Mobilität 14.05.2010, 19:46 Uhr

Weltrekord beim Festival der Fahrzeugtüftler

Mehr als 3000 Schüler und Studenten aus 22 Ländern nahmen vergangene Woche am Shell Eco-Marathon auf dem Lausitzring teil. Wo sonst PS-Boliden dröhnen, ließen sie ihre Ökomobile rollen; langsam aber unfassbar effizient. Das Siegerteam „Polyjoule“ aus Nantes pulverisierte einen fünf Jahre alten Weltrekord: Ihr Hightech-Prototyp mit Wasserstoffantrieb schaffte es mit dem Energiegehalt von 1 l Benzin hochgerechnet 4896 km weit.

Das ist der Tiefpunkt. Bedröppelt stehen die jungen Schweden um ihren roten Einsitzer. Mit seinen weißen Rallye-Streifen erinnert das Gefährt an einen Porsche 911 – allerdings nach einer deutlich zu heißen Wäsche. Außerdem ist die Miniatur mitnichten so zuverlässig wie ihr Zuffenhausener Vorbild. Schon zum zweiten Mal musste sie vorzeitig von der Piste. Jetzt wird es eng für die Studenten der Lulea University of Technology. Um es in die Wertung des Shell Eco-Marathon zu schaffen, müssen sie innerhalb der nächsten 90 Minuten noch einen gültigen Versuch auf die Strecke bringen.

Auf dem Papier ist der rote Porsche-Verschnitt einer der Stars im Feld. Als einziges Fahrzeug hat der maximal 35 km/h schnelle „Baldos II“ eine Straßenzulassung. Doch sein serieller Hybridantrieb hat trotz nächtlicher Tests und Tüfteleien einen rabenschwarzen Tag. „Keine Ahnung was los ist“, sagt Fahrerin Erika Strömberg, als sie den Helm absetzt. Eigentlich soll der mit Bioethanol betriebene 25ccm-Motor alle halbe Minute fünf Sekunden laufen und die Stromspeicher (Doppelschichtkondensatoren, „Supercaps“) aufladen. Den Strom setzt dann ein 600 W-Elektromotor in Vortrieb um. Doch im ersten Lauf lief der Verbrenner immer länger, bis Strömberg abbrach. Und diesmal versagte der E-Motor auf der Strecke und lief nicht wieder an.

Strömberg, eine angehende Mechatronik-Ingenieurin, hat das rote „Hybridchen“ mit 20 Kommilitonen aus Industriedesign, IT und Ingenieurwesen erdacht und gebaut. Zwei Professoren steuerten Know-how bei, Sponsoren legten 30 000 € dazu. „Mit den Arbeitsstunden ist das Auto aber eher das Zehnfache wert“, stellt Strömberg klar.

Wegen ihres zierlichen Körperbaus hat sie das Cockpit übernommen. Denn beim Eco-Marathon zählt jedes Kilo. Die Fahrzeuge sollen mit dem Energiegehalt von 1 l Benzin (ROZ 95 bei 15 °C) so weit wie möglich fahren. Insgesamt stellen sich 221 Teams aus 22 Ländern dieser Herausforderung. Doch im Augenblick stehen die meisten von ihnen in einer endlosen Karawane, die sich zur technischen Abnahme vorschiebt. In der Reihe finden sich Gefährte, die oft nur entfernte Ähnlichkeit mit Autos haben. Ein paar Portugiesen haben ihr Mobil von einer Schulklasse bemalen lassen. Der naive Anstrich trügt. Denn auch dieses Team setzt wie alle anderen auf Leichtbau mit Carbon. Vielen der ultraleichten Karossen ist anzusehen, dass sich ihre Schöpfer durch Simulation und im Windkanal um das aerodynamische Optimum bemüht haben.

