Gebäudetechnik 19.03.2004, 18:29 Uhr

Dolmetscher erschließen die Gebäudeautomation

BACnet und LON. Sie verdrängen zunehmend die her-stellerspezifischen BUS-Systeme und gestatten – so ein Unter-nehmen der Branche Kälte- und Klimatechnik – „endlich fabrikatsneutrale Ausschreibungen in der Gebäudeautomation“.

Als EN ISO 16484-5 „Systeme der Gebäudeautomation-Teil 5“ hat „Building and Automation Control“ (BACnet) unlängst internationale Akzeptanz erworben. Das entsprechende Datenprotokoll wird für Automations- und Managementaufgaben eingesetzt, beispielsweise um örtlich verteilte Brandmeldezentralen zu verknüpfen und übergeordnete Bedien- und Überwachungsstationen anzuschließen. Dennoch bleibt die Autonomie der verschiedenen Sicherheitssysteme erhalten. Zu den aufgeschalteten Gewerken zählen ferner die Heizungs-, Kälte- und Klimatechnik, Sanitäranlagen, Aufzüge und Rolltreppen, der Sonnenschutz, Elektro-, Rauch- und Wärmeschutzeinrichtungen. Die Bedienoberfläche entspricht dabei weitgehend den gängigen MS-Programmen auf Windows-Standard.
Mit der einheitlichen Sprachregelung für den offenen Datenaustausch sind fortan funktionale, fabrikatsneutrale Ausschreibungen in der Gebäudeautomation möglich. Christian Foos vom Facility-Management-Team der Nürnberger Messe: „Langfristig gesehen wäre die Bindung an nur einen Hersteller ein wirtschaftliches Risiko, da wir zusätzliche Komponenten – so für Anlagenerweiterungen oder für Neubauprojekte – nicht mehr zu Wettbewerbsbedingungen erwerben könnten. Die Nürnberger Messe mit bislang 60 000 m² Fläche war auf 152 000 m² erweitert worden und hatte ein neues Gebäudeleitsystem auf Basis von BACnet erhalten, dem unterschiedliche Digitalregelungen von Kieback & Peter, SAIA, Sauter und JCI aufgeschaltet sind. Der Ausbauzustand umfasst derzeit über 20 000 Datenpunkte.
Trotz dieses Fallbeispiels bleibt Dipl.-Ing. Martin Theis vom luxemburgischen Anlagenbauer A+P Kieffer skeptisch. „Trotz zunehmender Akzeptanz von BACnet werden etliche Hersteller ihre produktspezifischen Protokolle weiter propagieren,“ so seine Vermutung. „Einerseits wollen die Hersteller die Kompatibilität mit ihren älteren Produkten nicht preisgeben, andererseits sind die eigenen BUS-Systeme optimal auf die Hardware und die Programmiertools abgestimmt,“ weiß Theis. Doch BACnet räume bewusst einen Spielraum für herstellerspezifische Parameter und Funktionen ein.
Die Systembereinigung findet indes auch auf der Feldebene statt, wo zunehmend „Local Operating Network“ (LON) eingesetzt wird, um alle Gewerke ohne Systemschranken dezentral zu vernetzen – im Gegensatz zum viel propagierten „European Installation Bus“ (EIB), der sich nur bei der Elektroinstallation durchsetzen konnte. Ursprünglich sei EIB ohnehin nur für Steuerungsaufgaben entwickelt und erst später für die Regelung „nachgebessert“ worden, erinnert sich Theis. LON dagegen habe man von vornherein auf komplexe Aufgaben zugeschnitten. Mit dem LON-Protokoll ließen sich nicht nur unterschiedliche Reglerfabrikate über ein Bussystem automatisieren, sondern auch zentrale Anlagen nutzungsabhängig und energieoptimal betreiben.
Experten wie Dr.-Ing. Hanspeter Boos, Inhaber der Firma Boos Kälte und Klima GmbH in Varel, räumen der LON-Technologie einen großen Vorsprung ein, der von EIB und dessen Nachfolger KNX schwerlich einzuholen sei. Begründung: „Um mit LON konkurrieren zu können, bedarf es nicht nur geeigneter Bauteile, sondern auch eines Vertriebsnetzes, das die vielfältigen Anforderungen in den gebäudetechnischen Gewerken beherrscht.“ Namhafte Komponentenhersteller wie Danfoss, Grundfos, Trox und Viessmann bieten inzwischen Regler und Bauteile mit integrierter LON-Schnittstelle an. Boos: „Damit werden vermehrt mittlere und größere Automationsvorhaben durchgängig auf LON-Basis verwirklicht.“
Mittlerweile lässt die Anwendung von „schnellen“ Übertragungsmedien (bis zu 10 Mbit/s) auch die LON-basierte Vernetzung großer Liegenschaften ohne zusätzliches Protokoll zu. LON hat hier die Nase eindeutig vorn, wobei die Anwender, die die Systeme via LON integrieren, vielfach aus dem Mittelstand kommen. Sie sind – zusammen mit namhaften Herstellern – in der LON-Nutzer-Organisation (LNO) organisiert. Systemintegratoren finden sich ferner in der Omnium Technic, einem losen Firmenverbund, dessen Mitglieder – Anlagenbauer und Energiedienstleister – in einem ständigen Erfahrungsaustausch stehen und strengen Qualitätsanforderungen unterliegen.
Tatsächlich rangiert auch im europäischen Normungsprozess die LON-Technologie auf der Feld- und Automationsebene an vorderster Stelle. Wie Boos prognostiziert, wird BACnet seinen dominierenden Platz auf der Managementebene haben. Also dort, wo bestehende Leitsysteme miteinander zu verknüpfen sind. Möglicherweise gebe es – so Boos – bereits Projekte, in die LON und BACnet gemeinsam eingebunden seien.
Mittlerweile sind seit Jahresbeginn in Stuttgart die Zertifizierungsprüfungen für BACnet-geeignete MSR-Bauteile angelaufen. Rund 40 Hersteller und Dienstleister haben Komponenten für die Zertifizierung angemeldet. Die ersten BACnet-kompatiblen Geräte sollen auf der Light+Building in Frankfurt am Main (18.- bis 22. April 2004) auf einem Gemeinschaftsstand ausgestellt werden.PETER GÖHRINGER

 

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