Automobilbau 13.09.2002, 18:21 Uhr

„Opel war für uns die Initialzündung“

Kopfsteinpflaster, Fachwerkhäuser – Eisenach ist eine kleine Idylle in der Mitte Deutschlands. Doch die Stadt lebt nicht vom Tourismus, sondern davon, was die meisten Touristen hierher bringt – vom Auto.

Dass Opel sich hier niedergelassen hat, das war für Eisenach die Initialzündung“, sagt Oberbürgermeister Gerhard Schneider, „das hat sich sogar im Anstieg der Geburtenzahlen niedergeschlagen.“
Von seinem Arbeitszimmer aus schaut Schneider über den Marktplatz hinüber zur Georgenkirche, in der Johann Sebastian Bach getauft wurde, unmittelbar neben dem Rathaus auf ein Stadtpalais, in dem schon Goethe wohnte, und wenn er sich etwas zum Fenster hinausbeugt, kann er über tiefgrünen Wäldern auch die Wartburg sehen, in der Luther 1521 untertauchte.
Aber noch ist der Tourismus keine echte Alternative für Eisenach und Schneider weiß genau, wovon seine Stadt lebt. „Wir sind eine Autostadt.“
Mit dem Auto dauert es vom Rathaus aus nicht einmal eine Viertelstunde zum Opelwerk im Westen der Stadt: Große graue Hallen mit hohen Kaminen, 2000 Menschen arbeiten hier.
Und Unternehmen wie Opel, aber auch die nahe gelegene Bosch-Niederlassung mit ihren 1650 oder BMW mit ihren 240 Mitarbeitern ziehen immer mehr Firmen nach Eisenach – vor allem solche, die mit Automobiltechnik zu tun haben. „So eine Monostruktur“, weiß auch Joachim Gummert, „schafft eine gefährliche Abhängigkeit“. Gummert ist Geschäftsführer des Gründer- und Innovationszentrums, dass in Sichtweite des Opelwerks am Hang der thüringischen Berge in einem Industriepark liegt.
Doch dagegen anzusteuern ist schwer. „Uns fehlt ein anderer industrieller Kern“, so Gummert. Und Eisenach fehlt die Hochschule, aus der heraus sich ein solcher Kern entwickeln könnte.
Also sucht Gummert nach Unternehmen, die zwar auch für die Autobranche interessant sein könnten, die aber auch Chancen auf andern Märkten hätten.
So ein Unternehmen ist Tecnaro. Die beiden Gründer, Helmut Nägele und Jürgen Pfitzer kommen vom Fraunhofer Institut Chemische Technologie (ICT) im badischen Pfinztal. Anfang 2000 sind sie mit ihren Familien nach Eisenach gezogen und haben ihr Büro im Technologiezentrum eingerichtet.
Tecnaro stellt Thermoplaste aus nachwachsenden Rohstoffen her. Ausgangspunkt ist Lignin, ein Abfallprodukt der Zellstoffindustrie, das mit Naturfasern wie Flachs oder Hanf gemischt wird. „Das Ergebnis“, so Jürgen Pfitzer, „ist ein hundertprozentiges Naturprodukt, das sich auf herkömmlichen Kunststoffverarbeitungsmaschinen wie ein synthetisch hergestellter Kunststoff verarbeiten lässt.“ Hunderte von Produkten wie Kinderflöten, Computergehäuse und die Innenverkleidung von Automobilen lassen sich so aus „flüssigem Holz“ herstellen – und können auch wie Holz entsorgt werden.
Was sich anhört wie die ultimative Geschäftsidee, ist kein Selbstläufer. „Es ist schwer, in den Markt zu kommen“, sagt Helmut Nägele, „die traditionellen Spritzguss-Hersteller machen sich Sorgen, dass sie sich mit unserem Material ihre etablierten Märkte ruinieren.“
Und die Banken in Thüringen zögern, den beiden Jungunternehmern zwei Jahre lang unter die Arme zu greifen, bis das Produkt im Markt ist. „Sie scheuen das Risiko“, so Nägele. „Aber es wird weitergehen“, da ist sich Pfitzer sicher, „und wenn nicht hier, dann woanders“.
