Automobilbau 16.11.2007, 19:31 Uhr

„Wir brauchen auch künftig die Tugenden eines Familienunternehmens“  

VDI nachrichten, Stuttgart, 16. 11. 07, ps – Mit Fahrzeugklimatisierung und Motorkühlung hat sich die Stuttgarter Behr GmbH & Co. KG in einem Jahrhundert von einer kleinen Werkstatt zum Global Player entwickelt. Letztes Jahr setzte sie weltweit 3,2 Mrd. € um. Geschäftsführer Markus Flik hat weiteres Wachstum im Visier und setzt dafür unter anderem auf Joint Ventures. Im Interview erklärt er warum.

Flik: Es gibt zwei Treiber. Einerseits haben wir stark in die Wachstumsmärkte Brasilien, Osteuropa, Indien und China investiert und werden mit einer dynamischen Entwicklung belohnt. 2002 lagen wir dort bei 200 Mio. € Umsatz, letztes Jahr bei über 500 Mio. € und der Umsatz wird weiter steigen. Für 2009 rechnen wir mit über 3,5 Mrd. € Gesamtumsatz. Und wir bauen unsere Kapazitäten weiter aus.

VDI nachrichten: Sie sprachen von zwei Treibern. Was ist der zweite?

Flik: Innovation in Richtung nachhaltiger Mobilität. Sowohl mit unseren Systemen zur Motorkühlung als auch bei der Klimatechnik leisten wir hier unseren Beitrag. Ein Beispiel: Wir haben seit 14 Jahren an dem neuen Kältemittel R 744 geforscht. In Europa hat es sich jetzt durchsetzt. Das wird den CO2-Ausstoß der Klimatisierung um 30 % senken.

VDI nachrichten: Die EU wird die bisherigen klimaschädlichen Kältemittel ab 2011 schrittweise aus dem Markt verbannen. Was bedeutet das für Sie als Zulieferer?

Flik: Es ist der zweite Umbruch in kurzer Zeit. Wir hatten 1990 den Wechsel vom ozonschädigenden R 12 auf R 134 a. Weil Letzteres über 1000 Mal belastender fürs Klima ist als CO2, nimmt es die EU vom Markt. Die Hersteller im VDA haben sich als Ersatz auf unseren Vorschlag R 744 verständigt – das freut uns natürlich sehr.

VDI nachrichten: Hinter dem Kürzel R 744 verbirgt sich CO2, oder?

Flik: Richtig. Und um damit die nötige Kühlleistung zu erzielen, brauchen wir deutlich höhere Drücke in den Systemen. Hochdrücke liegen künftig über 130 bar, bisher waren es 30 bar.

VDI nachrichten: Sie brauchen also neu ausgelegte Klimasysteme. Ist das auf Europa beschränkt oder setzen Sie R 744 sofort global ein, um Parallelstrukturen zu vermeiden?

Flik: Das entscheiden unsere Kunden. Die Technik ist einsatzreif. Erste Kundenentwicklungsprojekte laufen an…

VDI nachrichten: …in der EU?

Flik: Ich gehe aber schon davon aus, dass wir zunächst eine Parallelstruktur haben werden und R 744 nur in Europa zum Einsatz kommt. Langfristig werden sich aber alle Kyoto-Staaten mit der Problematik befassen müssen. Dann werden andere Regionen folgen. Und dann hätte sich unser Entwicklungsaufwand erst recht gelohnt.

VDI nachrichten: Können Sie mit R 744 auch den Mehrverbrauch durch Klimaanlagen senken?

Flik: Wir haben ihn zuletzt schon um gut ein Viertel auf etwa 0,5l/100km gesenkt. Bis 2012 trauen wir uns weitere 20 % Verbrauchssenkung zu.

VDI nachrichten: Sie strahlen hier dieselbe Zuversicht aus wie bei ihrer Unternehmensentwicklung. Sehen Sie nichts, was die positive Entwicklung der Behr-Gruppe bremsen könnte?

