Autoindustrie 17.06.2011, 12:10 Uhr

Stuttgart: Zwischen Bosch und Mercedes

Der Großraum Stuttgart hat auch nach 125 Jahren des Automobilbaus nichts von seiner Innovationskraft eingebüßt. Mercedes hat sich gerade das dritte Mal in Folge den Titel „Innovativste Automobilmarke“ gesichert. Und der Nachbar Bosch liefert der Branche als weltweit größter Zulieferer das Rüstzeug für eine sichere, unterhaltsame und abgasarme Mobilität.

Autos mit Verbrennungsmotoren fahren seit 125 Jahren. Pioniere wie Carl Benz, Gottlieb Daimler und Robert Bosch haben in den 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts eine Mobilitätsepoche begründet, die ihre Ahnen unter anderem „Vorzeichen“ weiter führen. Daimler und Bosch gründen ein Joint Venture, das die Automobilbranche künftig mit Elektromotoren versorgen will. Und die Spatzen pfeifen von den Dächern, dass die Marke mit dem Stern auch an den Lithium-Ionen-Batterien interessiert ist, die Bosch und Samsung in ihrem Joint Venture SB LiMotive entwickeln und produzieren.

Bernd Bohr, Vorsitzender des Bosch-Unternehmensbereichs Kraftfahrzeugtechnik, wollte das Gerücht Anfang Juni auf dem 60. Motorpressekolloquium in Boxberg weder bestätigen noch dementieren, kündigte wohl aber eine Zusammenarbeit mit Daimler im Bereich der Brennstoffzellentechnik an. Und auch, dass SB LiMotive neben dem bereits bestehenden Batteriewerk in Uslan, Korea, eine zweite Fabrik in Europa plane. Dafür seien unter anderem mehrere deutsche Standorte im Rennen. Bohr stellte klar: „Mit einer Entscheidung ist aber erst 2012 zu rechnen.“ Keinen Zweifel ließ Bohr daran, dass die Zukunft dem Elektroantrieb gehört. Doch wann diese Zukunft sein wird, ließ er offen.

Bosch rechnet mit zwischenzeitlichem Boom der Benzin- und Dieseltechnik

Vorerst boomt die Benzin- und Dieseltechnik. Bosch geht davon aus, dass der Weltmarkt für Pkw und leichte Nutzfahrzeuge bis 2020 auf 103 Mio. Einheiten pro Jahr wächst. „Davon werden 100 Mio. Fahrzeuge von Verbrennungsmotoren angetrieben sein“, prognostizierte Rolf Leonhard, Bosch-Bereichsvorstand Dieselsysteme. Der Markt für Verbrennungsmotoren würde damit binnen zehn Jahren um fast 30 Mio. Einheiten oder gut 40 % zulegen.

Die weiter wachsende Mobilität wird für die Umwelt zur Belastung und für den Menschen zur Herausforderung: Die leicht förderbaren Erdölreserven gehen zur Neige, das massenhafte Verbrennen des wertvollen Rohstoffs läuft den Klima- und Ressourcenschutzzielen zuwider und der ausufernde motorisierte Individualverkehr wird noch mehr Unfälle, Smog und Lärm nach sich ziehen.

Bohr und Leonhard benannten diese Probleme und kündigten einen Mehrkampf an, um sie zumindest zu lindern. So will Bosch in den nächsten zwei Jahrzehnten seine sensorgestützten Fahrerassistenzsysteme so weit bringen, dass Fahrzeuge zumindest zeitweise autonom fahren können. Aktuell würden 600 Entwickler in diesem Bereich arbeiten. Neben der Weiterentwicklung der Sensorik und Signalverarbeitung – heutige Kamerachips werten eingehende Bilder bereits 25 Mal je Sekunde in Echtzeit aus – gilt es, vorhandene Technik weltweit zu verbreiten. Dafür müssen die Entwickler die Systeme auch für Kunden in armen Regionen erschwinglich zu machen.

Bosch und Mercedes arbeiten an effizienteren Antrieben

Neben mehr Sicherheit sind angesichts der massiven globalen Verkehrszuwächse effizientere Antriebe gefragt. Bis 2025 sollen Antriebe nach Willen der EU doppelt so effizient werden wie heute. Da sich Stromer und Plug-in-Hybride vorerst in der Nische bewegen, sieht Leonhard Verbrennungsmotoren in der Pflicht. Von den 146 g CO2/km, die 2010 verkaufte Neuwagen im Schnitt emittieren, sollen bis 2025 nach Plänen der EU 76 g/km wegfallen. Das liefe auf einen durchschnittlichen Verbrauch bei Neuwagen von 3,0 l Benzin oder 2,6 l Diesel je 100 km hinaus.

Leonhard hält beides für machbar: „Unsere Erfahrung beim Entwickeln zukunftsweisender Technik gibt uns die Sicherheit, dass diese Ziele selbst bei einer weiteren Verschärfung der Abgasgrenzwerte über die EU6-Norm hinaus zu schaffen sind“, erklärte er.

Bosch bietet für den Diesel wie für Benziner entsprechende Technikpakete an. Mit Downsizing, Direkteinspritzung und Hybridisierung werde das für 2020 geplante CO2-Ziel von 95 g/km schon heute erreicht. „Die Mehrzahl der Motorkonzepte, die heute im Serieneinsatz sind, bietet noch ausreichend Spielraum für verbrauchssenkende Technik“, so Leonhard. Bosch werde u. a. noch 2011 das erste Common-Rail-System für 2200 bar Direkteinspritzung für Pkw-Dieselmotoren in Serie bringen. Ein 2500-bar-System sei schon in Arbeit. „Auch damit ist die Grenze des technisch Machbaren nicht erreicht“, sagte er.

Bosch: Weitere Effizienz-Spielräume bei Nebenaggregaten

Weiteres Potenzial sieht Leonhard bei den Nebenaggregaten – etwa elektrisch angetriebene und damit besser steuerbare Wasserpumpen oder Servolenkungen – sowie in optimierten Start-Stopp-Systemen, die den Verbrennungsmotor beim Ausrollen vor Ampeln oder Ortsschildern stoppen, oder in Generatoren, die im Schubbetrieb die Batterie laden. Ebenso böten die Übertragung der variablen Ventilsteuerung von Benzin- auf Dieselmotoren, optimierte Turbolader und Getriebe noch Potenziale. Zudem arbeite Bosch an der Energierückgewinnung aus Abgas: Leonhard stellte hier einen geschlossenen Dampfkraftprozess voraussichtlich mit Ethanol als Medium in Aussicht.

Reichlich innovatives Potenzial also, dass dem Großraum Stuttgart seit nunmehr 125 Jahren zur weltweit geachteten Wiege der Automobiltechnik macht.

Passend zu diesem Ruf kürt eine aktuelle Studie des Center of Automotive Management (CAM), Bergisch Gladbach, Mercedes zum dritten Mal in Folge zur innovativsten Automobilmarke der Welt (s. S. 19). „Innovative Hersteller sichern in Zeiten enormen technologischen Wandels ihre Überlebensfähigkeit“, betont Studienleiter Prof. Stefan Bratzel. Oder anders ausgedrückt: 125 Jahre waren ein guter Anfang. Auch wenn sich die Antriebe ändern, blickt die Branche weit in die Zukunft.  

Von Peter Trechow

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