Gebäudetechnik 06.11.1998, 17:19 Uhr

Forschungsobjekt Büro

Noch ist das Büro einer der konservativsten Arbeitsplätze in deutschen Unternehmen. Doch schon Anfang 1999 wollen Fraunhofer-Wissenschaftler zeigen, wie die Bürolandschaft im nächsten Jahrtausend aussehen könnte.

Die Anweisungen der jungen Frau am Check-in-Counter sind freundlich, aber bestimmt: „Bitte nutzen Sie heute Schreibtisch Nr. 73. Ihr Meeting-Partner wird zur Zeit in Denkzelle 3 geortet. Für Ihre Konferenz ist Kommunikationstisch 10 reserviert.“ Gelassen geht Sachbearbeiterin Meier in einen Nebenraum und greift zum Caddy. In dem kleinen mobilen Rollwagen stecken Meiers Akten, ein persönliches Notebook, ein Handy, Stifte und ihre Lieblings-Kaffeetasse. Der Caddy ist ihr einziges persönliche Möbelstück, das sie Tag für Tag durch die große Bürohalle begleitet. Sie hofft, daß Schreibtisch Nr. 73 noch immer dort ist, wo sie ihn letzte Woche gefunden hat und lächelt in sich hinein: Ihr Meeting-Partner Schulz scheint endlich verstanden zu haben, wie wichtig der Knopfdruck auf den kleinen Ortungssender ist… Utopien eines Science-Fiction-Autors? Keineswegs. Meiers Start in den Bürotag findet schon heute in ähnlicher Form bei der Unternehmensberatung Andersen Consulting statt: in Chicago ebenso wie in Paris. Schließlich kalkuliert das Unternehmen nur noch einen Arbeitsplatz für zwei Mitarbeiter ein. Jobsharing, Telearbeit – Trends wie diese machen es möglich. Wenn Führungskräfte oder Sachbearbeiter von Andersen Consulting nicht zu Hause arbeiten, bekommen sie Tag für Tag aufs Neue ihren Arbeitsplatz angewiesen, zu dem sie dann mit ihrem persönlichen Rollcontainer ziehen. Rollen sind auch für Produktdesigner Wulf Schneider zum zentralen Bestandteil seiner neuesten Tisch- und Stellwandkonstruktionen geworden, die er für den Hersteller Sedus Stoll entwickelt hat. Alles ist mobil, klappbar, zerlegbar. „Der Mitarbeiter soll heute dynamisch, kreativ, attraktiv, kostenbewußt und vielseitig einsetzbar sein“, resümiert Schneider. „Das gleiche gilt für Büromöbel.“ Für den Designer stehen die Büros vor einer großen Möbelrevolution, in der alles flexibel einsetzbar ist. Ob den Mitarbeitern das schmeckt, bezweifelt er. Aber der Trend gehe dahin. Das bestätigen auch andere Büromöbelproduzenten: Da können Schreibtisch-Anordnungen in Windeseile geändert werden, lassen sich Kommunikationsinseln ganz nach Bedarf mit oder ohne PC aufbauen, werden sogenannte Denkzellen aus Stellwänden zusammenmontiert – Strom-, Telefon- und Datennetz-Versorgung inklusive. Und immer wieder tauchen die Caddies oder Rollcontainer auf – mal aus Holz wie bei den dänischen Spezialisten von System B8, mal aus Metall oder Kunststoff wie bei Deutschlands Büroausstatter Nr. 1, der Schaerf AG. Doch was dem deutschen Büroarbeiter auf den ersten Blick noch futuristisch erscheint, ist nur ein Abklatsch dessen, woran Wissenschaftler bereits tüfteln. Am Stuttgarter Fraunhofer-Institut für Arbeitswissenschaft und Organisation (IAO) wird gemeinsam mit Partnern aus Industrie und Dienstleistung, das „Büro als Wissensfabrik der Zukunft“ erforscht. Das automatische Personenortungssystem, mit dem jeder Mitarbeiter seinen Aufenthaltsort mitteilen kann, zählt ebenso zu den ersten greifbaren Produktentwicklungen wie sogenannte „Soundduschen“. Mit akustischer Hilfe können Arbeitszonen räumlich voneinander getrennt werden, ohne Trennwände hochzuziehen. Informationen werden auf „elektronische Tapeten“ übertragen und machen aus Räumen virtuelle Projektbüros. „Licht, Klima, Akustik und Arbeitsmöbel sind so aufeinander abzustimmen, daß sie die Kreativität der Mitarbeiter fördern, zugleich aber Störeffekte vermeiden und dem Menschen seine Gesundheit erhalten“, fordert IAO-Direktor Peter Kern und ergänzt: „Die Technik eröffnet uns inzwischen erstaunliche Möglichkeiten. Jetzt müssen Einzellösungen miteinander verknüpft und für moderne Büroarbeitsprozesse nutzbar gemacht werden.“ Gesagt, getan. Kerns Arbeitskollege Stephan Zinser steckt voll in den Umzugsvorbereitungen. Allerdings sitzt der Leiter des Marketingteams New Work Development nicht auf gepackten Umzugskartons, sondern in vielen Konzept-Konferenzen. „Das einzige, was wir mitnehmen werden, ist der Computer.“ Wichtige Papiere werden eingescannt. Ende des Jahres zieht Zinser dann in das neue Office Innovation Center, ein neues Forschungszentrum, in dem Experten aus fünf verschiedenen Fraunhofer Instituten arbeiten sollen. Auf 1000 m2 entsteht ein „Büro-Labor“, wie es sich die Wissenschaftler vorstellen – Pilot- und Demonstrationsprojekt zugleich. Ob Modelle wie das Office Innovation Center sich in naher Zukunft auf andere übertragen lassen, muß allerdings bezweifelt werden. Vom papierlosen Büro sind die meisten Unternehmen noch genauso weit entfernt wie von der Einführung „regulierter Telearbeit“. In 15 % aller deutschen Unternehmen arbeiten Menschen alternierend mal zu Hause, mal im Büro. Neben den strengen rechtlichen Vorschriften hat Robert Gaßner vom Institut für Zukunftsstudien und Technologieberatung (IZT) noch einen anderen Grund ausgemacht: die deutsche Mentalität. „Hierzulande gehört es zum eigenen Arbeitsplatz, daß Bilder an der Wand hängen oder ein Ficus auf dem Fensterbrett steht.“ Privatheit und Exklusivität nehmen viel Raum ein. „Das Abhandenkommen des eigenen Arbeitsplatzes darf nicht als Verlust empfunden werden“, warnt der IZT-Experte. Die Amerikaner haben das bereits erkannt. Dort, wo man Mitarbeitern den eigenen Raum nimmt, schaffen sie Ersatzreize: Kommunikationszonen, kleine Gastronomiebereiche oder architektonische Leckerbissen. In Deutschland dagegen dürfte der Caddy noch so manche Warteschleife drehen.REGINE BÖNSCH

Von Regine Bönsch

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