Automobilindustrie 29.04.2011, 19:53 Uhr

Kanadischer Zuliefermarkt wird europäischer

„Ontario ist und bleibt der führende Automobilstandort Nordamerikas“, sagte Sandra Pupatello, Ontarios Ministerin für wirtschaftliche Entwicklung und Handel, im Gespräch mit den VDI nachrichten. Obwohl die globale Wirtschaftskrise auch die kanadische Kernprovinz hart getroffen hat, ist die dortige Automobilindustrie laut Pupatello gut aufgestellt und für die Zukunft gerüstet. Auch deutsche Zulieferer hätten gute Chancen am Standort Ontario erfolgreich mitzumischen.

VDI nachrichten: Die Autoindustrie ist sehr wichtig für Ontarios Wirtschaft. Wie ist die aktuelle Situation der Branche, die von der Weltwirtschaftskrise hart getroffen wurde?

Pupatello: Ontario und seine Autoindustrie befinden sich in einem konstanten Entwicklungsprozess. Zweifellos waren die vergangenen Jahre hart für unsere Autoindustrie und ihre Beschäftigten. Provinzregierung und kanadische Bundesregierung haben deshalb rechtzeitig die Maßnahmen eingeleitet, damit unsere Autoindustrie überlebens- und zukunftsfähig bleibt. Die Branche hat sich wieder erholt und es zeichnen sich positive Ergebnisse ab, z. B. steigen die Verkaufszahlen seit 2010 wieder. Ontario bleibt also eine treibende Kraft und behauptet seine Position als führender Automobilbaustandort in ganz Amerika …

… können Sie das veranschaulichen?

Natürlich! Beispielsweise an der General Motors of Canada Ltd. (GMCL). 2009 reagierte unsere Regierung rasch und entschlossen, als es darum ging, GMCL in einer sehr schwierigen Phase zu unterstützen. Mit Erfolg, denn mittlerweile steigert GMCL die Produktion in seinen Werken in Oshawa und Ingersoll und hat die letzte Darlehensrate viel früher an die Provinz zurückgezahlt als geplant. Der Autosektor ist lebensnotwendig für Ontarios Wirtschaft, deshalb sind die jüngsten Produktionsmeldungen und positiven Prognosen der Autohersteller ermutigend.

Wie erklären Sie die Gründe für diese positive Entwicklung?

Dafür gibt es viele verschiedene Ursachen. Beispielsweise hat die Provinzregierung zielgerichtet in Gemeinden investiert, die am stärksten von der Rezession betroffen waren. Gleichzeitig hat sie die umfangreichste Steuerreform ihrer Geschichte in Angriff genommen. Das beinhaltete z. B. das Auslaufenlassen der Kapitalsteuer für Investitionen. Zudem erleichtern wir Unternehmen weitere Investitionen in Maschinen und Anlagen, mit denen sich die Produktivität steigern lässt …

… in welcher Art und Weise?

Die Unternehmen können diese Maschinen und Anlagen innerhalb von zwei bis drei Jahren abschreiben. Außerdem wurde zum 5. März 2010 die überwiegende Mehrheit der Importzölle für Maschinen und Anlagen abgeschafft. Darüber hinaus wurde im Zuge der Unternehmenssteuer-Erleichterungen und der Entwicklung hin zu einer einheitlichen Mehrwertsteuer die Steuer auf gewerbliche Investitionen in Ontario um etwa die Hälfte reduziert.

Gibt es weitere Wettbewerbsvorteile für Investoren?

Ja, wie die niedrigen Körperschaftssteuersätze – 25 % ab dem 1. Januar 2012 – und Lohnnebenkosten in Ontario. Anders als etwa in Deutschland gibt es in Ontario keine zusätzliche Gewerbeertragssteuer. Und im Vergleich zu anderen Regionen sind die Wettbewerbskosten in Ontario niedrig, beispielsweise die Krankenversicherungsbeiträge, wo der maximale Beitrag für Arbeitgeber in Ontario 1,95 % beträgt. Nicht zuletzt profitieren Investoren von der hohen Arbeitsproduktivität, niedrigen Fluktuationsraten und vom geringen Krankenstand.

Wirtschaftsgeografie ist ein Schlüsselfaktor bei der Standortwahl von von Unternehmen. Was kann Ontario Unternehmen diesbezüglich bieten?

