Automobil 02.07.2010, 19:47 Uhr

„Eine derartige Innovationsdynamik haben wir noch nie beobachtet”

Das Center of Automotive Management der Fachhochschule der Wirtschaft Bergisch Gladbach hat zum fünften Mal die Innovationskraft der globalen Autoindustrie analysiert. Dafür nahm ein Forscherteam um Institutsleiter Stefan Bratzel rund 600 Innovationen des Jahres 2009/10 unter die Lupe. Bratzel erklärte gegenüber den VDI Nachrichten die wichtigsten Trends. Einer davon ist, dass VW seit Jahren höchste Innovationsbereitschaft zeigt und als Konzern hier Maßstäbe setzt.

VDI nachrichten: Was war für Sie die Top-Innovation des letzten Jahres?

Bratzel, nachdenkend: Der Tata Nano. Denn er reagiert exakt auf einen zentralen Trend der Branche: Die Kostenfrage. Sie wird immer wichtiger. Low-Cost-Cars bekommen gerade in den BRIC-Staaten – Brasilien, Russland, Indien, China – enorme Bedeutung.

Was heißt das für deutsche Hersteller?

Auch für Premium gibt es weltweit Nachfrage. Doch die Botschaft des Tata Nano ist es, dass ein Gutteil der Nachfrage in Schwellenländern von lokalen Herstellern gedeckt wird. Westliche Autohersteller und Zulieferer müssen sich dazu positionieren.

Deutsche Zulieferer wie Bosch, Continental beliefern die Tatas und Dacias bereits. Welche Möglichkeiten haben die Hersteller? VW ist schon lange in Brasilien, China und anderen Märkten aktiv – ohne Low-Cost-Strategie.

Billiger schon. Aber für echtes Low-Cost müssen westliche Hersteller noch Kompetenz aufbauen. Die Kooperation von VW mit Suzuki weist in die richtige Richtung. Suzuki hat erhebliches Know-how im Niedrigpreissegment Indiens aufgebaut. Eine Volkswagen AG kann da manches lernen.

Geht die Kooperation in diese Richtung?

Sonst würde sie keinen Sinn machen. Und wir beobachten gerade bei VW seit Jahren höchste Innovations- und damit auch Lernbereitschaft. Der Konzern setzt hier die Benchmarks.

Auch Ford und GM schneiden erstaunlich gut ab in Ihrer Studie.

Die Wahrnehmung der US-Konzerne ist durch die Krise und das Insolvenzverfahren von General Motors verzerrt. Wir werten systematisch die gesamte Innovationsleistung aller Hersteller aus – über verschiedenste Technologiefelder hinweg. Die Amerikaner, derzeit zuvorderst Ford, sind besser als ihr Ruf.

Gibt es Verschiebungen in den Prioritäten der Hersteller?

Absolut. Das Thema Antriebstechnologien hat massiv zugenommen. Letztes Jahr fielen 38 % aller Innovationen in dieses Feld. Um bei Ford zu bleiben: Die haben gerade auf dem Gebiet konventioneller Antriebe gepunktet …

… wo die zentralen Herausforderungen für die Automobilbranche warten.

In der Tat. Konventionelle Antriebe müssen in ungeheurem Maße effizienter werden. Sie sind das Rückgrat, an ihnen verdienen die Hersteller ihr Geld. Doch sie geraten zusehends in einen technologischen Spagat, der sich schon deutlich im Innovationsgeschehen niederschlägt.

Inwiefern?

Bei der Hybridtechnik hatten wir 2009 erstmals mehr Serieninnovationen als Studien. Und die Zahl der Innovationen bei Elektrofahrzeugen stieg von drei auf 30. Eine derartige Innovationsdynamik haben wir noch nie beobachtet.

Die Renault/Nissan-Alliance und der PSA-Konzern mit Peugeot/Citroën tragen viel dazu bei. Warum schneiden sie in Ihrer Studie so schlecht ab?

Sie verfolgen Leuchtturmprojekte im Bereich E-Mobilität. Sonst haben wir nicht viel Zählbares bei ihnen finden können.

Wie schätzen Sie die Innovationskraft chinesischer Hersteller wie BYD ein?

Schwer zu sagen. Qualität und Sicherheit sind zentrale Themen bei Elektroautos. Dass BYD jüngst den Serienstart verschoben hat, deutet auf Probleme in dieser Richtung hin. Doch die chinesische Strategie, unseren konventionellen Antrieben konsequent elektrische entgegenzusetzen, darf man nicht unterschätzen.

Wo liegen die Stärken der Chinesen?

Die Hersteller dort können völlig unbeschwert auf der grünen Wiese starten und haben dabei die volle Unterstützung ihrer Regierung. Es ist durchaus denkbar, dass chinesischen Behörden auf absehbare Zeit Städte oder Zonen für Autos mit Verbrennungsmotoren sperren. Da könnten westliche Hersteller nichts anderes machen, als erschwingliche Stromer anzubieten. An solchen Szenarien wird die strategische Bedeutung der E-Mobilität deutlich. Es kommt ins Wanken, was in den letzten 100 Jahren stabil war.

Können deutsche Hersteller Paroli bieten und dem Innovationstempo der Chinesen in die Elektromobilität folgen?