Damit es doch in Eisenach weitergeht, haben sich die Tecnaro-Macher mit einem Unternehmen zusammengetan, das bereits mit beiden Beinen im Markt steht: FER Fahrzeugelektrik Eisenach. Im Gewerbepark Stockhausen im Osten der Stadt hat FER – zu DDR-Zeiten Teil eines Kombinats mit 12 000 Angestellten – ein nagelneues Werk für seine derzeit 500 Mitabeiter hingestellt. FER entwickelt vor allem Leuchten für die Automobilindustrie weltweit, „nur an Opel in Eisenach“, grinst Klaus Lantzsch, „liefern wir nicht.“
1966 kam Lantzsch als Werkzeugmacher ins Unternehmen, heute ist er Vorsitzender der Geschäftsführung. 84 Mio. ‰ Umsatz macht FER mit seinen weltweit 900 Mitarbeitern und Fertigungsstandorten in Spanien, Weißrussland, Vietnam, Mexico und Polen.
Und immer neue Produkte wirft FER auf den Markt, denn „wenn man hier nicht schnell ist, ist man weg“, so Lantzsch. 10 % der Mitarbeiter arbeiten in Forschung und Entwicklung: „Wir sind keine verlängerte Werkbank“.
Jüngster Coup: Das Nummernschild am neuen VW Phaeton ist ein FER-Produkt – ein selbstleuchtendes Schild auf Basis der von FER entwickelten ElektroLumineszens Technologie.
Wie viele der Unternehmen der Region rekrutiert FER seinen Nachwuchs aus der nahe gelegenen TU Ilmenau oder der FH in Schmalkalden. Das Gerede über die fehlende Qualifikation von Arbeitskräften in den neuen Ländern kann Lantzsch nicht mehr hören: „Alles Unsinn. Man muss sie nur motivieren, dann kommt auch die Leistung.“
Voller Hochachtung spricht auch Thomas Vollmer von seinen Mitarbeitern. „Das sind Leute mit goldenen Händen.“ Will man zu den Leuten mit den goldenen Händen, muss man zuerst eine Geheimhaltungsverpflichtung unterschreiben. Denn Vollmer ist Niederlassungsleiter der Edag Engineering und Design AG Eisenach. Bei der Edag, die insgesamt über 17 Niederlassungen in Deutschland und weitere 18 weltweit verfügt, lassen fast alle internationalen Automobilhersteller von Rang und Namen ihre Prototypen fertigen, aber auch komplette Montagestraßen und schlüsselfertige Automobilfabriken.
Von Edag in Eisenach kommen die Karosserien der Prototypen. Bis zu sechs Prototypen in bis zu drei Baustufen verlassen im Jahr das Werk, wobei von den 240 Mitarbeitern pro Prototyp bis zu 20 Stück gebaut werden.
In den Hallen der Edag bereiten die Männer mit den goldenen Händen Aluminiumplatten für die Pressen vor, überall hängen die Seitenwände der Prototypen, die Bodenplattformen und Kotflügel. „Viele der Arbeiten hier“, so Vollmer, „lernt man in keiner Ausbildung. Dafür braucht man Begabung.“
Kein Herstellername fällt in den Hallen, fotografieren verboten. Hier entstanden schon die Prototypen für das T-Modell der C-Klasse und die zivile Variante des US-Jeeps Hummer, mit denen Stars wie Arnold Schwarzenegger einkaufen fahren. Je nach Arbeitsanfall werden zwischen einer und drei Schichten am Tag gefahren, und das, wenn es sein muss, auch mal sieben Tage in der Woche.
Da will Michael Dietzel erst noch hin. Der junge Chef des 2-Personen-Unternehmens Turbocom AG mit Sitz im Gründerzentrum will sich auf der Basis eines Patents für gasgedichtete Gleitringdichtungen als Zulieferer der Automobil- und der Turbinenhersteller etablieren. Gasgedichtete Gleitringdichtungen etwa für Turbolader sind dichter und haltbarer als die traditionellen ölgeschmierten Dichtungen. Einen asiatischen Investor hat er schon, der auch die ersten Aufträge mitbringt: Turbocom wird die Dichtungseinheiten für Kompressoren von Pipelines im asiatischen Raum liefern.
Dieser Mix aus jungen und etablierten innovativen Firmen hat dazu beigetragen, dass Eisenach sogar eine positive Zuwanderungsbilanz hat. „Wir fallen“, so OB Schneider stolz, „nicht ganz in das Schema Ost.“ W. MOCK

