Automobilbau 29.06.2001, 17:30 Uhr

Zulieferer zwischen Verantwortung und Ingenieurmangel

Fehlen den Zulieferern der Automobilindustrie qualifizierte Ingenieure, gerät die Kooperation mit ihren Abnehmern in Gefahr. Ferdinand Stutz, Leiter der Unternehmensgruppe Fahrzeugtechnik und Mitglied der Konzernleitung der Georg Fischer Fahrzeugtechnik AG, Schaffhausen, mahnt in seinem folgenden Beitrag Bildungspolitik mit Perspektive an.

Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Automobilindustrie ist unbestritten. Und die Leistungen der Branche sind es auch. Doch sie resultieren nicht nur aus dem Engagement und der Kompetenz der Fahrzeughersteller allein, sondern auch aus dem Wissen und der Erfahrung ihrer Zulieferer, die innovative Konzepte umsetzen und mehr denn je zu technisch anspruchsvollen und wirtschaftlichen Lösungen beitragen. Die Schlagworte dazu lauten: Just in Time, Time to Market, Rapid Prototyping, Simultaneous Engineering oder Zero Defects.

Nach den Vorstellungen der Automobilhersteller und ihrer Entwicklungsingenieure soll es in Zukunft praktisch keine Prototypen mehr geben. Im Idealfall erfolgen sämtliche Entwicklungsschritte im Computer, so dass keine Fahrversuche mehr erforderlich sind. Damit verbunden ist das Ziel, Entwicklungszeit und -kosten zu senken. Vom ersten Entwurf bis zum Serienanlauf eines Fahrzeugs sollen kaum mehr als zwei Jahre vergehen.

Die Automobilhersteller werden demzufolge einen immer größeren Teil ihrer Entwicklungsarbeit an ihre Zulieferer abgeben, um sich auf ihre Kernkompetenzen zu konzentrieren. Damit wächst der Leistungs- und Verantwortungsumfang der Auftragnehmer deutlich.

Durch Sandgießen hergestellte Komponenten für Motor, Fahrwerk, Lenkung und Antrieb sind ein Beispiel, an dem sich dies eindrucksvoll zeigen lässt. Und durch Druckgießen gefertigte Bauteile für die Karosserie ein anderes.

Konstruktion, Berechnung und Fertigung derartiger Bauteile sind Aufgaben für Spezialisten mit entsprechendem Know-how. Und in ihre Hände gehören sowohl die Produkt- als auch die Verfahrensentwicklung, wenn man vor Überraschungen sicher sein will. Um so mehr, wenn man bedenkt, dass diese Teile in der Regel extremen Beanspruchungen ausgesetzt sind und daher hohen Sicherheitsanforderungen unterliegen.

Bedenklich ist vor diesem Hintergrund die Entwicklung des Nachwuchses in den Ingenieurwissenschaften, besonders in der Gießereitechnik. Hier sind Politiker und Unternehmer gleichermaßen gefordert, Bedingungen zu schaffen, die technische Studienfächer attraktiver machen.

Wenn der Ingenieurmangel nicht zur Wachstumsbremse für die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland und andernorts werden soll, muss etwas geschehen, und zwar rasch. Dazu gehört auch, darüber nachzudenken, welchen Wert das Erfahrungswissen älterer Mitarbeiter hat. Und ob nicht eine gesunde Mischung aus jugendlicher Dynamik und maßvoller Abgeklärtheit die bessere Alternative ist.

Schon jetzt fehlen in wichtigen Branchen wie dem Maschinenbau, der Elektrotechnik und der Informationstechnik jährlich mehrere Tausend Absolventen. Bundesweit halbierte sich von 1990 bis 1996 die Zahl der Studienanfänger in den Fächern Elektrotechnik und Maschinenbau. Weniger als 7000 Absolventen der Elektrotechnik werden in diesem und im nächsten Jahr die Hochschule verlassen. Das ist bestenfalls die Hälfte dessen, was die Firmen benötigen. In Physik, Chemie und Elektrotechnik wurden 1999 nur ein Viertel so viele Vordiplome abgelegt wie vier Jahre zuvor. In manchen Fächern liegt die Abrecherquote bei über 50 %.

In Deutschland gibt es im Verhältnis ein Drittel weniger Ingenieure und Informatikstudenten als in anderen Industrienationen. Das hat die niedersächsische Landesregierung unter dem früheren Ministerpräsidenten und heutigen Bundeskanzler Gerhard Schröder offensichtlich aber nicht davon abgehalten, vor drei Jahren den Studiengang Informatik und Wirtschaftsmathematik an der Universität Hildesheim zu schließen.

