Automobilbau 11.12.2009, 19:44 Uhr

„In der Krise konzentriert man sich“  

Automobilzulieferer nutzen die Absatzflaute, um sich mit neuen Lösungen im Markt zu positionieren. Wie dabei vorgegangen wird und wie Kostenfallen vermieden werden, erläutern die Vorstandsmitglieder von Continental, Ralf Cramer für die Division Sicherheit und Helmut Matschi für die Division Interior. VDI nachrichten, Düsseldorf, 11. 12. 09, rb

Matschi: Das aktuelle Umfeld mit rückläufigen Umsatzzahlen führt dazu, sich viel stärker zu fokussieren. Das Thema Innovation muss noch zielgerichteter betrachtet werden. Wir müssen genau definieren, was wir entwickeln und warum. In der Krise konzentriert man sich.

Cramer: Unser Motto lautet: Weiter machen!

Bei innovativen Systemen für die Automobilbranche wird es immer schwerer zu differenzieren, von wem welche Entwicklung stammt. Die Automobilhersteller beanspruchen Innovationen gerne für sich. Stimmt das?

Cramer: Gegenüber den Wettbewerbern können wir uns schon differenzieren. Wir denken, dass wir da besser sind. Bei der Differenzierung unserer Kunden im Markt treten wir nicht in den Vordergrund. So etwas wie bei Computern „Intel inside“ wird es hier nicht geben, auch wenn „Conti inside“ gut klingen würde.

Wer stößt die Entwicklungen an?

Cramer: Entwicklungen verschmelzen immer mehr. Früher hat der Automobilhersteller ein Anforderungsheft abgeliefert, das dann abgearbeitet wurde. Heute fragen die Kunden uns, was die Käufer interessieren könnte. Das verstärkt sich und bindet entsprechend mehr Ressourcen. Wir haben dafür etwa 5000 Entwicklungsingenieure in der Division Chassis & Safety.

Wie sieht das genau aus?

Cramer: Nehmen wir das Beispiel elektrische Parkbremse. Wir müssen unsere Kunden überzeugen, warum das für ihre Kunden wiederum wichtig ist. Klassisches Marketing hilft uns da nicht weiter, wir müssen mit kundenwertigen Funktionen überzeugen, anstatt einfach ein Produkt abzuliefern. Das ist ein sehr fruchtbarer Prozess. Entsprechend dauern manche Entwicklungen länger, andere kürzer.

Das klingt sehr kostenintensiv!

Cramer: Natürlich müssen wir die Kosten mehr im Auge behalten, gerade in der Vorkonzeptphase. Da geht es auch um die Frage, wer das Risiko trägt. Schließlich müssen wir größtenteils komplette Funktionssysteme abliefern, um die Hersteller von neuen Technologien zu überzeugen. Das kann ein Bremssystem oder ein komplettes Sicherheitssystem mit entsprechenden Sensoren sein. Wichtig ist für uns Lieferanten, dass wir bei all diesen Arbeiten in unseren Kernbereichen noch wettbewerbsfähig bleiben.

Die Funktionen z.B. bei Assistenzsystemen nehmen zu, gleichzeitig sinken die Preise. Was bleibt da zum Geldverdienen?

Cramer: Die Spanne wird in der Tat immer geringer. Vor allem sollen Sicherheitssysteme ja für alle Fahrzeugklassen gelten. Das heißt, Systeme müssen „morgen oder übermorgen“ vom Gewicht, aber auch vom Preis her z. B. in den Dacia Logan passen. Als Technologieunternehmen müssen wir mindestens so viel verdienen, dass wir immer wieder in Neuentwicklungen investieren können.

Sieht das bei Ihnen anders aus, Herr Matschi? Schließlich konkurriert Ihr Bereich Interior mit völlig anderen Firmen.

Matschi: Die Palette unserer Wettbewerber ist groß: Da gehören auch Unternehmen wie Tomtom, Sony und LG dazu. Entscheidend ist, wir müssen einen Spagat machen zwischen langjährigen Anforderungen der Automobilindustrie und dem sechsmonatigen Innovationszyklus der Konsumelektronik.

Was sind da die treibenden Faktoren?

Cramer: Einerseits kommt das von der Marktsituation, also auch der Frage: Was kann ich mir leisten? Das ist auch aus der Krise entstanden. Da ist der Anspruch: Ich will ein günstiges Auto, aber kein minderwertiges. Vermutlich werden daher in den nächsten fünf Jahren Fahrzeuge zwischen 10 000 € und 20 000 € volumenseitig das relevanteste Segment der Welt sein. Der zweite Trend, aber in den nächsten Jahren noch nicht so bestimmend, werden sicher Elektroautos sein. Durch ihren geringen Marktanteil fallen sie jedoch noch wenig ins Gewicht.

Vor zwei Jahren haben Sie eine Lithium-Ionen-Batterie auf der IAA gezeigt. Wie ging es da weiter?

Cramer: Die produzieren wir inzwischen in Nürnberg. Die wird auch weiterentwickelt. Viel wesentlicher aber ist, dass wir nun Sicherheitskonzepte im Sinne der Elektromobilität entwickeln müssen. Das bedeutet, dass Sie z. B. die Bremssysteme überdenken müssen.

Denken Sie da an Energierückgewinnung beim Bremsen und ähnliches?

