Automobil 18.01.2002, 17:32 Uhr

Dicke Knoten in der komplexen deutschen Kfz-Wertschöpfungskette

Für Altautos wird eine deutlich höhere Recyclingquote angepeilt. Dies soll vor allem durch die Wiederverwendung gebrauchter Teile – das Zauberwort heißt zeitwertgerechte Reparatur – erreicht werden. Daraus könnte ein großer Markt entstehen, wenn sich erst einmal klare Qualitätsstandards etabliert haben.

Hofgarantie? Alles passé. Das waren jene Zeiten, als die Garantie erlosch, sobald man den Hof des Verkäufers verließ. Noch vor dem Jahreswechsel durchaus übliche Praxis auf Schrottplätzen, wenn auch bereits damals nicht unbedingt zur Zufriedenheit der Werkstätten. Denn die hatten letztlich den Ärger mit Kunden, wenn ein gebrauchtes Ersatzteil im Auto nicht hielt, was der Verkäufer auf dem Schrottplatz versprach.

Seit 1. Januar indes leben wir juristisch in einer neuen Welt. Denn mit der umfassenden Reform des Schuldrechts hat der Gesetzgeber auch die alte Gewährleistung umgekrempelt, die nun korrekt Sachmangelhaftung heißt. Für private Kunden bedeutet das: Der Verkäufer muss mindestens zwei Jahre für Sachmängel an Verbrauchsgütern haften, sei es Computer oder Automobil.

In völlig gleicher Weise gilt das für neue Ersatzteile, und bei gebrauchten haftet er nun ebenfalls per Gesetz mindestens ein Jahr. „Für Werkstätten ist der Einsatz gebrauchter Fahrzeugteile kein neues Thema“, resümiert Wilhelm Hülsdonk die Vergangenheit: „Gebrauchte Fahrzeugteile werden eigentlich schon fast so lange verwendet, wie es das Auto selbst gibt.“ Das Vorstandsmitglied beim Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK), Bonn, kennt freilich aus eigener Erfahrung ebenso die praktische Seite: „Das funktionierte bisher aber nur da, wo Vertrauen zwischen Kunde, Werkstattmeister und Autoverwerter bestand.“

Doch nun geht das Spiel nach neuen Regeln. Denn die Werkstatt haftet für Reparaturen kraft Gesetz auch zwei Jahre, ganz egal, ob ein neues oder gebrauchtes Kfz-Teil eingebaut wurde. Sie kann die Haftung vertraglich zwar auf ein Jahr verkürzen. Doch umgekehrt kauft sie beim Automobilverwerter als Unternehmen ein, und hier kann der Verkäufer gegenüber einem gewerblichen Kunden seine Haftung einschränken oder sogar gänzlich ausschließen. Wie da über die gesamte Logistikkette der – politisch gewollten – Verwertung von Altautos ein hoher Qualitätsstandard zu sichern ist, darum kreiste Ende letzten Jahres in Baden-Baden ein Kongress der VDI-Koordinierungsstelle Umwelttechnik zum Thema Automobil-Verwertung. Denn zeitlich eng wird es für die Akteure noch wegen eines anderen Zwangs: Bis 21. April muss die Altauto-Richtlinie der Europäischen Union in nationales Recht umgesetzt sein, und da gibt es noch erhebliche rechtliche Anpassungsprobleme zu lösen.

Ein zentrales Anliegen dieser Richtlinie ist es, die Abfallmengen drastisch zu reduzieren und Altfahrzeuge so weit wie eben möglich zu verwerten. Dabei soll auch die Reparatur mit Altteilen deutlich gesteigert werden. Für die Praxis bedeutet das zum Beispiel, flächendeckende Rücknahmesysteme einzurichten und Abmeldesysteme mit Nachweis der Verwertung zu etablieren. Auf die Entsorgungsbetriebe aber kommen neue technische und gesetzliche Anforderungen zu, Fragen der Zertifizierung und Anerkennung werden wichtig.

Erheblichen Entwicklungsbedarf, aber auch ein erhebliches Entwicklungspotential hat Prof. Ralf Holzhauer ausgemacht. Bisher gibt es allenfalls regional eine effiziente Vermarktung; doch der große Markt, so die Vermutung des Recyclingexperten von der Fachhochschule Gelsenkirchen, liegt hier im Internethandel. Ohne klare Garantie freilich ist in derart vernetzten Strukturen, in denen Kunde und Verkäufer sich nicht kennen, ein gebrauchtes Autoteil eigentlich nicht zu verkaufen. Die notwendigen Rahmenbedingungen müssen sehr exakt abgestimmt sein. Bis Mitte des Jahres will deshalb ein VDI-Arbeitskreis Qualitätskriterien für gebrauchte Pkw-Teile definiert haben.

Auch dann wird es aber noch ein paar Jahre dauern, ein funktionierendes System aufzubauen. Im Grunde läuft es nach Ansicht von Dieter Klaus Franke darauf hinaus, ein altes Teil ökonomisch so zu etablieren wie neue. Und wenn dann am Ende mehrerer Nutzungszyklen ein Teil endgültig nicht länger im Kreislauf verbleiben kann, so der ADAC-Koordinator Test und Umwelt,dann müsste sich die Sache auch refinanziert haben.

