Automobilbau 21.11.2008, 19:38 Uhr

„Hausgemachte Probleme in der Autoindustrie“  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 21. 11. 08, has – Nach Ansicht von IG-Metall-Vorstandsmitglied Helga Schwitzer leidet die deutsche Automobilindustrie unter einer verfehlten Modellpolitik. Sie rechnet damit, dass die vereinbarten Entgelterhöhungen in der Metall- und Elektroindustrie trotz Abschwung und Finanzmarktkrise nicht ausgesetzt werden. Der Chiphersteller Infineon soll in den Arbeitgeberverband zurückgeholt werden.

Schwitzer: Die Erwartungen waren bis zum September sehr hoch und standen unter anderen wirtschaftlichen Bedingungen. Die Forderung war richtig, weil es auch darum ging, die Gerechtigkeitslücke zu schließen. Aber je näher der Abschluss kam, desto stärker machten sich der Abschwung und vor allem die Finanzmarktkrise bemerkbar. Vor diesem Hintergrund ist das Ergebnis akzeptabel. In unübersichtlichen Zeiten gibt es den Menschen Einkommenssicherheit, sichert die Reallöhne und wir leisten auf diese Weise einen Beitrag zur Stabilisierung der Wirtschaft.

VDI nachrichten: Viele Unternehmen wollen die zweite Stufe der Erhöhung im Mai verschieben, Infineon ist sogar aus dem Arbeitgeberverband ausgetreten.

Schwitzer: Infineon hatte vorher schon angekündigt, aus dem Verband auszutreten und hat das jetzt vollzogen. Wir werden versuchen, Infineon wieder in den Verband zu bekommen oder einen Haustarifvertrag abzuschließen, der auf dem gleichen Niveau liegt wie der Flächentarif. Ich sehe noch nicht, dass viele Unternehmen die zweite Stufe aussetzen werden. Auch beim letzten Abschluss konnte die zweite Erhöhung verschoben werden, davon haben nur ganz wenige Unternehmen Gebrauch gemacht.

VDI nachrichten: Dennis Snower, Präsident des Weltwirtschaftsinstituts in Kiel, hat gesagt, es gebe nur die Wahl zwischen fairer Beschäftigung und fairen Löhnen. Wie stehen Sie dazu?

Schwitzer: Schon diese Gegenüberstellung ist falsch. Ich halte daran fest, dass es beides geben muss. Die IG Metall hat in einem beginnenden konjunkturellen Abschwung einen Abschluss erzielt, der von den Beschäftigten akzeptiert, in allen Branchen tragfähig ist und den verteilungspolitischen Spielraum ausschöpft. Unterm Strich nicht wenig. Zwar kein Anlass zur Euphorie, aber ein ordentliches Ergebnis.

VDI nachrichten: Ist das Ergebnis wirklich so gut für die Beschäftigten? Die Arbeitgeber in Baden-Württemberg sagen, der Abschluss belaste die Betriebe in diesem Jahr mit 3,16 %, im kommenden mit 2,85 %.

Schwitzer: An solchen Berechnungen beteiligen wir uns nicht. Fakt ist: Für die Beschäftigten gibt es insgesamt eine dauerhafte Erhöhung der Entgelttabellen um 4,2 %.

VDI nachrichten: In der Autoindustrie stehen die Bänder still. Wird der Abschluss dort komplett übernommen?

Schwitzer. Davon gehe ich aus. Es gibt keine gegenteiligen Signale. Außerdem werden die Beschäftigten und Betriebsräte auf die Erhöhungen dringen.

VDI nachrichten: Hat die deutsche Autoindustrie ein Strukturproblem oder sind die aktuellen Schwierigkeiten eine Folge der Finanzmarktkrise?

Schwitzer: Es ist beides. Die aktuelle Finanzmarktkrise hat Auswirkungen auf die Automobilindustrie. Aber es gibt neben der Nachfrageschwäche auch eine Reihe hausgemachter Probleme.

VDI nachrichten: Welche sind das?

Schwitzer: Eine verfehlte Modellpolitik und unzureichende Reaktionen auf ökologische Herausforderungen. Aber wir haben in der Konsumgüterindustrie auch in der Vergangenheit immer schon ein Auf und Ab gehabt, das von Kaufkraft und der Nachfrage abhängt. Deshalb brauchen wir zusätzliche Impulse zur Stabilisierung und Belebung der Binnennachfrage.

VDI nachrichten: Können Sie die Versäumnisse präzisieren?

Schwitzer: Es müssen alternative Antriebskonzepte schneller auf den Markt kommen, die Motoren müssen sparsamer werden, der CO2-Ausstoß muss weiter gesenkt werden. Dazu bekennen sich die Hersteller auch ausdrücklich.

VDI nachrichten: Brauchen die deutschen Autohersteller Hilfe von der Politik?

Schwitzer: Sie brauchen zinsgünstige Kredite. Die hat die EU ja auch in Aussicht gestellt, insgesamt 40 Mrd. €. Aber diese öffentlichen Gelder sollten an Auflagen gebunden werden.

VDI nachrichten: Welche sollen das sein?

Schwitzer: Diese Kredite müssen aus unserer Sicht für Zukunftsinvestitionen verwendet werden, nicht zur Finanzierung des laufenden Geschäfts. Außerdem sollten betriebsbedingte Kündigungen oder Entgeltkürzungen während der Kreditlaufzeit untersagt werden. Unternehmen, die diese Kredite in Anspruch nehmen, müssten Managergehälter begrenzen und dürften keine Dividende ausschütten. Das haben wir in einem Brief an EU-Kommissar Verheugen angemahnt.

VDI nachrichten: Können die deutschen Hersteller von Luxuswagen überleben, wenn die ökologischen Anforderungen an Automobile steigen?

Schwitzer: Auch für Luxusmodelle gibt es sparsamere Motoren, die die Umwelt weniger belasten. Wichtig ist, dass die Hersteller die künftigen CO2-Normen verbindlich erfüllen.

VDI nachrichten: Es gibt weltweit Überkapazitäten in der Autoindustrie. Erleben wir den Anfang einer Konsolidierung, an deren Ende nur noch wenige Hersteller übrig bleiben?

Schwitzer: Die deutsche Autoindustrie gehört zweifellos zu einer der wettbewerbsstärksten der Welt. In Zukunft muss es aber noch stärker darum gehen, unter den Bedingungen gesättigter Märkte und ökologischer Notwendigkeiten innovative Antworten bei den Produkten zu geben. H. STEIGER

Von H. Steiger
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