Autostadt Eisenach
Eisenach ist ein Kulturkleinod in Deutschland. Viele große Namen von Luther über Bach bis Goethe und dem Physiker und Sozialreformer Ernst Abbe verbinden sich mit der 45 000-Einwohner-Stadt. Ende der 20er Jahre begann mit BMW Eisenachs Aufstieg zur Autostadt. 1981 wurde dort der 1 000 000ste Pkw „Wartburg“ ausgeliefert. Zu den vielen deutschen Unternehmen, die sich nach 1990 im Umfeld von Opel Eisenach ansiedelten, kommen auch 30 ausländische. Mit ihrer Politik, sich zur „Autostadt“ der neuen Länder zu entwickeln, hat die Stadt bisher Erfolg: Die Arbeitslosenquote von derzeit 11,8 % liegt deutlich unter der Quote des gesamten Arbeitsamtsbezirks Gotha (13,7 %), zu dem Eisenach gehört, und unter der von Thüringen (15,5 % im August). Von 1000 Beschäftigten arbeiten 133 in der Industrie – bundesweit sind es nur 86. moc

Bisher erschienen:
Neumarkt in der Oberpfalz (Nr. 25, 21. 6. 02);
Saarbrücken (Nr. 26, 28. 6. 02)
Die Region um Kiel (Nr. 27, 5. 7. 02);
Luckenwalde (Nr. 29, 19. 7. 02);
Greifswald (Nr. 30, 26. 7. 02);
Aurich (Nr. 31, 2. 8. 02);
Minden-Lübbecke (Nr. 32, 9. 8. 02)
Melsungen (Nr. 33, 16. 8. 02);
Künzelsau (Nr. 35, 30.8. 02)
Montabaur (Nr. 36, 6. 9. 02).

Von Mock
Von Mock

Stellenangebote im Bereich Fahrzeugtechnik

Zurich Gruppe Deutschland-Firmenlogo
Zurich Gruppe Deutschland Risk Engineer (m/w/d) Haftpflicht für unsere Industriekunden Frankfurt am Main
Berufsgenossenschaft Verkehrswirtschaft Post-Logistik Telekommunikation-Firmenlogo
Berufsgenossenschaft Verkehrswirtschaft Post-Logistik Telekommunikation Ingenieur*in (m/divers/w) für den Bereich Unfallanalyse Berlin
RUETZ SYSTEM SOLUTIONS GmbH-Firmenlogo
RUETZ SYSTEM SOLUTIONS GmbH Testingenieur / Engineeringconsultant (m/w/d) Systemintegration Car Infotainment, Fahrerassistenz und Telematik Systeme München
TÜV SÜD Gruppe-Firmenlogo
TÜV SÜD Gruppe Kfz-Prüfingenieur zur Qualifikation zum Sachverständigen (w/m/d) Öhringen
TÜV SÜD Gruppe-Firmenlogo
TÜV SÜD Gruppe Kfz-Prüfingenieur zur Qualifikation zum Sachverständigen (w/m/d) Vaihingen an der Enz
TÜV SÜD Gruppe-Firmenlogo
TÜV SÜD Gruppe Kfz-Prüfingenieur zur Qualifikation zum Sachverständigen (w/m/d) Crailsheim
TÜV SÜD Gruppe-Firmenlogo
TÜV SÜD Gruppe Kfz-Prüfingenieur zur Qualifikation zum Sachverständigen (w/m/d) Schwäbisch Hall
Eisenbahn-Bundesamt-Firmenlogo
Eisenbahn-Bundesamt Ingenieurin / Ingenieur oder Physikerin / Physiker (Uni-Diplom/Master) als Wissenschaftliche Referentin / Wissenschaftlicher Referent (m/w/d) für Schallschutz / Erschütterungsschutz Bonn, Dresden
PASS GmbH & Co. KG-Firmenlogo
PASS GmbH & Co. KG Produktmanager (m/w/d) Automotive – Bereich Entwicklung Schwelm
Presswerk Krefeld GmbH & Co. KG-Firmenlogo
Presswerk Krefeld GmbH & Co. KG Konstrukteur Kaltmassivumformung (m/w/d) Krefeld

Alle Fahrzeugtechnik Jobs

Top 5 Fahrzeugba…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.