ein wichtiges Thema auf der Expo, in der Cyclebowl wird der Verbrauch von reichen und armen Ländern thematisiert.

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