Automobilbau 21.09.2001, 17:31 Uhr

Streichkonzerte statt Samba-Rhythmen

Die 59. Internationale Automobil-Ausstellung wird in die Annalen der Messegesellschaft eingehen. Nicht weil sie noch schnellere, schönere oder gar energiesparendere Autos zeigt, sondern weil sie die Exponate leise präsentiert. Nach den Terroranschlägen in den USA sind Musikeinlagen und Shows abgesagt worden.

Wo sich Ferrari, Lamborghini, Maserati und Porsche auf weißen Teppichen ein Stelldichein geben, leuchten die Augen von Manfred Moll ebenso wie die von Philip. Ob 45 oder 25 Jahre jung, man ist sich einig: „Aggressiv muss ein Auto aussehen, schnittig, flach und vor allem eine satte Beschleunigung haben.“ Träume in Metall und Kunststoff – in Halle 5 der diesjährigen IAA präsentieren sich die meist Unberührbaren hinter Absperrbändern.

Scharenweise wandern Männergruppen hier von einer Luxuslimousinen zur anderen. „Die Emotion Auto“, da ist sich Maserati-Händler Robert Fillibeck sicher, „verkauft sich über das Gefühl: Dort kann ich selbst lenken, selbst steuern.“ Das reale Leben ist anders, das wissen alle hier. Die Terroranschlägen in den USA haben ihnen die Ohnmacht des „kleinen Mannes“ drastischer denn je vor Augen geführt.

Die IAA findet trotzdem statt – doch, so Philip: „Diese IAA ist anders und das ist richtig so.“ Shows wurden gestrichen, der Verband der Automobilindustrie (VDA) empfiehlt Streichmusik statt Samba-Rhythmen. Bislang steht fest: Zwischen 10 % bis 20 % weniger Besucher werden wohl 2001 zur weltgrößten Automobilshow pilgern.

Am Eingang zur Messe empfängt Kerstin Hirschler die Besucher. „Sind Sie schon registriert?“, fragt sie freundlich und zieht die Magnetkarte durch das Lesegerät. „Wir müssen jetzt jeden aufnehmen. Damit wir nachher wissen wie viele Menschen auf dem Gelände waren.“ Wer bislang nur Autos im Kopf hatte, lässt seinen Blick jetzt beinahe unbewusst am Messeturm emporgleiten, wo auch an diesem Morgen Flugzeuge vorbeiziehen. Bombenalarm am Frankfurter Hauptbahnhof, im Messeturm, in Halle 3 stecken Kerstin Hilscher und allen anderen, die auf der IAA arbeiten, noch in den Knochen.

Stimmengewirr, Schritte auf der breiten Holztreppe, die zu den Chrysler- und den Smart-Modellen führt. Dort, wo sonst laute Musik diese Geräusche übertönt hätten, ist es nun beinahe leise. In Metallic-Blau glänzt der neue Speedy Cruiser, das neue Cabriolet von Chrysler, auf seinem Podest. Nebenan steht die geschlossene Variante. „Schauen Sie, hier haben Sie den typisch amerikanischen Komfort“, erklärt Martina Lichtenberg dem Publikum. „Sie können Tragetaschen anhängen und, wenn Sie wollen, wird aus der Ablage ein Campingtisch.“ Im März nächsten Jahres sollen in diesem Fahrzeug deutsch-amerikanische Synergien sichtbar werden: Dann erhält der Cruiser wie heute schon der Grand Cherokee einen Mercedes-Motor.

An winzigen Fernseh-Bildschirmen in der neuen Mercedes SL-Klasse hat Pressesprecher Markus Hauf wie rund hundert Kollegen am letzten Dienstag verfolgt, wie die Türme des World Trade Centers zusammenbrachen. Wer da über sinkende Aktienkurse spekulierte, wurde vom anwesenden Top-Managern deutlich zurechtgewiesen. Dann kamen die Durchsagen für all die US-Mitarbeiter, die zu Hause anrufen sollten. „Business as usual ist nach diesen Anschlägen einfach nicht angesagt“, erklärt Hauf immer noch sichtlich mitgenommen.