Die Stärke der Deutschen ist es, Qualitätsstandards in ihren Lieferketten durchzusetzen und die Prozesse in Fertigung und Logistik zu perfektionieren. Das setzt Stückzahlen voraus, die in der E-Mobilität wegen der hohen Batteriekosten erst auf lange Sicht erreichbar sind. Möglicherweise können neue Anbieter besser damit umgehen. Wer Elektro- und Batterie-Know-how hat, kann die automobile Kompetenz und Fertigung auch bei externen Partnern zukaufen.

Zurück zu Ihren Studien. Denken Sie, dass Ihre Studie für 2011 als Folge der Krise weniger Innovationen zählen wird?

Die Branche hat so enorme Aufgaben vor sich, dass sie bei den Innovationen nicht nachlassen kann. Die Hersteller müssen Neuheiten bringen, allein schon, um sich zu differenzieren.

Das Gros der Innovationen leisten längst Zulieferer. Wäre es nicht sinnvoller, ihre Innovationskraft zu untersuchen?

Spannend wäre es. Doch die Innovationen der Zulieferer sind systematisch kaum zu erfassen, weil sie in der Regel der Geheimhaltungspflicht unterliegen. Sie dürfen oft nicht sagen, welche Beiträge sie zu den Autos der Hersteller leisten. Öffentlich sind nur Innovationen, die Hersteller an Mann und Frau bringen, oder wie bei vielen Sicherheits- und Assistenzsystemen zumindest anbieten.

Reichen optionale Angebote, um das Ziel eines Straßenverkehrs ohne Todesopfer zu erreichen?

Teils ist es schwer nachvollziehbar, warum sich lebensrettende Systeme als Sonderausstattung in Prospekten finden.

Zügige Serieneinführung könnte sie über Skaleneffekte erschwinglich für jedermann machen. Doch es gibt auch positive Beispiele, wo wichtige Innovationen schnell den Weg aus der Oberklasse in Volumensegmente finden: Spurhaltesysteme, smarte Tempomaten oder schon weit fortgeschrittene ESP-Schleuderschutzsysteme. Es passiert eine ganze Menge.

Genug?

Die Frage führt zurück an den Anfang unseres Gesprächs. Die Kunden schauen immer genauer auf den Preis.

Darf es dann bei und durch Low-Cost-Cars zu Rückschritten in der Verkehrssicherheit kommen?

Auch einkommensschwache Menschen brauchen Zugang zu Mobilität, und Sicherheit macht Autos teuer. Letztlich sind Sicherheitsstandards im Verkehr eine Frage der gesellschaftlichen Abwägung. Die Autoindustrie würde sich ganz sicher nicht beschweren, wenn morgen ein Gesetz käme, das weltweit jedem Auto volle Sicherheitsausstattung vorschreibt.

Gesetzgebung ist zäh. Reicht das Tempo, das die Automobilindustrie in puncto Sicherheit vorlegt?

Sicher könnte so mancher Hersteller mehr tun. Gerade bei der Vermarktung ihrer Sicherheitsinnovationen gibt es reichlich Luft nach oben.

PETER TRECHOW

Von Peter Trechow
Von Peter Trechow

Stellenangebote im Bereich Fahrzeugtechnik

Zurich Gruppe Deutschland-Firmenlogo
Zurich Gruppe Deutschland Risk Engineer (m/w/d) Haftpflicht für unsere Industriekunden Frankfurt am Main
Berufsgenossenschaft Verkehrswirtschaft Post-Logistik Telekommunikation-Firmenlogo
Berufsgenossenschaft Verkehrswirtschaft Post-Logistik Telekommunikation Ingenieur*in (m/divers/w) für den Bereich Unfallanalyse Berlin
Nexans Autoelectric GmbH-Firmenlogo
Nexans Autoelectric GmbH Teamleiter (m/w/d) CAD-Konstruktion Automotive Floß in der Oberpfalz
RUETZ SYSTEM SOLUTIONS GmbH-Firmenlogo
RUETZ SYSTEM SOLUTIONS GmbH Testingenieur / Engineeringconsultant (m/w/d) Systemintegration Car Infotainment, Fahrerassistenz und Telematik Systeme München
in-tech GmbH-Firmenlogo
in-tech GmbH Systemingenieur modellbasierte Entwicklung (MBSE) (m/w/d) Garching bei München, Leipzig, Erlangen, Berlin
in-tech GmbH-Firmenlogo
in-tech GmbH Versuchsingenieur für Betreuung von Teilsystemplätzen (m/w/d) Garching bei München, München
TÜV SÜD Gruppe-Firmenlogo
TÜV SÜD Gruppe Kfz-Prüfingenieur zur Qualifikation zum Sachverständigen (w/m/d) Vaihingen an der Enz
TÜV SÜD Gruppe-Firmenlogo
TÜV SÜD Gruppe Kfz-Prüfingenieur zur Qualifikation zum Sachverständigen (w/m/d) Öhringen
TÜV SÜD Gruppe-Firmenlogo
TÜV SÜD Gruppe Kfz-Prüfingenieur zur Qualifikation zum Sachverständigen (w/m/d) Crailsheim
TÜV SÜD Gruppe-Firmenlogo
TÜV SÜD Gruppe Kfz-Prüfingenieur zur Qualifikation zum Sachverständigen (w/m/d) Schwäbisch Hall

Alle Fahrzeugtechnik Jobs

Top 5 Fahrzeugba…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.