Design 15.01.1999, 17:20 Uhr

Karosserie-Design zwischen gestern und morgen

Draußen klirrende Kälte, Schnee und Eis, drinnen heiße Fusions-Gerüchte, Chrom- und Lackglanz – die Detroit Motor Show eröffnet das neue Autojahr. Deutsche Marken setzen Akzente und amerikanisches Retro-Design feiert Urständ.

Auf den Straßen von Michigan, USA, kämpft man mit Eis und Schnee. Im „Cobo Center“ der North American International Auto Show in Detroit kocht die Gerüchte-Küche: Fiat mit Volvo, Ford oder gar VW mit BMW werden als Fusionspartner gehandelt. Abgesehen von Ford und Volvo wird fast so schnell dementiert, wie die Kolportagen gehandelt werden. Aber nicht die möglichen und unmöglichen Zusammenschlüsse sind das Thema auf dieser großen nordamerikanischen Messe vom 9. bis 18. Januar, sondern die neuen Modelle und Studien.
Die augenfällige Präsenz der deutschen Hersteller hält an. Auch auf der Auto-Show in Detroit geben sie unter den Importeuren wieder einmal den Ton an und machen Schlagzeilen. Volkswagen, dessen New Beetle dort im letzten Jahr Premiere feierte, stellte den mit 2,8-l-V6-Bi-Turbomotor (350 PS) und Allradantrieb aufgemotzten neuen Käfer mit großem Heckspoiler als RSi-Studie zu den neuen Modellen Golf und Bora ins Rampenlicht. Konzerntochter Audi startet anläßlich der Ausstellung die Einführung des zweisitzigen Sportcoupés TT auf dem amerikanischen Markt.
Bei Porsche dominiert der neue 911 Carrera 4 mit permanentem Allradantrieb. BMW rollt den lange erwarteten geländegängigen X5 auf den Messestand, der ab Herbst bei den Händlern stehen soll. Im Köcher von DaimlerChrysler stecken gleich mehrere Pfeile: Neben der in den USA erstmals gezeigten neuen S-Klasse von Mercedes sorgt die Studie SLR für Aufsehen – ein Schwenktüren-Coupé, das an den 300 SL mit Flügeltüren erinnern soll. Konzernmarke Chrysler läßt zudem den Dakota-Pickup und den kompakten Mittelkläßler Neon debütieren.
Nicht allein die insgesamt 60 Neuheiten sollen bis zum 18. Januar die Aufmerksamkeit der ohne Chaos-Wintereinbruch erwarteten rund 800 000 Messebesucher gewinnen, sondern auch die zahlreichen Konzeptmodelle, die zum Teil im „Retro-Look“ aufgetischt werden. So knüpfen Ford und General Motors (GM) mit den Concept-Cars Thunderbird bzw. Chevrolet Impala an die Bestseller der 60er und 70er Jahre an, die jetzt in modernen Versionen wieder auferstehen sollen. War es doch im letzten Jahr VW, die mit dem Käfer-Revival Kundenwünsche traf lange Bestellfristen und vielfältige Auszeichnungen belohnen das mutige Retro-Design.
Zunehmend an Fahrt gewinnen auch die hybridgetriebenen Fahrzeuge. Sie verlassen ihre frühere Außenseiterposition im Messeangebot bzw. führen kein belächeltes Schattendasein mehr. Toyota beispielsweise macht mit dem RAV-4 und dem Prius vor, wie alltagstauglich Hybridfahrzeuge inzwischen geworden sind.
Mit Concept-Cars wollen die Hersteller wesentliche Hinweise auf die Design- und Technikentwicklung von morgen geben. In Detroit präsentiert werden das Hybridmodell Chrysler Citadel, ein Jeep mit Brennstoffzellenantrieb, der Truck von Dodge Power Wagon und der Charger R/T, die moderne Version eines Muscle Cars.
Weltpremiere hat zudem der 2001 Chrysler PT Cruiser, der ab 2000 in den Verkauf kommen soll. Er ist kompakter als ein Minivan, seine Karosserie bietet aber sehr viel Platz und Flexibilität. Mit ihm will Chrysler die schnelle Umsetzung der Studien Pronto und Pronto Cruiser in die Serie dokumentieren. Man fragt sich allerdings, ob bei soviel Eifer bei der Entwicklung von ausgefallenen Concept-Cars ein Großserienmodell wie der neue Neon so hausbacken ausfallen muß.