Cramer: Ja, denn Sie bremsen da ja vorzugsweise regenerativ über den Generator und müssen das mit anderen Bremssystemen mischen, um höhere Anforderungen wie Notbremsungen zu realisieren. Da kommen dann auch hydrauliklose Systeme in Frage. Denn spätestens, wenn wir von komplett elektrisch betriebenen Autos sprechen, wird dies sehr relevant. Das hat auch praktische Gründe, weil aktuelle Hydrauliksysteme eine Vakuumverstärkung haben, die vom Verbrennungsmotor durch Unterdruck bedient wird. Wir brauchen also neue Bremssysteme. Das können auch kabelgebundene Systeme sein. Man spricht auch von „brake by wire“.

Wie wichtig ist das Thema Integration generell für Continental, auch in Bezug auf die Produktkosten?

Cramer: Integration ist ein Riesenthema. Wir integrieren heute z. B. Sensoren, die bisher einzeln eingesetzt werden und über eigene Steuerungen verfügen. Seit dem Aufkommen von ESP wird das verstärkt betrieben. Wir integrieren die Sensoren beispielsweise in die Hauptelektronik und sparen so ein Gehäuse, Steckverbinder und eine zusätzliche Leiterplatte. Wir reduzieren damit die Kosten für die Systemfunktion, aber auch die Anzahl der Produkte und verbessern gleichzeitig die Qualität.

Sie arbeiten auch an Kamerasystemen zur Überwachung des Fahrzeugumfelds. Damit lässt sich sicher auch eine große Funktionsvielfalt abdecken?

Cramer: Es ist tatsächlich erstaunlich, was mit Kameratechnik möglich ist. Wir werden daher künftig standardisierte Kamerasysteme im Auto haben, die wir dann nur noch per Software anpassen. Die werden wir modularisiert aufbauen, damit wir je nach Bedarf unserer Kunden und der Automobilkäufer zusätzliche Funktionen nachträglich ergänzen können. Dazu kommt, dass die Hardwareentwicklungen in dem Bereich immer günstiger werden.

Kaufen Sie dann Module zu?

Cramer: Es ist ein Traum, die 1-€-Kamera mit CMOS-Chip da einzusetzen. Das geht aber nicht, weil die Anforderungen im Auto durch die Dynamik deutlich höher sind. Eher gibt es noch Synergien zur industriellen Bildverarbeitung. Da braucht man entsprechende Partner, um solche Lösungen umzusetzen.

Kameras bauen Sie aber nicht selbst?

Cramer: Doch, wir bauen auch die Kameras. Wir kaufen nur den Chip hinzu und bauen den Rest da herum. Das ist absolute Kernkompetenz. Das gilt auch für die Optik. Hier kaufen wir das Rohteil, aber spezifizieren es nach unseren Bedürfnissen. So etwas dürfen Sie nicht aus der Hand geben.

Innovationen in Ihren beiden Bereichen werden ja auch zunehmend in Software realisiert …

Matschi: Ja, z. B. dort, wo wir das Auto mit seiner Umwelt verbinden, steckt viel Software, Funkübertragung und vor allem System-Know-how von uns drin. Allerdings programmieren wir das Betriebssystem nicht selbst und auch nicht die Konsumelektronik – dort ist Microsoft unser Partner. Wir integrieren diese Software in unsere Produkte.

Lässt sich Software überhaupt anständig vermarkten?

Cramer: Das ist in der Tat schwierig. Viele denken: Software kostet nichts. Aber Sie können Bits und Bytes nicht einfach so auf den Tisch legen. Aber die Anerkennung steigt zunehmend. Viele Hersteller haben erkannt, wie aufwendig es ist, eigene Software herzustellen. Das überlässt man eher den Lieferanten. Damit sind auch unsere Entwicklungskosten in dem Bereich gestiegen. Wenn die Software in der Hardware steckt, lässt sich die Funktion schon ganz gut verkaufen. Software allein ist schwerer zu verkaufen.

Ich glaube z. B. nicht, dass es künftig reine Softwarefirmen in dem Bereich geben wird. Denn wenn Sie Software in fremde Hardware stecken, haben Sie ein Verantwortungsproblem. Das ist gerade bei sicherheitskritischen Systemen nicht zu unterschätzen.

Was ist darüber hinaus noch an Innovationen zu erwarten?

Matschi: Wir haben bereits jetzt Fahrzeuge mit zusätzlichen Features ausgestattet. Sie können z. B. über das Handy das Fahrzeug absperren oder das Verdeck hoch fahren. Umgekehrt können Sie vom Auto aus die Heizung und das Licht zu Hause anstellen. Solche Dinge entwickeln wir gerade und gehen davon aus, dass wir damit die Ersten sind. Die Welt verändert sich dramatisch und wir halten unsere Augen offen.

Wir können uns auch vorstellen, das Fahrzeug – ähnlich wie vielleicht ein Handy – zu personalisieren. Stellen Sie sich frei programmierbare Kombiinstrumente vor, bei denen je nach Fahrertyp – ob sportlich oder Öko – Drehzahlmesser oder Verbrauchsanzeige im Mittelpunkt stehen.

Cramer: Das lässt sich noch weiterführen. Je nach Fahrertyp lassen sich z. B. Motoren einstellen.

Matschi: Und es reicht ein Schlüssel oder ein Handy, um bei nur einem Fahrzeug die verschiedenen Fahrertypen zu erkennen. Wir arbeiten daran. Das wird aber noch ein paar Jahre in Anspruch nehmen.

R. BÖNSCH/M. CIUPEK

Von R. Bönsch/M. Ciupek
Von R. Bönsch/M. Ciupek

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