Unsere Provinz bietet OEMs und Zulieferern jegliche Infrastruktur, wobei wir allerdings unter Infrastruktur wesentlich mehr verstehen als nur Straßen, Schienennetze oder Stromversorgung. Im Gegensatz zu anderen Regionen bietet Ontario auch Ausbildungsstätten sowie Forschungs- und Entwicklungszentren und kümmert sich nachhaltig um Bildungsinhalte. Die Regierung von Ontario hat einen Großteil der notwendigen Investitionen bereits getätigt, von Investoren ist das ein sehr geschätzter Vorteil.

Was verstehen Sie konkret unter der bereits angesprochenen Forschung und Entwicklung sowie Bildung?

Es gibt in Ontario acht Forschungs- und Entwicklungszentren für den Automobilsektor. Bildung spielt eine enorm wichtige Rolle in Ontario, deshalb können wir Firmen hoch qualifizierte Arbeitskräfte mit einem breit gefächerten Fachwissen bieten – etwa im Bereich der Konzeption, Entwicklung und Produktion von Antriebselementen, -komponenten und -systemen …

… und wie wird ausgebildet?

Seit es enge Partnerschaften mit Universitäten, Colleges und Berufsschulen gibt, hat sich die Ausbildung von Fachkräften für den Automobilsektor noch weiter verbessert als zuvor. Diese Kooperationen bieten speziell auf den Automobilsektor zugeschnittene Programme in Konstruktion, Bearbeitung, Werkzeugherstellung sowie Fertigung und Schweißtechnik, ganz abgesehen von Spitzentechnologien wie Robotertechnik.

Gibt es Beispiele für aktuelle Investitionen und Entwicklungen?

Brose Automotive in London, Ontario, will mit 20 Mio. C$ expandieren. Die dortige Niederlassung hat sich für deutsche Autohersteller zum federführenden Standort in ganz Nordamerika und zum Zentrum für fortschrittliche Fertigungstechnologie entwickelt. Brose stellt Sitzsystemteile her, die früher in Deutschland produziert worden ist …

… und andere?

Die Chrysler Group LLC. Sie gab bekannt, mehr als 27 Mio. C$ in ihre Gussfabrik in Toronto zu investieren, in der Vorder- und Hinterachsträger hergestellt werden. Mithilfe der Investition lassen sich 280 Arbeitsplätze sichern und die Schließung des Werks verhindern.

Ich möchte aber auch noch Toyota erwähnen: Wir sind besonders stolz darauf, dass es jetzt in Woodstock, Ontario ein neues Toyota-Werk gibt, in dem der RAV4 gebaut wird. Seit März dieses Jahres wird dort sogar in zwei Schichten gearbeitet. Daneben betreibt Toyota bereits seit vielen Jahren zwei Werke in Cambridge, Ontario – dem einzigen Standort außerhalb Japans, an dem Lexus-Modelle hergestellt werden.

Nimmt man alle drei Werke in Woodstock und Cambridge zusammen, beschäftigt Toyota insgesamt 6500 Mitarbeiter in Ontario. Das lässt auf die hohen Qualitätsstandards in der Produktion schließen. Ferner kann Ontario aber auch mit einer starken eigenen Zulieferindustrie aufwarten – nehmen Sie etwa Magna mit Hauptsitz in Aurora, dem am stärksten diversifizierten Automobilzulieferer weltweit. Oder, als weiteres gutes Beispiel, Kanadas zweitgrößter Zulieferer Linamar in Guelph.

Sie erwähnten Brose. Gibt es darüber hinaus enge Bande zwischen Ontario und deutschen Zulieferern?

Auf jeden Fall – mehr als 40 deutsche Zulieferer haben eine Produktionsstätte in Ontario. Dazu gehören auch namhafte Unternehmen wie BASF, Benteler, Continental, ElringKlinger, Keiper, Mahle und Progress-Werk Oberkirch (PWO). Von Ontario aus beliefern sie nicht nur den kanadischen, sondern vor allem auch den US-amerikanischen Markt. Ebenso gibt es zahlreiche Kooperationen zwischen kanadischen und deutschen Zulieferern.

Gibt es binationale wissenschaftliche Zusammenarbeit?

Es besteht im akademischen Bereich eine enge Zusammenarbeit. So haben die University of Western Ontario (UWO) in London (Ontario) und das deutsche Fraunhofer-Institut in Karlsruhe eine Absichtserklärung unterzeichnet, dass das geplante International Composites Research Centre (ICRC) seinen Sitz am UWO-Standort haben wird. R. KARIS

Von R. Karis

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