Flik: Bremsend könnte ein Einbruch in der Automobilkonjunktur wirken, doch der deutet sich nicht an. Aufgrund unserer globalen Risikostreuung sind wir ohnehin nicht so verwundbar, zumal wir im Nutzfahrzeug-Geschäft ein zweites Standbein haben. Da machen wir ein Fünftel unseres Umsatzes. Ein echter Flaschenhals ist die mangelnde Verfügbarkeit von Fach- und Führungskräften…

VDI nachrichten: …die gibt es doch in Indien und China reichlich. Dort wächst Behr am stärksten…

Flik: …wir müssen Ingenieure dort erst qualifizieren. Sie gehen bei uns durch spezielle Schulungen. Außerdem läuft nur die jeweilige Applikationsentwicklung mit einheimischen Ingenieuren vor Ort. Forschung und Vorentwicklung machen wir weiterhin zentral in Stuttgart.

VDI nachrichten: Behr ist noch immer ein Familienunternehmen. Geht der familiäre Charakter bei ihren globalen Aktivitäten nicht allmählich verloren?

Flik: Wir setzen viel daran, ihn zu erhalten. Wir brauchen auch künftig die Tugenden eines Familienunternehmens: die hohe Identifikation der Mitarbeiter, ihren unternehmerischen Geist, ihre Flexibilität. Aber natürlich müssen wir Methoden und Systeme global standardisieren. Ohne das geht es bei unserer Größe nicht.

VDI nachrichten: MAN-Chef Hakan Samuelsson sagte kürzlich, dass alle Mitarbeiter sofort Feuer und Flamme für Null-Fehlerproduktion und Standardisierung sind, dass es aber eine langwierige und zähe Managementaufgabe sei, sie tatsächlich durchzusetzen.

Flik: Absolut. Das Implementieren von Standards ist kein Selbstläufer. Die Führungskräfte müssen es selbst vorleben und darauf beharren. Ein hartes Stück Arbeit, aber es lohnt sich.

VDI nachrichten: Behr ist also ein Familienunternehmen mit globalen Standards. Sie haben auch eine Beteiligungsgesellschaft an Bord. Leidet der familiäre Charakter unter diesem Fremdeinfluß?

Flik: Nein. Ganz und gar nicht. Die BWK GmbH Unternehmensbeteiligungsgesellschaft hält seit 1996 knapp ein Viertel der Anteile. Eine sehr gute, langfristig angelegte, strategische Zusammenarbeit.

VDI nachrichten: Strategische langfristige Zusammenarbeit ist ein Leitmotiv bei Behr. Sie betreiben in Asien und Europa zahlreiche Gemeinschaftsunternehmen, etwa mit Dongfeng in China, der Anand Gruppe in Indien oder mit Hella und Plastic Omnium in Europa. Wie kam es dazu?

Flik: Unsere Kunden stellen zwei zentrale Anforderungen: wir sollen globalisieren. Und wir sollen ihnen Module und Systeme anbieten. Als Familienunternehmen mussten wir überlegen, wie wir das erfüllen können, ohne unserer Ressourcen überzustrapazieren. Das Wachstum in Asien stemmen wir darum in Gemeinschaftsunternehmen mit starken lokalen Partnern. Und auch, wo wir Marktchancen abseits unserer Kernprodukte sehen, etwa in Elektronik, Frontendmodulen oder im Teilemarkt, setzen wir mit Hella auf vereinte Kräfte.

VDI nachrichten: Was bringt Ihnen das außer Ressourcenschonung?

Flik: Um in China oder Indien erfolgreich zu sein, muss man die Märkte kennen. Naturgemäß sind da einheimische Unternehmen besser als wir. Wir steuern die Technologie bei, eine Anand Gruppe bringt Marktkenntnis, Führungskräfte und Personalentwicklung ein. Eine hervorragende Zusammenarbeit, die sich sehr dynamisch entwickelt.

