Elf Millionen manipulierte Fahrzeuge 23.09.2015, 12:33 Uhr

Warum sich der VW-Skandal immer weiter zuspitzt

Der VW-Skandal weitet sich aus: Elf Millionen Fahrzeuge sind von der Manipulation betroffen. Tritt VW-Chef Martin Winterkorn zurück? Und wusste am Ende sogar die Bundesregierung von den Machenschaften des Autobauers? 

Ganz VW steht Kopf: Der Abgasskandal in den USA hat inzwischen Dimensionen erreicht, die den Konzern ins Mark treffen. Die Krise gilt bereits jetzt als die schwerste in der Geschichte des Autobauers. 

Ganz VW steht Kopf: Der Abgasskandal in den USA hat inzwischen Dimensionen erreicht, die den Konzern ins Mark treffen. Die Krise gilt bereits jetzt als die schwerste in der Geschichte des Autobauers. 

Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Die Zahlen zeigen eindrucksvoll, wie tief VW im Schlamassel steckt: Elf Millionen Fahrzeuge sind von der Abgasmanipulation betroffen. Sie alle fahren mit einem 1,6-Liter-TDI-Motor, den VW intern EA 189 nennt, und der auch in Fahrzeugen der Konzerntöchter Audi, Seat und Skoda steckt. 6,5 Milliarden € hat der Konzern nach eigenen Angaben zurückgelegt, für Rückrufe und „weitere Anstrengungen, um das Vertrauen unserer Kunden zurückzugewinnen“. Zusätzlich drohen eine Strafe von 18 Milliarden $ und Klagen von Anlegern, die sich durch die Informationspolitik des Konzerns geschädigt sehen.

Krisensitzung des Aufsichtsratspräsidiums: Ende der Ära Winterkorn?

Heute versammelt sich das VW-Aufsichtsratspräsidium zu einer Krisensitzung. Laut Informationen des Tagesspiegels wird es dabei für Martin Winterkorn eng. Der VW-Chef genieße nicht mehr das Vertrauen des Aufsichtsrats, der ihn noch diese Woche ersetzen wolle. Doch freiwillig zurücktreten kommt für ihn nicht in Frage. „Es wäre falsch, wenn wegen der schlimmen Fehler einiger weniger die ehrliche Arbeit von 600.000 Menschen unter Generalverdacht gerät. Das hat unsere Mannschaft nicht verdient“, sagt Winterkorn, dessen Vertrag offiziell noch bis Ende 2016 läuft, in einer VW-Videobotschaft. „Deshalb bitte ich um ihr Vertrauen auf unserem weiteren Weg. Wir klären das auf.“

Gläserne VW-Manufaktur in Dresden: So transparent wie sich Volkswagen hier präsentiert agiert der Konzern offensichtlich nicht wirklich. 

Gläserne VW-Manufaktur in Dresden: So transparent wie sich Volkswagen hier präsentiert agiert der Konzern offensichtlich nicht wirklich. 

Foto: Arno Burgi/dpa

Allein ist VW bei der Aufklärung nicht: Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt hat eine Untersuchungskommission ins Leben gerufen, die diese Woche nach Wolfsburg reist. Sie untersucht, ob VW Fahrzeuge innerhalb der deutschen und europäischen Vorschriften gebaut und geprüft hat. Oliver Krischer, Grünen-Fraktionsvize im Bundestag, kann darüber nur mit dem Kopf schütteln: „Dass Bundesverkehrsminister Dobrindt angesichts des VW-Abgas-Skandals nach Aufklärung schreit, ist bigott“, sagt er in einem Bericht der Zeitung Die Welt. „Dass Dobrindt sich jetzt als Heilbringer des Autofahrers hinstellt, ist ein dreister Skandal.“ 

Bundesregierung soll von Manipulationstricks gewusst haben

Warum? Weil die Grünen der Bundesregierung vorwerfen, schon länger die Manipulationstricks der Autokonzerne zu kennen. Bereits im Juli soll die Regierung auf Anfrage der Grünen eingeräumt haben, dass die Messpraxis in Europa Defizite habe. Ihr soll auch bekannt gewesen sein, dass es sogenannte Abschalteinrichtungen gibt. Über deren Einsatz hätten der Regierung aber keine Erkenntnisse vorgelegen, hieß es in der Antwort vom 28. Juli 2015.

Export von VW-Autos: Am Mittwoch mehrten sich Stimmen, die vor einer Ausweitung des Image-Schadens durch die Diesel-Affäre bei VW auf die gesamte deutsche Exportindustrie warnen.

Export von VW-Autos: Am Mittwoch mehrten sich Stimmen, die vor einer Ausweitung des Image-Schadens durch die Diesel-Affäre bei VW auf die gesamte deutsche Exportindustrie warnen.

Foto: Ingo Wagner/dpa

Weltweit ist jetzt der Teufel los: Südkorea, Frankreich und die Schweiz wollen Dieselfahrzeuge auf Manipulation untersuchen. Besonders ruppig zeigt sich der italienische Umweltminister Gian Luca Galletti: VW solle Fahrzeuge zurückrufen und den Verkauf der betroffenen Modelle stoppen, sofern der Konzern nicht Beweise vorlegen könne, dass er Abgaswerte nicht wie in den USA manipuliert habe.

Autohersteller nutzten auch in Europa Abschalteinrichtungen, die Abgastests an der Nase herumführen, vermuten Umweltverbände – Beweise dafür haben sie nicht. „Eine solche Abgas-Betrügerei täuscht ja nicht nur die Kunden“, sagt Maria Krautzberger, Präsidentin des Umweltbundesamtes, dem Tagesspiegel. „Sie führt auch zu deutlich schlechterer Luft. Das gefährdet die Gesundheit.“ Tatsächlich hat eine Studie der Max-Planck-Gesellschaft gerade aufgedeckt, dass in Deutschland jedes Jahr 7000 Menschen an den Folgen der Emissionen des Straßenverkehrs sterben. Zum Vergleich: Bei Verkehrsunfällen sterben rund 3500 Menschen. 

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