Automobilbau 11.10.2002, 18:22 Uhr

Neun „Leipziger Thesen“ zum Automobilstandort Deutschland

Der weltweite Umsatz der Automobilzulieferer soll bis 2010 um fast 75 % steigen. Die Teilelieferanten und Ausrüster entwickeln sich damit zur „Jobmaschine“. Für den Automobilstandort Deutschland, und insbesondere für die neuen Bundesländer ergeben sich daraus neue Herausforderungen, wenn sie an diesem Wachstum teilhaben wollen.

Automobilstandort? Deutschland“ heißt eine Gemeinschaftsstudie, die am 8. Oktober in Leipzig präsentiert wurde. Sie soll Aufschluss darüber geben, wie attraktiv die heimische Automobil- und Zulieferindustrie ist, welche Wachstumsmuster die deutsche Branche erwarten kann und welche Rolle die neuen EU-Beitrittsländer im Osten spielen werden. In der Studie haben das Center of Automotive Research (CAR) der FH Gelsenkirchen, PricewaterhouseCoopers (PwC), der Verband der Automobilindustrie (VDA) und die Stadt Leipzig versucht, Perspektiven für den Automobil-Standort Deutschland aufzuzeigen.
Die Studie bewertete wesentliche ökonomische Kenndaten Deutschlands, beispielsweise steuerliche Rahmenbedingungen, Subventionen, Fördermöglichkeiten und Arbeitskosten, und stellt sie den Vergleichszahlen der anderen europäischen Staaten gegenüber. Dieser objektive Datenvergleich erlaubt, die Qualität des Automobil-Standorts Deutschland zu überprüfen und die Einschätzungen von Top-Entscheidern der Auto- und Zulieferindustrie zu beurteilen, hieß es. Das Ergebnis der Studie wurde zu neun „Leipziger Thesen“ zusammengefasst:
Die Automobil-Zulieferindustrie ist eine Branche mit hohem Wachstumspotenzial: Die weltweite Zulieferindustrie entwickelt sich in der nächsten Dekade zu einer der bedeutendsten Wachstumsbranchen. Deshalb werden die Zulieferer zur Jobmaschine. Für die west- und osteuropäischen Länder wird es gleichermaßen interessant, am Wachstum der Zulieferer teilzuhaben.
Die weltweite Spitzenstellung der deutschen Automobilindustrie muss genutzt werden: Die Autoindustrie ist eine der wenigen Branchen, in denen deutsche Unternehmen weltweit Technologieführer sind. Somit bestehen gute Voraussetzungen für Deutschland, vom Wachstum der weltweiten Automobil-Zulieferindustrie zu profitieren.
Die Lösung des deutschen Arbeitsmarkt-Paradoxes ist durch ein neues Bildungssystem anzustreben: Der „hohe Fachkräftemangel in der Zulieferindustrie bei gleichzeitig hoher Arbeitslosigkeit“ blockiert das Zulieferwachstum hier zu Lande erheblich. Damit steigt das Risiko, dass das Zulieferwachstum an Deutschland „vorbeiwandert“.
Eine Gewerbesteuerreform würde die Position Deutschlands verbessern: Um den heimischen Standort für die Neuansiedlung attraktiv zu gestalten, wird eine Gewerbesteuerreform immer notwendiger. Die doppelte Besteuerung der Unternehmenserträge mit Körperschaft- und Gewerbesteuer führt zu einem deutlichen Wettbewerbsnachteil.
Die EU-Osterweiterung verlangt eine neue EU-Förderpolitik: Viele Zulieferunternehmen haben sich in den vergangenen Jahren mit neuen Standorten in den EU-Osterweiterungs-Staaten engagiert. Das wichtigste Motiv hierfür sind Standortvorteile wie niedrige Arbeitskosten. Eine EU-Förderpolitik nach dem Beitritt dieser Staaten, die sich an heutigen Förder- und Subventionsrichtlinien orientiert, wird die Attraktivität dieser Standorte deutlich erhöhen und damit die neuen Bundesländer in ihrem Wachstum erheblich beeinträchtigen.
Die Lebensqualität in den neuen Bundesländern muss weiter gesteigert werden: Die neuen Bundesländer haben in den vergangenen Jahren viel erreicht. Trotzdem haben die Entscheidungsträger immer noch Vorbehalte gegenüber den neuen Bundesländern in puncto Lebensqualität, soziales Umfeld und gesellschaftliche Attraktivität.
Neue Autowerke sind „Gravitationsfelder“ für Zulieferer: Mit der Ansiedlung von BMW, DaimlerChrysler, Opel, Porsche und VW in Sachsen und Thüringen sind wichtige Voraussetzungen geschaffen worden, um Zulieferer in die neuen Bundesländer zu ziehen.
Die Fahrzeugelektronik ist ein Aufbauschwerpunkt: Das größte Wachstumspotenzial im Autogeschäft liegt auf dem Gebiet der Elektronik. Der Wertanteil der Elektrik-Elektronik-Systeme an den Herstellungskosten der Fahrzeuge wird sich von heute 25 % auf 40 % im Jahr 2010 erhöhen. Damit wird der Umsatz der Elektronikanbieter um deutlich mehr als 100 % innerhalb der nächsten zehn Jahren steigen. Der Aufbau einer weltweiten Fahrzeugelektronik-Kompetenz rund um Leipzig ist dabei eine langfristige Struktur-Investition mit hoher gesellschaftlicher Rendite.
Die Ansiedlung von Zulieferern verspricht einen langfristigen Beschäftigungseffekt: Gelingt es, mit einem attraktiven Standort-Mix die Wachstumsbranche der Automobilzulieferer in die neuen Bundesländer zu „lenken“, entsteht ein langfristig stabiler Beschäftigungseffekt. Automobilzulieferer unterscheiden sich damit erheblich von Internet-Unternehmen oder Bio-Technologie-Firmen, die gern als Beispiel für Zukunftsbranchen herangezogen werden. Im Gegensatz zu diesen Unternehmen haben Automobilzulieferer (die „Old Economy“) klare Produkt-Portfolios und bleiben meist über 20 Jahre an ihren Standorten aktiv.
ULRICH GÜNTHER/WOP
In etwa vier Wochen soll die Studie „Automobilstandort Deutschland“ über den VDA für rund 50 d zu beziehen sein: Tel: 069 / 975070 E-Mail: info@vda.de

Ein Beitrag von:

  • Ulrich Günther

  • Wolfgang Pester

    Ressortleiter Infrastruktur bei VDI nachrichten. Fachthemen: Automobile, Eisenbahn, Luft- und Raumfahrt.

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