VDI nachrichten: Haben Sie keine Sorge, indirekt auch Produktpiraten mit Know-how zu versorgen?

Flik: Piraterie ist ein Problem des Ersatzteilmarkts. Im Erstausrüstergeschäft gibt es kaum Probleme damit. Außerdem sehen wir es als besten Schutz gegen Piraterie, wenn starke einheimische Partner mit unseren auch ihre eigenen Interessen schützen.

VDI nachrichten: Aber bauen Sie mit Anand oder Dongfeng nicht die Konkurrenz der Zukunft auf?

Flik: Das sind unsere Partner. Die Zusammenarbeit basiert auf Vertrauen. Das einzige Risiko ist eine hohe Personalfluktuation, durch die Know-how abfließen könnte. Darum setzen wir viel daran, dass in unseren Gemeinschaftsunternehmen eine eigene Identität und Kultur entsteht. Die Leute sollen gern für ihre Firma arbeiten.

VDI nachrichten: Wie funktioniert das?

Flik: Die Unternehmen agieren unabhängig mit ihren eigenen Geschäftsführern. Sie bekommen einen klaren Geschäftsauftrag vom Aufsichtsrat, alles weitere liegt in ihrer Hand. Damit das funktioniert, ist ein offener Austausch in den Aufsichtsgremien wichtig. Interessenausgleich zwischen den Partnern darf nur auf dieser übergeordneten Ebene stattfinden, nirgendwo sonst.

VDI nachrichten: Bei der großen Zahl ihrer Gemeinschaftsunternehmen kostet das sicher viel Zeit…

Flik: Es ist deutlich aufwändiger, als die Führung von 100 % Töchtern. Man muss sich Zeit für die Partner nehmen und sich ein gemeinsames Verständnis erarbeiten.

VDI nachrichten: Lohnt sich der Aufwand in China und Indien überhaupt? Läßt sich dort angesichts von 5000-$-Autos Geld mit Klimaanlagen verdienen?

Flik: Unsere Projekte dort sind profitabel, ganz gleich ob mit lokalen oder globalen Autoherstellern. Der Schlüssel zum Erfolg: Wir passen unsere Technik an die lokalen Erfordernisse an. Heiße Länder brauchen mehr Kühlleistung, bei hoher Luftfeuchtigkeit ist mehr Entfeuchtungsleistung gefragt. Dafür können wir hier und da Kompromisse bei der Akustik machen. Wie solche Kompromisse aussehen, ist in jedem Markt verschieden. Darum haben wir frühzeitig Entwicklungsabteilungen vor Ort aufgebaut.

VDI nachrichten: Lernen Sie in den Emerging Markets etwas für die Märkte hier?

Flik: Ja, auch dort gibt es Best-practice-Beispiele. So haben wir aus Brasilien sehr interessante neue Kondensatorlösungen, die wir global einsetzen. Und BehrOxal, das neue Beschichtungsverfahren für Verdampfer, haben wir erstmals in Shanghai eingesetzt.

VDI nachrichten: Behr kommt ursprünglich aus dem Premiumsegment. Fällt es da schwer, plötzlich low-cost Systeme zu entwickeln?

Flik: Das Premiumgeschäft läuft ja weiter. Von Behr kommt immer noch über die Hälfte aller First-to-Market Innovation bei Motorkühlung und Klimatisierung – und zwar im Premiumsegment. Aber wir brauchen das Volumengeschäft und bauen es seit Jahren mit europäischen und amerikanischen Herstellern gezielt aus. Der Schritt in die Wachstumsmärkte ist da nur konsequent. PETER TRECHOW

Ein Beitrag von:

  • Peter Trechow

    Peter Trechow ist Journalist für Umwelt- und Technikthemen. Er schreibt für überregionale Medien unter anderem über neue Entwicklungen in Forschung und Lehre und Unternehmen in der Technikbranche.

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