Rund 4000 Informatiker beispielsweise fehlen allein auf dem Berliner Arbeitsmarkt. Gleichzeitig reglementieren die drei Universitäten der Hauptstadt ihren Studienbetrieb mit einer Zulassungsbeschränkung. Für wen und wozu? Die Geburtenrate in Deutschland und dem angrenzenden Ausland führt kaum zu mehr Studenten. Und die demografische Entwicklung trägt nicht dazu bei, dass die Hörsäle künftig aus den Nähten platzen.

Im Gegenteil. Nach allen bisherigen Erkenntnissen wird unsere Gesellschaft schrumpfen und zwar gewaltig. Dabei wird sich die Altersstruktur so ändern, dass sie einem Fliegenpilz gleicht, dessen unterer Teil die Jungen und dessen oberer Teil die Alten verkörpert. Gravierende Änderungen in der Sozialgesetzgebung und ein Mangel an qualifizierten Arbeitskräften werden die Folge sein. Und während der Anteil junger Menschen immer kleiner wird, steigt der Anteil der Älteren.

Die Zuwanderung ausländischer Arbeitnehmer kann das Problem knapper Kassen und den Arbeitskräftemangel zwar mildern aber nicht lösen. Gefragt ist nicht nur in Deutschland eine Bildungspolitik mit Perspektive, wofür der Staat den Grundstein zu legen hat und auch die Industrie etwas beisteuern muss, damit im „Wettbewerb um Köpfe“ eine Chance bleibt.

Geradezu dramatisch ist die Situation für die Gießerei-Industrie. Hier stagnieren die Immatrikulationen in den relevanten Studiengängen wie Metallurgie, Werkstofftechnologie und Fertigungstechnik seit Jahren oder sind rückläufig. Und im Studiengang Gießereiwesen kann man mittlerweile die Zahl der diplomierten und promovierten Ingenieure an einer Hand abzählen.

Die TU Clausthal beispielsweise verließen 1999 fünf Ingenieure dieser Fachrichtung. An der Bergakademie Freiberg waren es ebenfalls fünf und an der Universität Gesamthochschule Duisburg drei. Etwas mehr waren es lediglich in Aachen, wo vor drei Jahren zwölf promovierte und vier diplomierte Ingenieure der Fachrichtung Gießereiwesen die Hochschule verließen.

An der Technischen Universität Berlin entschied sich seit 1998 niemand mehr für diesen Studiengang. Und die frühere Ingenieurschule für Gießereitechnik in Leipzig bildet bereits seit 1993 keine Ingenieure dieser Fachrichtung mehr aus. Bleiben noch die Fachhochschulen Gießen-Friedberg und Aalen, an denen vor zwei Jahren vier und drei Studenten der akademische Grad eines Diplom-Ingenieurs verliehen wurde.

Man kann sich lebhaft vorstellen, was das für die Branche bedeutet. Hier zeigt sich einmal mehr, was bildungs- oder arbeitsmarktpolitische Versäumnisse aus welchen Gründen auch immer zur Folge haben können.

Gießereien sind schon lange nicht mehr die Dreckschleudern, für die viele sie halten. Hier hat sich in den vergangenen Jahren sehr viel geändert, wenngleich solche Betriebe kein Feinkostladen sind und wohl auch nie werden.

Aber die Branche ist auf einem guten Weg. Dies zeigen nicht zuletzt die Bemühungen im Umweltschutz und die dazu durchgeführten Zertifizierungen, die eindrucksvoll belegen, dass es zahlreichen Betrieben in Europa gelungen ist, Ökonomie und Ökologie in Einklang zu bringen.

Gießereien sind moderne Betriebe mit hochtechnisierten Arbeitsabläufen, die auf allen Ebenen qualifiziertes Personal erfordern. Es sind Betriebe, die sowohl Hochschulabsolventen als auch berufserfahrenen Fach- und Führungskräften gute Perspektiven bieten.

Das Gießen gehört sicher nicht zu den spektakulären Techniken. Und die mit ihm hergestellten Produkte stehen selten im Rampenlicht. Aber es vereint Tradition und Fortschritt wie kaum eine andere Branche. Und die Synthese daraus bildet die Grundlage für zukunftsweisende Innovationen in anderen Industriezweigen wie dem Fahrzeugbau oder dem Maschinen- und Anlagenbau. Ohne Gussstücke wäre in diesen Branchen vieles anders und manches gar nicht möglich.

Gießen ist und bleibt eine Aufgabe für Spezialisten. Und die hat Ihren Preis. Dass dabei eine auskömmliche Rendite erwirtschaftet werden muss, um innovativ, wettbewerbsfähig und zukunftsfähig zu bleiben, sollte eigentlich niemanden überraschen. Wer dies nicht begreifen will oder kann, schadet letztlich sich selbst. Denn er gefährdet eine Branche mit Schlüsselqualifikationen. FERDINAND STUTZ

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