Einen Fingerzeig in Richtung Automobilzukunft in den USA geben zweifellos das Hybridfahrzeug Citadel sowie der Jeep mit Brennstoffzelle von Chrysler. Der Citadel ist mit dem 300M verwandt und eine Mischung aus sportlicher Limousine und allradgetriebenem Freizeitfahrzeug. Die Hecktür ist unter dem Wagenboden versenkbar, seitlich gibt es elektrische Schiebetüren. Den Antrieb lösen die Amerikaner auf ihre Weise: ein 173-kW-V6-Motor mit 3,5 l Hubraum treibt die Hinterräder an, an der Vorderachse befinden sich Elektromotoren mit weitern 51 kW (70 PS).
Im Jeep Commander arbeitet zur Zeit noch ein Benzin-Brennstoffzellenantrieb, der im Laufe des Jahres auf Methanolbasis umgerüstet werden soll. Damit kommt eine Weiterentwicklung des Antriebs zum Einsatz, den Daimler-Benz letztes Jahr im Necar 3, einer modifizierten A-Klasse, präsentierte. Das System soll dann um Batterien ergänzt werden, um unter anderem die Leistung zu steigern und die beim Bremsen zurückgewonnene Energie zu speichern. Die Karosserie des Jeeps besteht aus kohlenstoffaserverstärktem Kunststoff (CFK), um das hohe Gewicht auf 2,26 t zu senken allein der Brennstoffzellenantrieb wiegt knapp 1 t, rund 450 kg mehr als herkömmliche Antriebe.
Mit dem kraftvollen Sportcoupé Charger R/T präsentiert Chrysler einen Technologieträger, der gleichzeitig an alte Zeiten erinnert. Unter der langen Motorhaube arbeitet ein 4,7-l-V8-Kompressormotor, der, mit verdichtetem Erdgas betrieben, 239 kW (325 PS) leistet. Ein neuartiger Erdgastank soll, ohne mehr Platz zu beanspruchen, zukünftig Reichweiten von fast 500 km mit einer Füllung ermöglichen.
Durch einen außergewöhnlichen Dieselmotor fällt die Truck-Studie Power Wagon von Chrysler aus dem Rahmen. Der Reihensechszylinder verfügt über 7,2 l Hubraum, Direkteinspritzung und Turbolader. Getankt wird ein von der Syntroleum Corp. entwickelter schwefelfreier „Designer“-Dieselkraftstoff.
Noch mehr Luxus in der Klasse der „Sports Activity-Fahrzeuge“ verspricht der bärenstarke Mercedes ML 55 AMG, der erstmals in Detroit gezeigt wird. Damit hat er dem fast zeitgleich enthüllten Off-Roader X5 von BMW zumindest Power und Exklusivität voraus. Weitere Gemeinsamkeiten sind allerdings unübersehbar. Beide verkörpern eine Mischung aus Pkw und Geländewagen. Und beide werden in den USA gebaut, die Mercedes M-Klasse in Tuscalosa, der BMW X5 in Spartanburg.
Mit dem Topmodell wollen die Stuttgarter zweifellos das Entwicklungspotential ihrer M-Klasse unter Beweis stellen. Das fängt beim Achtzylindermotor an: Der in der S-Klasse verwendete 5,0-l-V8 wird modifiziert, d.h. auf 5,5 l Hubraum vergrößert und auf das bullige Drehmoment von maximal 520 Nm angehoben – es steht ab 3500 Touren zur Verfügung.
Vor einem Jahr trafen sich Daimler-Chef Schrempp und Chrysler-Boss Eaton am Rande der Motorshow in Detroit. Dieses Jahr wollten sie am Ort ihrer ersten Kontaktgespräche ganz groß auftrumpfen. Schließlich stieg DaimlerChrysler nach der Fusion zum drittgrößten Autokonzern der Welt auf. Dem Amerikaner und dem Deutschen sowie rund 50 weiteren Autoherstellern verhagelte jedoch das Wetter fast den Auftritt an den Pressetagen: Von rund 6000 anreisenden Journalisten, Fotografen und TV-Teams blieben die meisten im Schneesturm hängen. Viele davon nach langen Flügen über den Atlantik oder den Pazifik. Zwei Tage ging praktisch kein Flug mehr in den Nordosten der USA.
Für Medienvertreter und Aussteller ist das gleichermaßen ärgerlich. Wäre die Messe in der Autostadt Detroit eine kleine regionale Veranstaltung wie in ihren Anfängen – kaum einer würde sich aufregen. Doch wenn man größeren Ansprüchen genügen will, muß man mit den Unbilden der Natur im hohen Norden rechnen. Kommt eine Standortverlegung nicht in Frage, dann hilft nur die Verlegung in eine moderate Jahreszeit. Sonst dürfte aus der Nordamerikanischen „Internationalen“ Auto-Show bald wieder ein Provinzereignis werden.
INGO REUSS

Ein Beitrag von:

  • Ingo Reuss

    Der Autor Ingo Reuss ist Motorjournalist. Er ist seit vielen Jahren für große Tages- und Wochenzeitungen sowie Fachmagazine tätig.

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