Ein Fahrzeug sticht gleich in mehrfacher Hinsicht aus der Warteschlange heraus. Es ist größer und geräumiger als alle anderen. Zwei Personen passen bequem in seinen komplett gläsernen Fahrgastraum, der zu beiden Seiten mit riesigen ovalen Rahmen abgesetzt ist. Bei genaueren Hinsehen wird klar, dass die Rahmen aus Holz sind. Die Begleiter des Schmuckstücks versichern, dass der komplette Rahmen und das Fahrwerk samt Blattfedern aus Holz seien. Zudem haben sie bei Compositbauteilen Naturfasern statt Carbon eingesetzt. Eine mit Wasserstoff betriebene Brennstoffzelle rundet das edel anmutende Ökokunstwerk der Hochschulen Merseburg, Burg Halle und Chemnitz ab.

Während dieses Gefährt für den begehrten Design-Award in Frage kommt, brennen andere Teams darauf, im letzten Lauf noch einmal Jagd auf den Distanzrekord zu machen. Überall wird geschraubt. Junge Gesichter brüten über Notebooks, um die Steuerungen ihrer Antriebe auf den allerletzten Drücker zu optimieren.

Regen hat den Zeitplan über den Haufen geworfen. Einer der beiden Renntage ist ins Wasser gefallen. Kaum ein Team hat die im Reglement zugesicherten vier Versuche. Doch keine Spur von schlechter Laune. Die Tüftler haben kurze Nächte in klammen Zelten und oft Tausende Kilometer Anfahrt in den Knochen. Aus Norwegen, Marokko der Ukraine und Portugal sind sie angereist. Seit Wochen setzen sie alles daran, ihre Fahrzeuge fit zu machen. Und jetzt stehen sie hier unter bedecktem Himmel und machen das Beste daraus. Ohnehin mischen sich hier Wettkampf und eine gute Portion Festivalstimmung. Riesige Boxen legen einen sanften Klangteppich über die Karawane der wartenden Tüftler.

In den Startboxen geben sich drei Dutzend Shell-Techniker alle Mühe, damit so viele Teams wie irgend möglich noch starten können. Doch es dauert, die Fahrzeuge für die Läufe zu präparieren. Temperatur und Volumen der Tanksystemen werden ebenso ermittelt und in einer Datenbank festgehalten, wie das Gewicht der Fahrer in Rennmontur. Dass hier acht verschiedene Energieträger (siehe Kasten) am Start sind, macht es nicht einfacher.

Die komplizierte Prozedur ist nötig, weil es unzumutbar wäre, die Fahrer einen ganzen Liter Kraftstoff verfahren zu lassen. Dafür sind die Fahrzeuge zu effizient. Darum wird nach 8 Runden mit 30 km/h minimalem Durchschnittstempo errechnet, wie weit 1 l Sprit gereicht hätte. Den realen Verbrauch ermitteln die Techniker, indem sie gleich nach jedem Lauf die verbrauchte Energie wieder auffüllen.

Vor fünf Jahren kamen sie dabei schwer ins Staunen. Denn der Wasserstofftank eines Prototyps von der ETH Zürich war nach der Fahrt noch fast voll. Laut Hochrechnung wären die Schweizer mit 1 l Sprit 3836 km weit gefahren. Bis letzten Mittwoch hatte dieser Rekord Bestand. Dann schlagen die Studenten der Polytech’Nantes zum ersten Mal zu. Offensichtlich haben sie das letzte Jahr genutzt, um ihren ebenfalls mit Wasserstoff betriebenen Prototypen zu optimieren: Gleich nach ihrer Ankunft schaffen sie hochgerechnet 4414 km!

Geheimnis des Erfolges: Die jungen Carbon-Spezialisten vom ebenfalls in Nantes ansässigen Lycée Technique La Joliverie haben das Gewicht der schon vorher federleichte Karosserie um 25 % gesenkt. Ohne den Antrieb wiegt das flache, eher an eine Fischlarve als an ein Auto erinnernde Gefährt nur noch 23 kg. „Zusätzlich konnten wir den Wirkungsgrad der Brennstoffzelle auf fast 65 % steigern“, erklärt Teammanagerin Pauline Tranchard. Elektroniker des Teams hätten zudem eine neue Betriebsstrategie entwickelt, um die Wasserstoff- und Luftzufuhr in Echtzeit zu regeln. Unterm Strich nutze der neue Prototyp den Strom doppelt so effizient wie das Auto des Vorjahres.

