Interview: Ingenieure bei Ford 21.09.2012, 11:52 Uhr

„Ein Auto zu bauen, ist komplizierter als die Summe der Einzelteile zu bilden“

Als Hersteller sucht Ford neben Spezialisten auch gerne Generalisten. Und obwohl der amerikanische Konzern im Ranking der beliebtesten Arbeitgeber von Ingenieuren weit hinter den deutschen Automobilherstellern liegt, findet das Unternehmen genügend Ingenieure. Nach Meinung von Martina Schmidt, Leiterin Central Recruitment und Personalmarketing bei den Ford-Werken in Köln, liegt das hauptsächlich an den Produkten, der Technologie und der Stadt.

Der Großteil unserer Ingenieure sind Generalisten.

Der Großteil unserer Ingenieure sind Generalisten.

Foto: Werkfoto

VDI nachrichten: Automobilhersteller stehen ganz oben auf der Wunsch-Arbeitgeberliste angehender Ingenieure. Nach der trendence-Studie liegen gleich fünf Autofirmen auf den ersten sechs Plätzen. Ford belegt den 38. Rang – und dürfte es deshalb im Vergleich zu den Deutschen Marken schwerer haben, guten Nachwuchs oder gestandene Ingenieure zu rekrutieren.

Schmidt: Wir hatten bislang keine Schwierigkeiten, gute Leute für Ford gewinnen zu können. Die Platzierungen in Studien haben auch immer mit der Anzahl an Einstellungen zu tun, und da wir bei Weitem nicht so viele neue Mitarbeiter einstellen wie beispielsweise BMW oder VW, rangieren wir weiter hinten. Ein direkter Vergleich solcher Studienergebnisse mit Ford ist zudem schwierig, weil wir die Tochter eines amerikanischen Konzerns sind, andere deutsche Hersteller haben ihre Zentrale in Deutschland. Was uns auszeichnet: Wir haben gute Produkte, sind technologisch weit vorne, haben ein innovatives Design und den Standort Köln, der besonders junge Leute anzieht. Im Übrigen haben wir uns in der aktuellen trendence-Studie im Vergleich zum Vorjahr um immerhin 40 Plätze gesteigert!

Wie viele Mitarbeiter hat Ford in Deutschland und wie viele davon sind Ingenieure?

Wir haben in Deutschland rund 24 000 Beschäftigte, wie viele davon ein ingenieurwissenschaftliches Studium haben, erfassen wir nicht. Doch allein in unserem Entwicklungszentrum in Köln-Merkenich arbeiten etwa 3000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die meisten dort sind Ingenieure. Zusätzlich arbeiten viele Ingenieure in der Fertigung und betreuen die Produktion, um nur ein weiteres Beispiel zu nennen.

Wie viele Ingenieure will Ford 2012 einstellen?

Auch in diesem Fall kann ich keine fixe Zahl nennen, nur so viel: Wir stellen nach Bedarf ein. Erst im vergangenen Jahr haben wir rund 300 Ingenieure eingestellt, sodass unser Bedarf weitestgehend gedeckt ist. Vereinzelt sind noch Positionen zu besetzen, allerdings handelt es sich dabei um hochspezialisierte Bereiche wie Elektroantriebe oder Sprachsteuerung im Auto.

Es heißt: 75 % der Wertschöpfung eines Autos entstehen bei den Zulieferern. Sind daher bei Ford Ingenieure eher Manager und weniger Techniker?

Nein, das würde ich nicht sagen. Ein Auto zu entwickeln und zu bauen, ist schon komplizierter als die Summe der Einzelteile zu bilden. Unsere Ingenieure arbeiten in allen Bereichen. Das heißt, sie sind in der Entwicklung tätig, können aber auch in einem Bereich beschäftigt sein, der Zulieferer koordiniert. Auch dort brauchen sie Fachwissen, um mit den Technikern des Zulieferers auf Augenhöhe zusammenarbeiten zu können.

Braucht Ford daher eher Generalisten und weniger Spezialisten?

Der Großteil unserer Ingenieure sind Generalisten. Auch weil wir im Rahmen der eigenen Personalentwicklung Wert darauf legen, dass nicht jemand sein ganzes Berufsleben lang ein und denselben Job macht. Wir versuchen, durch eine intern gut ausgebaute Personalentwicklung die Mitarbeiter dahingehend zu fördern, dass sie möglichst viele unterschiedliche Aufgaben wahrnehmen können, um über den Tellerrand hinausschauen zu können und dadurch ein breites Bild von den Produkten und dem Unternehmen zu bekommen.

Was bedeutet es für einen Ingenieur, in einem amerikanischen Unternehmen zu arbeiten?

Als globales Unternehmen sind die Zuständigkeiten für die weltweite Entwicklung unserer Fahrzeuge auf die verschiedenen Regionen aufgeteilt. In unserem europäischen Entwicklungszentrum in Köln entwickeln wir beispielsweise die sogenannten kleinen und mittleren Fahrzeuge, das sind die Autos, die hier in Europa hauptsächlich gefahren werden, zum Beispiel Ka, Fiesta, Focus oder die C-MAX-Familie.

Alle in Europa entwickelten Fahrzeuge werden weltweit exportiert. Multikulturelle Meetings gehören in einem internationalen Konzern zum Tagesgeschäft. Bei der Auswahl neuer Mitarbeiter legen wir deshalb neben fließenden Englisch-kenntnissen sehr viel Wert auf interkulturelle Eigenschaften, etwa Offenheit gegenüber anderen Kulturen. Grundsätzlich sind wir als Unternehmen sicherlich eher amerikanisch geprägt: Wir haben und leben flache Hierarchien und eine Politik der offenen Tür innerhalb des gesamten Unternehmens.

Wenn Sie die Skills von Ingenieuren in der Automobilbranche mit denen vor zehn Jahren mit heute vergleichen: Was hat sich verändert?

Die internationale Zusammenarbeit hat stark an Bedeutung gewonnen, vernetztes Denken ist gefragt, Informationen zirkulieren viel schneller – mit diesen Entwicklungen haben sich die Anforderungen an Ingenieure gewandelt. Ein technologischer Trend ist das Zusammenspiel zwischen Fahrer und Auto, der stark zunimmt.

Im Frühjahr hatte Ford Kurzarbeit angemeldet. Wie ist aktuell Stand der Dinge?

Zu Beginn des Jahres haben wir für dieses Jahr einige Kurzarbeitstage angekündigt. Einige davon haben wir bereits hinter uns, andere werden noch folgen. Der Grund ist ein Nachfragerückgang, vor allem in den südeuropäischen Märkten.

  • Peter Ilg

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