Automobilbau 26.04.2002, 17:33 Uhr

Ferdinand Piëch verabschiedet sich mit dem „1-l-Auto“

Das „1-l-Auto“ fährt, VW-Chef Ferdinand Piëch hat sein Versprechen eingelöst. Er ist mit dem Technologieträger von Wolfsburg zur Hauptversammlung nach Hamburg gefahren.

Der 0,3-l-Einzylinder-Saugdiesel mit Direkteinspritzung verbrauchte im 290 kg schweren Zweisitzer 0,89 l/100 km.
Ein Ingenieur, der Automobilgeschichte geschrieben hat, wechselte nach einer Aufsehen erregenden Fahrt von Wolfsburg nach Hamburg zur 42. Hauptversammlung der Volkswagen AG den Chefsessel – Ferdinand Piëch. Der bisherige VW-Chef, nun Aufsichtsratsvorsitzender des Konzerns, lenkte das weltweit erste „1-l-Auto“ vor das Eingansportal der Tagungsstätte. – Versprechen eingelöst! Hatte Piëch doch 1999 nach der Präsentation des ersten „3-l-Autos“ ein neues Ziel postuliert: das 1-l-Auto – Präsentation spätestens wenn er den Chefsessel räumt.
Mit dem ersten 1-l-Auto will VW seine technische Kompetenz erneut unter Beweis stellen. Bereits mit der Entwicklung des ersten 3-l-Autos war es gelungen, das sparsamste Serienfahrzeug zu einem akzeptablen Preis auf den Markt zu bringen. Seit Sommer 1999 sind mehr als 22 000 Lupo 3L TDI verkauft worden. Das Forschungsauto, das Piëch mit einem Verbrauch von 0,89 l/100 km nach Hamburg fuhr, ist eine Potenzierung der Idee vom sparsamen Pkw.
Piëch und seine Ingenieure wollten zeigen, was mit dem Einsatz modernster Technologien in puncto Verbrauchsreduzierung machbar ist, und zugleich ein sicheres, zulassungs- sowie gebrauchsfähiges Fahrzeug auf die Räder stellen.
Wichtige Ziele der Entwicklung waren die Minimierung aller Fahrwiderstände durch Leichtbau, die Erzielung einer exzellenten Aerodynamik, die Entwicklung neuer Reifen und Fahrwerksteile unter Berücksichtigung der Ergonomie und aktueller Sicherheitsstandards sowie die Beibehaltung vertrauter Bedienungsmöglichkeiten.
Die Zielvorgabe, einen Verbrauch von 1,0 l/100 km zu erreichen, bedeutete jedoch die Abkehr von herkömmlichen Fahrzeug-Konzepten. So wurde das 1-l-Auto mit 1,25 m Breite ungewöhnlich schmal – Fahrer und Beifahrer sitzen in Tandem-Position, der Motor ist als Mittelmotor quer vor der Hinterachse installiert, die Kohlenstofffaser-verstärkte Kunststoff-Karosserie spannt sich über eine „Spaceframe“-Konstruktion aus Magnesium und verleiht der Hightech-Zigarre eine aerodynamisch günstige Tropfenform.
In enger Kooperation mit zahlreichen Zulieferern wurden sowohl vorhandene Komponenten geprüft, bewertet und überarbeitet als auch neue Konzepte vorangetrieben. Dies gilt besonders für Komponenten wie Räder/Reifen, Startergenerator, Karosserie und Lichttechnik. Das ähnlich einem Sportwagen konzipierte 1-l-Auto soll Technologieträger für zukünftige Fahrzeuggenerationen sein.
Angetrieben wird der „Piëch-Roller“ von einem 0,3-l-Einzylinder-Diesel mit 6,3 kW. Er wiegt mit Pumpe-Düse-Direkteinspritzung nur 26 kg. Schon in der ersten Konzeptphase des 1-l-Autos ergaben Antriebskonzept-Simulationen, dass nur ein Diesel in Frage kommt, da allein dieses Verbrennungsprinzip die maximalen Anforderungen an eine bestmögliche Energieausnutzung erfüllt. Der direkteinspritzende Saugdieselmotor (SDI) bedient sich dabei des derzeit effektivsten Einspritzsystems: einer Pumpe-Düse-Einheit mit Sechslochdüse und Voreinspritzung (Bosch). Sie liefert hohe Arbeitsdrücke von über 2000 bar.
Der Einzylinder ist eine technologisch sehr anspruchsvolle Neuentwicklung. Er hat zwei oben liegende Nockenwellen, die über Rollenschlepphebel drei Ventile steuern. Die Motorabgase werden über eine Abgasanlage aus Titan mit reduziertem Gegendruck geleitet. Der Aluminium-Motor ist in Monoblock-Bauweise hergestellt, d.h. sein Zylinderkopf und das Kurbelgehäuse sind in einem Stück gegossen. Weitere Leichtbaumaßnahmen sind das Magnesium-Gehäuse der Kraftstoffpumpe und das Trapezpleuel aus partikelverstärktem Titan. Auf die Waage bringt der Kleine betriebsbereit, also mit Öl und Kühlflüssigkeit, sowie inklusive Startergenerator 38 kg.
Seine maximale Leistung von 6,3 kW erreicht der 0.3-l-SDI bei 4000 min-1, das höchste Drehmoment, 18,4 Nm, steht bei 2000 min-1 zur Verfügung. Die geringe Leistung und Kraftentfaltung ermöglichen aufgrund des extrem niedrigen Fahrzeuggewichts von 290 kg und dem sehr geringen Luftwiderstand (cW 0,159 Stirnfläche 1,0 m2) dennoch temperamentvolle Fahrleistungen.
Mit seinem neu konzipierten automatisierten Sechsgang-Direktschaltgetriebe – es verfügt über Startgenerator, Stopp-Start-System, Freilauffunktion und wird sequenziell und automatisiert geschaltet – erreicht das 1-l-Auto eine Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h.
Trotz der extremen Auslegung ist der VW-Verbrauchskünstler alltagstauglich. Dazu zählt auch die Reichweite: Der Tank mit einem Fassungsvermögen von 6,5 l erlaubt einen einfach zu errechnenden Aktionsradius: bis zu 650 km. Einschränken muss man sich dennoch, und zwar beim Kofferraumvolumen. Die 80 l reichten Ferdinand Piëch sicherlich für seine Arbeitsunterlagen zur VW-Hauptversammlung, für Reisegepäck allerdings…. – Stopp, es ist doch ein Konzeptfahrzeug und eh nicht zu kaufen. WOP

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