Automobilbau 27.09.2002, 18:21 Uhr

Versorgungskette hat noch Lücken

Elektronische Marktplätze sollen das Geschäft in der Automobilindustrie revolutionieren. An technischen Lösungen mangelt es dabei nicht. Studien sehen die wesentlichen Herausforderungen heute vor allem in der Bewältigung der gestiegenen Komplexität der Netzwerke.

Auf der Höhe des E-Hypes standen elektronische Marktplätze im Rufe des Kostenkillers in der Automobilbranche. Sie sollten die Prozesse zwischen Herstellern, Zulieferern und Endkunden vernetzen und die Geschäfte zwischen den Partnern transparenter, schneller und effizienter machen. Bis zu 4000 € pro Fahrzeug sollten sich einsparen lassen. Was ist aus den ehrgeizigen Zielen geworden?
„Viele B2B-Marktplätze haben den zeitlichen Entwicklungsverlauf viel zu optimistisch gesehen“, urteilt Alexander Nase von Cell Consulting in München. Über 120 elektronische Marktplätze hat die auf Network Economy spezialisierte Unternehmensberatung in einer neuen Studie nach Funktionalität, Services und Kosten analysiert und bewertet. Befragt wurden 200 Zulieferer und Automobilhersteller, von denen 70 % Erfahrungen mit elektronischen Marktplätzen gemacht hatten. Das Ergebnis ist ernüchternd: Von einer internetgestützten Versorgungskette mit einem Supply-Chain-Management in Echtzeit über multiple Fertigungsstufen seien die Marktplätze noch weit entfernt, stellt die Untersuchung fest.
Danach decken die meisten E-Business-Modelle vor allem Leistungen wie Auktionen, Anfragetools und elektronische Kataloge ab. Angebote zur Wertschöpfungskette, dem so genannten Supply-Chain-Management (SCM), sowie zu Themen aus Forschung und Entwicklung seien dagegen unterentwickelt. Aber gerade hier stufen die Unternehmen den Stellenwert gemeinsamer Marktplätze am höchsten ein. Eingeschränkt ist laut Studie auch das Angebot zu ergänzenden Transport-, Finanz- und Beratungsleistungen.
Trotz der Versprechen der Marktplatzbetreiber über die Integration von Anwendungsdesign, Marktentwicklungs-, Bedarfsplanungs- und Bestandsverwaltungsmodulen seien einige Applikationen immer noch im Anfangsstadium der Einsetzbarkeit. Zudem mangele es an Verknüpfungen von Funktionen und Themen und an der Verfügbarkeit von Industriestandards zum Datenaustausch. Deshalb rechnet Cell-Consult-Experte Nase noch mit mindestens zwei Jahren, bis ausgereifte IT-Lösungen zur Verfügung stehen, die eine komfortable Anbindung und Integration von Marktplätzen erlauben. Eine Entwicklung, die über Fusionen letztlich in wenige Mega-Marktplätze münden werde, prognostiziert er.
Derzeit stehen mehrere große Plattformen im Wettbewerb, z.?B. der von DaimlerChrysler, Ford, General Motors Nissan, Renault und PSA betriebene Marktplatz „Covisint“ oder der von der deutschen Zuliefererindustrie initiierte Marktplatz „SupplyOn“ sowie die Marktplätze von VW und BMW. Mit 510 Online-Bieteverfahren und einem Beschaffungsvolumen von 10 Mrd. € im Jahr 2001 reklamiert Covisint die Marktführerschaft für sich.
DaimlerChrysler hat den Auftrag zur Entwicklung eines weltweiten Lieferantenportals erteilt. Gary Valade, als Vorstandsmitglied bei Daimler-Chrysler für den internationalen Einkauf verantwortlich, ist überzeugt: „Durch den Wegfall des bislang zeitaufwendigen und kostenintensiven Parallelbetriebs unterschiedlicher Schnittstellen und Anwendungen werden Zuliefererpartner und Kunden profitieren.“
Mehr kostensparende Effizienz durch Integration tut Not, wie auch die Analysen des US-Beratungsunternehmens AMR Research ergeben haben. Danach müssen Zulieferer bislang auf 20 bis 300 unterschiedliche Log-ins und Passwörter für den Zugang zu den Portalen ihrer Geschäftspartner zurückgreifen. Für Nutzung und Betrieb der Plattformen sind laut AMR Gebühren zwischen 250 000 Dollar und 2 Mio. Dollar jährlich fällig, zusätzlich zu den Kosten für den elektronischen Datenaustausch. Kein Wunder, wenn die US-Berater bereits in dem einheitlichen Zugang für ein globales Industrieportal eine „Killerapplikation“ zu erkennen glauben. Dadurch würden erste Schritte in eine echte elektronische Geschäftswelt in der Automobilindustrie eingeleitet, so die Meinung der Technologieberater.
Die Marktbeobachter von Cell Consult schätzen das kritischer ein. „Die Bewältigung der zunehmenden Komplexität in den Netzwerken wird eine der wichtigsten Herausforderung für die Zukunft der Marktplätze sein“, so Nase. Zu einer ähnlichen Einschätzung gelangt auch eine Untersuchung zum E-Business in der Automobilindustrie, die die internationale Unternehmensberatung Mercer Management Consulting in München im vergangenen März veröffentlicht hat: „Steigende Komplexität der Integration, die wachsende Zahl an Teilnehmern, Fragen der Datensicherheit und divergierende Eigeninteressen der Partner lassen ein Scheitern von Covisint aus heutiger Sicht sehr wahrscheinlich erscheinen“, heißt es da. Unternehmsspezifische Marktplätze wie die von VW und BMW seien eindeutig im Vorteil.
Ob die Nutzung elektronischer Marktplätze der Automobilindustrie tatsächlich die erwarteten Kosteneinsparungen bringen kann, ist offen. „Hersteller und Zulieferer müssen sich darüber im Klaren sein, dass Implementierung, Integration und Verankerung neuer Prozesse einen gewissen Ressourcenaufwand und die Bereitstellung angemessener Budgets erfordert“, sagt Nase von Cell Consulting .
Die Mercer-Untersuchung geht sogar davon aus, dass E-Business-Projekte in den Bereichen Vertrieb, Produktion und Einkauf ein Rationalisierungspotential von 750 € bis 1550 € pro Fahrzeug erbringen – also deutlich weniger als ursprünglich Erwartet. E-Business-Potenziale sieht der Mercer-Automobilexperte Marco Ehmer deshalb weniger in der Kostenoptimierung, sondern im Kundenzugang, der in der Vergangenheit vernachlässigt worden sei. SILVIA VON DER WEIDEN

Von Silvia von der Weiden
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