Automobilbau 24.03.2006, 18:43 Uhr

„Die Automobilindustrie ist nicht innovativ“  

VDI nachrichten, Luzern, 24. 3. 06, wop – Die Automobilindustrie ist eingeklemmt zwischen Kostendruck, Absatzproblemen, hohen Kraftstoffpreisen und wachsendem Klimaproblem. Daniel Goeudevert, bis 1993 Topmanager in der Branche, hat sich zu ihrem Kritiker entwickelt. Der ehemalige Konzernvorstand fordert heute ein radikales Umdenken in der Automobilindustrie. Für ihn „trägt die Branche Scheuklappen“.

Klar sei das Auto von heute besser als vor 20 oder 30 Jahren. Doch habe sich die Denkweise der Industrie nicht verändert. Für die Ingenieure von VW gehe es in erster Linie darum, bessere Autos als Opel zu bauen, für die Ingenieure bei BMW bessere als Mercedes. Und natürlich gehe es darum, „gegen die Japaner und Koreaner möglichst nicht allzu viele Marktanteile in Europa zu verlieren“. Das verstelle den Blick für die wirklich brennenden Themen wie nachhaltige Mobilität, Klimaveränderung oder sparsame neue Antriebskonzepte sowie bedarfs- und marktgerechte Fahrzeuge.

Gleich mehrfach habe das vergangene Jahr Anlass gegeben, über die Zukunft von Automobil und Mobilität ernsthaft nachzudenken: Die Preise für Rohöl und Kraftstoff erreichen Rekordniveau, während Hurrikans wie Katrina den Menschen die verheerenden Folgen einer zunehmenden Klimaveränderung so deutlich wie noch nie vor Augen führten.

Eine Entschärfung des sich zuspitzenden ökologischen Problems sei neben der Politik aber auch Aufgabe und Verantwortung der Automobilindustrie. Das Antriebssystem für das Auto sowie eine drastische Verringerung der CO2-Emission werden hierbei entscheidend sein. Doch der Trend habe noch immer eine andere Richtung: Bei immer mehr Leistung und steigendem Fahrzeuggewicht sieht Goeudevert derzeit nur Halbherzigkeit.

„Die Automobilindustrie ist an einer Kreuzung angekommen und man spürt, dass sie nicht genau weiß, wohin der weitere Weg gehen soll“, so Goeudevert. Die Branche sei eingeklemmt zwischen Absatzproblemen, Kostendruck, hohen Kraftstoffpreisen und einem wachsenden Klimaproblem.

Er erinnert an Prognosen von British Petroleum (BP), wonach der weltweite Fahrzeugbestand von heute rund 800 Mio. Autos bis zum Jahr 2050 auf rund 2 Mrd. Fahrzeuge ansteigen werde. Noch vor gut 40 Jahren betrug die globale Fahrzeugmenge erst 60 Mio. Autos. Zugleich werde die weltweite Energienachfrage bis 2030 um 60 % zunehmen, ein Bedarf, der größtenteils mit fossilen Brennstoffen gedeckt werde. Die Herausforderungen an Industrie, Politik und Gesellschaft seien somit gewaltig.

Unterstützung erhält Goeudevert von Marcel Krämer er ist Generaldirektor von BP Schweiz und bei der europäischen Organisation der Erdölindustrie Europia als Executive Officer für den Bereich Government Affairs and External Affairs in Brüssel zuständig. Drohende Umweltkatastrophen als Folge zunehmender CO2-Emission und steigender globalen Erwärmung „können wir uns derzeit nicht einmal ausmalen“, warnte Krämer. Der Hurrikan Katrina habe lediglich „einen ersten Vorgeschmack geliefert“, sagte Krämer kürzlich im Schweizer Luzern auf dem „Zukunftspodium Automobil“. Um den globalen Temperaturanstieg auf 2 oC zu begrenzen, dürfe es im Jahr 2050 nur ebenso viel CO2-Emissionen geben wie bereits heute.

Was muss passieren, dass wir Konsequenzen ziehen? „Wir müssen erst auf die Überflutung Londons warten“, schockt Goeudevert, und zitiert doch nur britische Wissenschaftler. Solange die Klimaänderung nicht durch eine Katastrophe auch in Europa zu spüren ist, „werden wir notwendiges Handeln weiterhin nur durch Geldspenden für die Opfer ersetzen“, so Goeudevert.

Die Sicht- und Denkweise sowohl der Ingenieure wie auch der Konsumenten und der Gesellschaft müsse sich ändern, mahnt Goeudevert. Die Menschen verstünden sehr wohl, dass man die Umwelt nicht weiter zerstören dürfe. Und auch die Ingenieure müssten mehr über die Bedrohung der Gesellschaft nachdenken. Zwar besitze die Industrie die Fähigkeit, neue Konzepte wirkungsvoll umzusetzen, doch sehe Goeudevert den tatsächlichen Willen derzeit nicht.

Es sei ein Denkfehler zu sagen: 120 Jahre hatten wir Diesel- und Ottomotor. Was ist das nächste System? Nicht Wasserstoff und Brennstoffzelle würden den Ottomotor ersetzen, auch nicht irgendein anderes System, meint Goeudevert. Statt dessen werde es eine Koexistenz unterschiedlicher Lösungen geben.

Der Hybridantrieb sei eine Alternative davon. Ein System, das die Europäer seit Jahrzehnten entwickeln und fertig in der Schublade haben, aber nicht bereit waren auf den Markt zu bringen, so meint Goeudevert. Statt dessen machten es die Japaner.

Die europäischen Hersteller müssen zudem mehr über bezahlbare und marktgerechte Autos nachdenken, erklärt Goeudevert. Die Märkte in Europa, USA und Japan seien gesättigt. Die Märkte von morgen liegen in China, Südasien, Indien und Südamerika. Doch für diese neuen und riesigen Märkte würden die Europäer derzeit nicht die richtigen Autos bauen. Goeudevert: „Niemand wird ernsthaft glauben, dass die 1,2 Mrd. zusätzlichen Fahrzeuge, die in 2050 auf den Straßen fahren, in der Form unserer heutigen Automobile abgesetzt werden. Das seien eher Autos der 7000-€-Klasse. Wenn wir nicht rasch in dieser Richtung arbeiten, werden wir dort wie in Europa schneller als wir denken preiswerte Autos aus China sehen.“

Nein, er sei keineswegs gegen teure und luxuriöse Autos. „In Europa haben wir die mit Abstand besten Automobilingenieure“, sagte Goeudevert. „Die ausgereiftesten und sichersten Autos werden in Europa entwickelt.“ Nur müsse es gelingen, diese Engineering-Fähigkeit in zukunftsorientierte Produkte umzusetzen, die den jeweiligen Märkten gerecht werden. Produkte, die die Kunden brauchen und wollen, und nicht die Autoindustrie.

Zukunftsorientierte Entwicklungen müssen keineswegs bieder sein. Es sei die Kunst der Ingenieure, attraktive Produkte zu entwickeln, die völlig anders gebaut werden und andere Antriebssysteme aufweisen, so Goeudevert: „Dann sind wir wieder die Weltmeister.“ BERNHARD ROSE

Mit Daniel Goeudevert sprach die Wochenzeitung VDI nachrichten anlässlich des „Zukunftspodiums Automobil“ (www.zukunftspodium.com) in Luzern. Die neue Diskussionsplattform wurde von Peter E. Braun, Verwaltungsratspräsident der Schweizer iQ Power AG, initiiert.

Von Bernhard Rose
Von Bernhard Rose

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