Fahrzeugbau 29.07.2011, 12:08 Uhr

„Leichtbau braucht ganzheitliche Ansätze“

Seit Jahren engagiert sich Rainer Kurek für das Thema Leichtbau im Automobil. Dabei geht es ihm nicht nur um neue Werkstoffe, sondern um ein vollkommen neues Gesamtfahrzeugkonzept. Erschienen seine Ideen in der Branche zunächst kaum umsetzbar, wird der Münchener Ingenieur und Berater inzwischen zum Impulsgeber für die großen Hersteller.

Die Begeisterung für seine Sache ist nicht zu übersehen. Wenn der Maschinenbauingenieur und Technologieberater Rainer Kurek über Leichtbau in der Karosserie doziert, ist er kaum zu bremsen. Kurek brennt für dieses Thema, und das bereits seit vielen Jahren. Schon als kleiner Junge schaute er seinem Vater Heinz Kurek in der hauseigenen Werkstatt zu und war ganz nah dabei, als dieser eigene Leichtbaufahrzeuge entwickelte und realisierte. Dabei ging es den beiden Automobilfans um weit mehr als nur das Schrauben und Tüfteln.

„Mein Vater und später auch ich arbeiten an diesem Thema vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Verantwortung“, erklärt Kurek. „Es geht nicht nur um eine Reduzierung der Schadstoffemissionen, sondern vor allem darum, dass die verfügbaren Ressourcen immer knapper werden und irgendwann zu Ende gehen.“ Das größte Potenzial zur wirksamen Energieeinsparung bei kommenden Fahrzeuggenerationen liege im Karosserieleichtbau. Es brauche, so sagt er, „ein Gesamtfahrzeugkonzept, über sämtliche Bauteile und Module hinweg.“ Und das nicht nur mithilfe eines ultraleichten Materialmixes, sondern mit einem völlig neuen Leichtbaukonzept. Der 44-Jährige weiß allerdings auch, dass dies eine „komplette Umstellung der heutigen Strategien, Strukturen und Prozesse erfordert.“ Alternative Fahrzeugkonzepte, so der Entwickler, würden bislang nur in Nischen wie im Sportwagensegment oder in der Ober- und Luxusklasse umgesetzt.

Leichtbau in der Autoindustrie noch viel zu selten

Lange Zeit galt Kurek, Geschäftsführer des Münchner Entwicklungs- und Beratungsunternehmens MVI Group, mit diesem Ansatz als Exot in der Branche. „Ganzheitlicher Leichtbau“, so sagt er auch heute, „findet in der Autoindustrie noch immer viel zu selten statt.“ Doch inzwischen sei das Thema auf Entscheiderebene angekommen, so Kurek, den Medien in der Vergangenheit als Gegner der Carbonpläne von BMW dargestellt haben, der aber auch Parallelen zu den BMW-Entwicklungszielen sieht. Auch er denkt an das Ende der selbsttragenden Karosserie, in Richtung
intelligente, eigenständige Rahmenstrukturen mit großen Querschnitten und leichtem Karosserieaufbau. BMW nenne das Life-Drive-Konzept.

Kurek plädiert dafür, dass Leichtbau im Massenmarkt für den Endkunden bezahlbar bleiben müsse. Er sieht 30 % bis 40 % weniger Gesamtgewicht als realistisch an, wenn nicht nur am Werkstoff, sondern am Konzept entwickelt wird. „Am Ende ist es für die Energieeinsparung entscheidend, möglichst wenig Masse zu bewegen“, so der Experte. Dies sei durchaus mit traditionellen Materialien wie Stahl und Aluminium möglich. Bislang aber werde der Leichtbau nur auf Bauteil- oder Komponentenebene angewendet. Doch ein paar leichtere Kabel oder Verbundglasscheiben helfen nicht, „die Gewichtsspirale zu durchbrechen“. Laut Kurek „verstelle der aktuelle Hype um alternative Antriebe“ den Blick darauf, dass die Autos über Jahrzehnte hinweg zu schwer geworden seien.

