Automobilbau 27.04.2001, 17:29 Uhr

Schrempp: Wer nur in Quartalsbilanzen denkt, wird nicht erfolgreich

Jürgen Schrempp, der Chef des drittgrößten Autokonzerns der Welt, präsentierte sich zur Eröffnung der Hannover Messe als ein Manager, der Globalisierung mit größtmöglicher sozialer Verantwortung vorantreibt. Nachfolgend ein Auszug aus seiner Rede.

Das Motto der diesjährigen Hannover Messe ist, so finde ich, gut gewählt. „Power of Industry“ ist die selbstbewusste Überschrift über der größten Industriemesse der Welt. Das Motto trifft durchaus zu.
Noch nie hat Deutschland so viel exportiert wie im vergangenen Jahr. In der Europäischen Union stieg die Industrieproduktion um mehr als 5 % – der größte Zuwachs der letzten zehn Jahre.
Und weltweit nahm der Warenhandel um rund 11 % auf 6 Billionen Dollar zu. Auch das ist der höchste Anstieg des vergangenen Jahrzehnts.
Die Industrie hat also wirklich „Power“! Und so muss es auch bleiben! Die Industrie ist das Kraftzentrum der Volkswirtschaft. Wir, und damit meine ich uns hier im Saal, repräsentieren das Zentrum der Wertschöpfungskette, von der Grundlagenforschung bis zur Dienstleistung. So schaffen wir die Basis für zukunftssichere Arbeitsplätze.
Kein anderer Bereich der Wirtschaft investiert so viel in die Zukunft, in Qualität und in technischen Fortschritt. Damit sichern wir die Lebensperspektive und den Wohlstand unserer Kinder.
Gerade wir, die wir in der unternehmerischen Verantwortung stehen, haben das Rüstzeug, Chancen zu erkennen, sie auszuschöpfen wir haben gelernt anzupacken und zu „wirtschaften“. Lassen Sie uns das Erfolgspotenzial auf die Tagesordnung heben, dem Misstrauen entgegen steuern, statt über vertane Möglichkeiten zu lamentieren.
Lassen Sie uns die Tugend leben, für die wir Industrievertreter stehen: Unternehmergeist. Doch dies wird nur dann erfolgreich sein, wenn alle gesellschaftlichen Kräfte an einem Strang und in eine Richtung ziehen.
Denn Politik, Gesellschaft und Wirtschaft sind eng miteinander verknüpft sie beeinflussen sich gegenseitig.
Ja, ich möchte sogar so weit gehen zu sagen, dass sie eine Verantwortungsgemeinschaft bilden. Und diese Verantwortungsgemeinschaft muss heute die Fragen von morgen beantworten. Fragen, die sich aus dem Blickwinkel eines der drei Bereiche eben nur unvollständig beantworten lassen.
Es sind die Themen, die uns alle betreffen und die ohne einen breiten Konsens nicht erfolgreich abgearbeitet werden können.
Ich denke da an die Bildungspolitik, die sich nicht aus der Vergangenheit, sondern aus den Anforderungen der Zukunft definieren muss. Dauer und Praxisbezug der Schul- und Universitätsausbildung dürfen keine Glaubensfragen sein, sondern müssen sich an der Wettbewerbsfähigkeit unserer Jugend im internationalen Vergleich orientieren. Wer immer noch glaubt, dass dies ein Randthema ist, verkennt, dass hier der Zentralschlüssel für die Zukunft unseres Landes liegt.
Dieses Thema steht ganz oben auf meiner persönlichen Agenda als Vorstandsvorsitzender eines Unternehmens, das mehr als 10 500 jungen Menschen eine Zukunft bietet und jährlich eine halbe Milliarde DM in ihre Aus- und Weiterbildung investiert.
Ich denke an den Arbeitsmarkt, der befreit werden muss von Überregulierung, der unterschiedlichsten Anforderungen von Arbeit Suchenden und Arbeit Gebenden Rechnung tragen sollte. Die Arbeitsmarktsysteme weltweit müssen die Realität widerspiegeln, wie wir sie in der Industrie bei der Suche nach qualifizierten Arbeitskräften täglich erleben, auch wenn einige noch immer die Augen davor verschließen.
Denn auch für den Arbeitsmarkt gilt grundsätzlich das Gesetz von Angebot und Nachfrage. Das lässt sich weder durch Ideologie noch durch die Tabuisierung der Diskussion aushebeln.
Wir haben die Verantwortung, dass die Schwachen geschützt werden müssen. Hier darf es keinen Dissens geben. Das heißt, wir müssen solidarisch sein.
Mit anderen Worten: Der Stärkere muss Leistung erbringen, damit der Schwächere zu seiner Leistung finden kann. Aber es muss auch Konsens darüber bestehen, dass sich keiner auf Kosten der Gesellschaft im Regelwerk verstecken darf.
Ich denke an die notwendigen Sozialreformen, die durch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Pflegeversicherung allerhöchste Brisanz und Aktualität erhalten haben. Es reicht eben nicht mehr aus, nur ein Zimmer zu renovieren. Hier muss das ganze Haus fit gemacht werden für die Zukunft.