Und fügt trotzig hinzu: „Wir müssen ein Zeichen geben. Wir vergessen das nicht und gehen nach drei Tagen nicht zur Tagesordnung über.“ So als wolle er die Worte seines obersten Chefs untermauern, die da auf einer Tafel stehen: „Wir sind erschüttert und tief betroffen über die verbrecherischen Anschläge auf das amerikanische Volk. Unser tiefes Mitgefühl gilt den Opfern und ihren Familien. Als deutsch-amerikanisches Unternehmen sind wir in dieser schweren Zeit dem amerikanischen Volk in fester Solidarität verbunden. Jürgen E. Schrempp.“

Nebenan unter der Kuppel des Festsaals drängt sich die Menge um den neuen schwarz-blauen Mercedes SL 500. Wie von Geisterhand öffnet sich der Kofferraum, wenige Sekunden später ist das komplette Hardtop lautlos darin verschwunden. Auch mit gedämpften Klängen ist hier das IAA-Flair des letzten Jahres zu erahnen. Ein Mann mit Schnurrbart nebst blond gefärbter Begleitung wird zu der 200 000 DM teuren Limousine geleitet. „Helmut Dietl“, flüstert ein Besucher, doch ein Kameramann klärt auf: Ein Minister aus Bosnien ist der Auserwählte, der den „Traum“ in Smaragd-Schwarz-Blau (so die Mercedes-Farbensprache) sogar anfassen darf. „Wenn du dafür sparen musst, kannst du ihn dir nie leisten“, wird der staunende Philip von seinem Freund belehrt.

Also ab zu den Realitäten deutscher Autofahrer. Bei VW in der neu erbauten Halle 3 ist es richtig laut. Der Verbrauchstest des neuen Golf FSI auf einem Rollstand fordert seinen Tribut von den Ohren der Zuschauer. „Wir wollen hier nicht Sportskanonen, sondern Sparweltmeister küren“, schreit eine Moderatorin gegen die Fahrgeräusche an. Vasi und Denis ist es gelungen, mit dem neuen Benzin-Direkteinspritzer den durchschnittlichen Verbrauch von 6,2 l/100 km zu unterbieten. „Im Zeitalter, wo Benzin teuer ist und man ohnehin nicht mehr so schnell fahren kann, wollen wir sparsam fahren“, lehrt die Moderatorin. Applaus, Kugelschreiber und Urkunden werden verteilt.

Nebenan, nahezu unscheinbar, stehen die eigentlichen Sparriesen des Wolfsburger Konzerns. Der „3-Liter“-Lupo und der neue Erdgas-Golf Variant. „Die Schadstoffwerte sind alle geringer. Vor allem CO2 konnte um rund 20 % reduziert werden“, erklärt Entwicklungsingenieur Matthias Leifheit. Entscheidend sei, so der Vater des Erdgas-Golfs, dass rund 15 kg Gas und 55 l Benzin getankt werden können. Mit diesem „bivalenten“ Auto können Sie also auch dorthin in Urlaub fahren, wo es noch keine Erdgas-Tankstellen gibt. Und die Sicherheit? Absperrhähne gehen bei einem Crash zu, die Gas-Tanks aus Kohlefasern sind nahezu unzerstörbar.

Sicherheit – nach den Terroranschlägen ein viel diskutiertes Thema auf der Internationalen Automobilausstellung. Alexander König, Einsatzleiter Messe der Frankfurter Polizei: „Wir haben seit Dienstag vor allem die subjektive Sicherheit erhöht.“ Er weiß, dass die Besucher besorgt sind, will ihnen durch die Präsenz uniformierter Streifen Ängste nehmen. Rund 200 Beamte sind für die IAA im Einsatz – an den Verkehrsknotenpunkten ebenso wie überall sichtbar in den Messehallen.

Am Stand der Ford Company zieht Toni Roguljic seine Kreise. Der Securitas-Mann wirft einen Blick in den Aschenbecher. „Wir können gar nicht sensibel genug sein“, meint er. Eigentlich sollte er Diebstähle von Radkappen und Portemonnaies verhindern. Jetzt wird jede abgestellte Plastiktüte mit Vorsicht begutachtet. An den ersten zwei Tagen nach den Anschlägen wurde viel diskutiert, jetzt macht sich nach Rogulics Beobachtungen eine gewisse Lähmung breit. Und er fürchtet, dass die Messe, die doch Treffpunkt aller Nationen sein sollte, etwas von ihrem Multikulti-Flair verliert.

Heike schaut ungeduldig auf die Uhr. Am Ende eines Messetages weiß die Studentin, was sie getan hat: Mazdas putzen. Sie gehört zu den hunderten von Reinigungskräften, die den Autos mit Staubwedel, Lappen und Schaumreiniger wieder Glanz verleihen. „So oft wie möglich, mindestens alle fünf Minuten muss ein Exponat poliert werden“, so Heike. Der kleine rote MX5-Roadster noch öfter, denn er gehört zu den Messestars, die von Besucherscharen angefasst werden. Neben den Lamborghinis und Ferraris ist es sicher das, was Hunderttausende in diesen Tagen trotz allem nach Frankfurt lockt: Mal für ein paar Minuten im Cockpit sitzen oder den geschwungenen Kotflügel streicheln und eben jede Menge Fingerabdrücke hinterlassen.
REGINE BÖNSCH

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