Der Blick auf den nahen Kirchturm dürfte dabei nicht mehr reichen. Denn mit der Umsetzung der EU-Richtlinie wird auch dieses Geschäft deutlich internationaler. Zudem sind vor allem die skandinavischen Staaten, aber auch die Niederlande schon deutlich weiter als Deutschland.

Vor allem bei der Regulierung von Versicherungsfällen gibt es klare Vorreiter in Europa, und die liegen allesamt im Norden. Schweden etwa kennt hierfür eigene Regularien, sogar sicherheitsrelevante Teile kommen im Reparaturfall zum Einsatz. Das dortige System verfügt allerdings sogar über eigene Zentren, wo Recyclingteile geprüft werden, bevor sie wieder in den Umlauf gelangen.

Die verbundenen Wertschöpfungsketten vom Verbraucher bis zum Verwerter sind freilich in Deutschland viel komplexer, mehr Akteure im Spiel. Dennoch hat sich auch hier bereits ein funktionierendes Modell etabliert: Anders nämlich als die Verwertung alter Autos läuft die Verwertung von Austauschteilen aus dem Instandsetzungsbereich – Anlasser etwa – auf durchaus ähnlichem Standard wie die Automobilproduktion selbst: „Das Recycling“, weiß Holzhauer, zudem Obmann des VDI-Ausschusses Automobilverwertung, „funktioniert hier technisch und insbesondere auch wirtschaftlich auf hohem Niveau und mit entsprechenden Garantien.“

Worauf es nun ankomme ist, Gebrauchtteile in ähnlicher Weise aus dem Schmieröl-Image zwischen Hinterhof-Schrottplatz und Bastler-Mentalität hervorzuholen. Seriös arbeitende Unternehmen müssten Kristallisationskerne künftiger Verwertungsnetzwerke sein, dann könnten solche Strukturen auch die Garantie für Qualität übernehmen. Denn die Werkstätten, markiert ZDK-Vorstandsmitglied Hülsdonk die Position seiner Branche im komplexen Interessengeflecht, seien nicht in der Lage, für schadhaft gelieferte Teile zu garantieren. Für die wäre der Versicherungsfall ohnehin nicht der verlockendste Aspekt an den Gebrauchtteilen, sondern der Kundenwunsch nach zeitwertgerechter Reparatur. Die aber könne man eben nur anbieten, wenn zuverlässig klar identifizierbare und hochwertige Teile zur Verfügung stehen. B. EUSEMANN/Si

Themen im Artikel

Stellenangebote im Bereich Fahrzeugtechnik

RUETZ SYSTEM SOLUTIONS GmbH-Firmenlogo
RUETZ SYSTEM SOLUTIONS GmbH Testingenieur / Engineeringconsultant (m/w/d) Systemintegration Car Infotainment, Fahrerassistenz und Telematik Systeme München
in-tech GmbH-Firmenlogo
in-tech GmbH Systemingenieur modellbasierte Entwicklung (MBSE) (m/w/d) Garching bei München, Leipzig, Erlangen, Berlin
in-tech GmbH-Firmenlogo
in-tech GmbH Versuchsingenieur für Betreuung von Teilsystemplätzen (m/w/d) Garching bei München, München
Zurich Gruppe Deutschland-Firmenlogo
Zurich Gruppe Deutschland Risk Engineer (m/w/d) Haftpflicht für unsere Industriekunden Frankfurt am Main
Berufsgenossenschaft Verkehrswirtschaft Post-Logistik Telekommunikation-Firmenlogo
Berufsgenossenschaft Verkehrswirtschaft Post-Logistik Telekommunikation Ingenieur*in (m/divers/w) für den Bereich Unfallanalyse Berlin
TÜV SÜD Gruppe-Firmenlogo
TÜV SÜD Gruppe Kfz-Prüfingenieur zur Qualifikation zum Sachverständigen (w/m/d) Öhringen
TÜV SÜD Gruppe-Firmenlogo
TÜV SÜD Gruppe Kfz-Prüfingenieur zur Qualifikation zum Sachverständigen (w/m/d) Vaihingen an der Enz
TÜV SÜD Gruppe-Firmenlogo
TÜV SÜD Gruppe Kfz-Prüfingenieur zur Qualifikation zum Sachverständigen (w/m/d) Crailsheim
TÜV SÜD Gruppe-Firmenlogo
TÜV SÜD Gruppe Kfz-Prüfingenieur zur Qualifikation zum Sachverständigen (w/m/d) Schwäbisch Hall
Eisenbahn-Bundesamt-Firmenlogo
Eisenbahn-Bundesamt Ingenieurin / Ingenieur oder Physikerin / Physiker (Uni-Diplom/Master) als Wissenschaftliche Referentin / Wissenschaftlicher Referent (m/w/d) für Schallschutz / Erschütterungsschutz Bonn, Dresden

Alle Fahrzeugtechnik Jobs

Top 5 Fahrzeugba…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.