Und: Dies muss europaweit abgestimmt werden. Es gibt keine „Inseln“ mehr. Und das ist auch gut so.
Und ich denke an die Steuer- und Abgabenbelastung der Bürger. Die Menschen müssen finanzielle Entscheidungsfreiheit haben. Es gehört doch zum Geist der sozialen Marktwirtschaft, dass der Einzelne besser als der Staat weiß, wie er sein Geld ausgibt.
Wer aber jede Diskussion über steuerliche Entlastung mit dem Argument der „Gegenfinanzierung“ erstickt, der zeigt am Ende des Tages ein mangelndes Vertrauen in die Wirkungsmechanismen des Marktes und die eigenverantwortliche Freiheit des Menschen.
Ein Manager, der sein Unternehmen ausschließlich nach Quartalsergebnissen führt, wird nicht erfolgreich sein.
Das Gleiche gilt für Politiker. Wer seine Entscheidungen nach der Dauer der Legislaturperiode ausrichtet, der wird nicht den Mut aufbringen, eine langfristige und leistungsfördernde Industrie- und Finanzpolitik aufzubauen.
Hierin aber liegt der Schlüssel für Wohlstand, für Arbeit und damit auch für die nachhaltige und persönliche Zufriedenheit der Menschen.
Die wahre „Power“ liegt im Zusammenwirken von Industrie, Politik und Gesellschaft bei der Lösung all dieser großen Zukunftsherausforderungen. So liegt es auch an uns, der Industrie, den Menschen die Angst vor der Globalisierung zu nehmen und ihnen die Vorteile einer arbeitsteiligen Welt zu erklären. Das können wir nicht allein der Politik überlassen. Natürlich machen wir das nicht aus Selbstlosigkeit.
Wir engagieren uns, wir erklären unser Handeln, weil wir wissen, dass unsere Unternehmen und Mitarbeiter maßgeblich vom Zusammenwachsen der Märkte profitieren und dass nur so profitables Wachstum und nachhaltige Wertsteigerung möglich sind.
Und wir ahnen, dass wir, die Industrie, die Ersten sein werden, die darunter leiden, wenn das „Projekt Globalisierung“ fehlschlägt. Wer die Bilder von Davos, Seattle, oder Prag vor Augen hat, der weiß, wovon ich spreche.
Bei aller Verantwortung für Themen wie die Globalisierung dürfen wir eines nicht vergessen: Wir sind nicht gewählt. Es gilt das Primat der Politik. Und es muss auch weiterhin gelten.
Die Politik muss die Rahmenbedingungen festlegen und damit die Grenzen definieren, die wir als Unternehmer nicht überschreiten dürfen, auch wenn die globale Wirtschaft scheinbar grenzenlos ist.
Und deshalb haben wir mit anderen internationalen Unternehmen ein weltweites, von Kofi Annan, den Vereinten Nationen, initiiertes Abkommen getroffen, „Global Compact“ genannt.
Es ist unser aller Verpflichtung, weltweit die Menschenrechte, die Rechte von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern und die Belange der Umwelt zu respektieren, zu schützen und sogar noch weiter auszubauen.
„Power of Industry“, das habe ich zu Beginn meiner Rede gesagt, bedarf der Interpretation.
Selbstverständlich muss die Wirtschaft kraftvoll und erfolgreich sein. Das heißt: Ein Unternehmen muss profitabel sein und den Wert für die Aktionäre steigern. Aber diese Kraft und dieser Profit müssen wirksam eingesetzt werden für Investitionen in die Zukunft, für soziale Gerechtigkeit und menschliches Miteinander.
Entscheidend ist, dass wir Verantwortung übernehmen: Für unsere Mitarbeiter, für unsere Unternehmen und für die Gesellschaft. Dieser Verantwortung müssen wir uns stellen.
Und in diesem Bewusstsein müssen wir handeln. Das ist meine persönliche, meine tiefste Überzeugung. JÜRGEN E. SCHREMPP

Jürgen E. Schrempp
verantwortet seit 1998 die Geschicke des Automobilkonzerns DaimlerChrysler. Als Nachfolger von Edzard Reuter, der den Technologie-Konzern Daimler-Benz baute, wirbelte 1995 Schrempps Generalbereinigungs-Programm „Dolores““ einigen Staub auf. Die AEG wurde verkauft, der Rest eingegliedert, die Unterstützung des verlustreichen Flugzeugbauers Fokker eingestellt. Im Januar 1997 wurden alle 23 verbleibenden Geschäftsfelder dem Daimler-Vorstand unterstellt. Im Mai 1998 folgte die Ankündigung der Fusion mit Chrysler. Schrempp war Mechanikerlehrling bei Mercedes in Freiburg, studierte an der FH Offenburg Maschinenbau, begann 1967 als Dipl.-Ing. seine Konzern-Karriere in der Zentrale in Stuttgart, verantwortet bald Divisions in Südafrika und den USA . rus

Von Jürgen E. Schrempp
Von Jürgen E. Schrempp

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