Angetrieben von so viel Fortschritt wollen die Franzosen mehr. Und es gelingt: In einem weiteren Lauf fahren sie hochgerechnet 4896 km! Damit haben sie den alten Rekord der ETH endgültig pulverisiert. Theoretisch fährt ihr Effizienzwunder mit 1 l Sprit in einem Rutsch von Moskau bis an die Algarve. Praktisch wäre das aber furchtbar unbequem – gefahren wird nämlich liegend, mit den Füßen voran.

Nur wenige Minuten später bricht wieder Jubel aus. Die Freunde der Joliverie haben mit der gleichen Karosserie 2964 km geschafft. Das reicht für Platz 2. Besonders bemerkenswert: Sie nutzten einen vollständig selbst entwickelten Benzinmotor genutzt. Der Triumph für die Tüftler aus Nantes ist perfekt. Für viele Andere gibt es kein Happy End. Über 20 Teams schaffen keinen gültigen Lauf.

Kurz vor Toresschluss, als fast alles vorbei ist, rollt noch ein alter Bekannter in die Boxengasse: Rot, weiße Rallyestreifen. Diesmal verschwindet der Baldso II in einer Traube jubelnder Schweden. Zwar hat er es „nur“ auf 137,4 km und damit Platz 18 der tendenziell straßentauglichen Fahrzeuge („Urban Concept Cars“) gebracht, doch er ist heil im Ziel. „Nach fünf Ausfällen in fünf Läufen beim vorigen und diesem Mal fühlt es sich an wie ein Sieg“, jubelt Strömberg und lässt sich vom Team feiern. P. TRECHOW

Von P. Trechow
Von P. Trechow

Stellenangebote im Bereich Fahrzeugtechnik

RUETZ SYSTEM SOLUTIONS GmbH-Firmenlogo
RUETZ SYSTEM SOLUTIONS GmbH Testingenieur / Engineeringconsultant (m/w/d) Systemintegration Car Infotainment, Fahrerassistenz und Telematik Systeme München
in-tech GmbH-Firmenlogo
in-tech GmbH Systemingenieur modellbasierte Entwicklung (MBSE) (m/w/d) Garching bei München, Leipzig, Erlangen, Berlin
in-tech GmbH-Firmenlogo
in-tech GmbH Versuchsingenieur für Betreuung von Teilsystemplätzen (m/w/d) Garching bei München, München
Zurich Gruppe Deutschland-Firmenlogo
Zurich Gruppe Deutschland Risk Engineer (m/w/d) Haftpflicht für unsere Industriekunden Frankfurt am Main
Berufsgenossenschaft Verkehrswirtschaft Post-Logistik Telekommunikation-Firmenlogo
Berufsgenossenschaft Verkehrswirtschaft Post-Logistik Telekommunikation Ingenieur*in (m/divers/w) für den Bereich Unfallanalyse Berlin
TÜV SÜD Gruppe-Firmenlogo
TÜV SÜD Gruppe Kfz-Prüfingenieur zur Qualifikation zum Sachverständigen (w/m/d) Öhringen
TÜV SÜD Gruppe-Firmenlogo
TÜV SÜD Gruppe Kfz-Prüfingenieur zur Qualifikation zum Sachverständigen (w/m/d) Schwäbisch Hall
TÜV SÜD Gruppe-Firmenlogo
TÜV SÜD Gruppe Kfz-Prüfingenieur zur Qualifikation zum Sachverständigen (w/m/d) Vaihingen an der Enz
TÜV SÜD Gruppe-Firmenlogo
TÜV SÜD Gruppe Kfz-Prüfingenieur zur Qualifikation zum Sachverständigen (w/m/d) Crailsheim
Eisenbahn-Bundesamt-Firmenlogo
Eisenbahn-Bundesamt Ingenieurin / Ingenieur oder Physikerin / Physiker (Uni-Diplom/Master) als Wissenschaftliche Referentin / Wissenschaftlicher Referent (m/w/d) für Schallschutz / Erschütterungsschutz Bonn, Dresden

Alle Fahrzeugtechnik Jobs

Top 5 Fahrzeugba…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.