Wer diesen eher wissenschaftlichen Ausführungen zuhört, könnte den Dozenten, Buchautoren und Gründer der eigenen Beratungsfirma Automotive Management Consulting für jemanden halten, der aus der Ferne stets alles besser weiß. Aber der gebürtige Münchner sagt über sich selbst: „Ich mache immer Dinge, die man anfassen kann – nicht in der Theorie, sondern vor allem in der Praxis. Es geht mir um die Umsetzung, nicht um Hochglanzbroschüren.“

Rainer Kurek: Pionier in Sachen Leichtbau für Fahrzeuge

Ein Blick auf die Vita stützt diese Aussage. „Ich hatte meine Hände ganz tief im Öl“, erinnert sich Rainer Kurek zum Beispiel an seine Ausbildung als Kraftfahrzeug- und Panzerschlosser bei der Bundeswehr. Und mit seinem Vater, mit dem er unzählige Tage an Rennstrecken verbrachte, baute er in den vergangenen Jahren eigene Mittelmotorfahrzeuge. Entstanden ist die Reihe „Kurek GT“. Gerade wird das Konzept für Nummer acht entwickelt, „daran arbeiten 75 Unternehmungen weltweit mit“, berichtet der Technikbegeisterte, der sich selbst selten mehr als vier bis fünf Stunden Schlaf in der Nacht gönnt und an rund 200 Tagen im Jahr an den MVI-Standorten in Brasilien, England oder Spanien verbringt. Der Kurek GT8, wie seine Vorgänger eine „technische Machbarkeitsstudie“, soll weniger als 700 kg wiegen und zeigen, dass mit einem intelligenten Konzept selbst ehrgeizige Gewichts- und Verbrauchsziele erreicht werden können. Kurek ist davon überzeugt, dass „Radikal-Innovationen mehr denn je zum zentralen Erfolgsfaktor in der Automobilbranche werden.“ Denn sie seien der einzige Ausweg aus gesättigten Märkten.

Wie dieser Weg funktionieren könnte, dafür interessieren sich nach Aussage von Kurek immer mehr große Automobilhersteller. Und Kurek weiß aus seiner langjährigen Erfahrung in der Industrie, wie die wichtigen Anbieter denken.

„Die MVI Group berät heute die Automobilhersteller dabei, großvolumige Projekte und fahrzeugübergreifende Prozesse effektiver und effizienter zu gestalten“, erklärt Kurek. Das Unternehmen ging aus dem Entwicklungsdienstleister IVM Automotive hervor, der 2002 veräußert und von Kurek auf neue Füße gestellt wurde. Der Bergsteiger ist stolz darauf, dass die MVI Group zu einem Prozess-Integrator, „einer Boutique“ geworden ist. Auf der Kundenliste stünden heute 90 % Erstausrüster (OEMs), also das „Who is Who“ der Branche, so Kurek. Dass er und seine Mitarbeiter so umfangreiche Projekte übernehmen können, liegt nicht zuletzt an der Managementkompetenz, die sich Kurek in den letzten Jahren aufgebaut hat. Schon früh erkannte er, dass immer mehr Ingenieure zu Projektmanagern werden und oft von heute auf morgen große Teams anleiten müssen. „Um große Teams zu führen, braucht man aber methodisches Know-how, das heißt, Wissen um die Grundsätze wirksamer Führung.“ Dieses Wissen wollte er sich aneignen und hat in St. Gallen einen seiner wichtigsten Mentoren gefunden, Professor Fredmund Malik. Dieser weckte Kureks wissenschaftliche Ader. „Ich habe die St. Galler Managementmethoden auf die Automobilindustrie angewendet“, erklärt Kurek, der heute an der FH Steyr lehrt, rückblickend.

Rainer Kurek glaubt an den Erfolg der Mission Leichtbau

Als Bergsteiger hat Rainer Kurek bereits verschiedene Viertausender bezwungen, auch hier kommt es beim Aufstieg auf jedes Gramm Gewicht an. Bei vielen Projekten bewies er einen langen Atem. Es ist kaum zu erwarten, dass er sich durch Rückschläge jeglicher Art von seiner Mission Leichtbau abbringen lässt. 
                         

Von Simone Fasse/Dietmar Kippels

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