Automobilbau 24.03.2000, 17:24 Uhr

BMW-Hoffnungen schmolzen mit hartem Pfund wie Schnee

Der Rover-Kauf ist eine große Chance, hieß es 1993. In sieben Jahren entwickelte sich daraus ein Desaster. Mit dem Verkauf von Rover befreit sich BMW von seinem kränkelnden Tochter- unternehmen. Insider schätzen den angehäuften Verlust für BMW auf bis zu 15 Mrd. DM.

Als die Bayerischen Motoren-Werke 1928 begannen, außer Motoren und Motorrädern auch noch ein Auto zu bauen, entwickelten sie dies nicht selbst. Vielmehr erwarben sie vom britischen Hersteller Austin die Lizenz zum Nachbau des bewährten englischen Kleinwagens Austin Seven, den BMW in Deutschland Dixi nannte. Austin aber ist eine der Vorgängerfirmen der heutigen Rover. So darf man erstaunt feststellen, dass die Münchner im Jahr 2000 sprichwörtlich ihre eigene „automobile Großmutter“ verkaufen.
Auf bis zu 15 Mrd. DM schätzen Insider den Verlust, den sich BMW insgesamt seit Februar 1994 mit dem Rover-Abenteuer eingefahren hat. Zuletzt waren es nach Auskunft von BMW „täglich deutlich mehr als 1 Mio. Pfund“, also wohl rund 3,5 Mio. DM. Der Vorstandsvorsitzende Joachim Milberg erklärte letzte Woche, dass BMW trotz der Erfolge des Stammhauses im vergangenen Geschäftsjahr aufgrund der Rover-Misere erstmals seit Jahrzehnten einen Verlust ausweisen musste. „Nach Abzug der ertragsabhängigen und sonstigen Steuern in Höhe von 448 Mio. Euro“, so Milberg, „beträgt der BMW-Group-Jahresüberschuss vor außerordentlichem Ergebnis 663 Mio. Euro (im Vorjahr 462 Mio. Euro) dies ist der bisher höchste Jahresüberschuss des Unternehmens, ein Plus von 43,5 % gegenüber dem Vorjahr. Für die notwendigen Restrukturierungsmaßnahmen und weitere erkennbare Risiken bei Rover hat die BMW Group umfangreiche Vorsorge getroffen. Diese außerordentlichen Aufwendungen betragen 3,15 Mrd. Euro. Daraus resultiert ein Jahresfehlbetrag von 2,487 Mrd. Euro“, also knapp 5 Mrd. DM.
Ein derartiges Negativergebnis wurde in der deutschen Nachkriegsgeschichte bisher nur von Daimler-Benz übertroffen, als Edzard Reuters geplatzte Träume vom Technologiekonzern zu Buche schlugen. Im Falle von Rover haben wohl Fehleinschätzungen unterschiedlicher Art zum Fiasko geführt. Dazu gehörte eine unübersehbare Zurückhaltung der Briten gegenüber der Traditionsmarke, als sie sich plötzlich in deutscher Hand befand, aber auch die Unflexibilität englischer Gewerkschaften bei der Restrukturierung mit dem einhergehenden Arbeitsplatzabbau. Stärkster Bremsfaktor war wohl die Entwicklung des Pfund-Kurses, die die erwarteten Exportquoten nicht nur für den neuen Hoffnungsträger Rover 75 dahinschmelzen ließen wie die Frühlingssonne den bayerischen Schnee. Vom Jahresultimo 1993 bis Ende 1999 stieg das britische Pfund beispielsweise gegenüber der DM um 30 %. Da ließen sich britische Autos im Wettbewerb mit kontinentaleuropäischen freilich kaum noch Kosten deckend verkaufen.
Milbergs Vorgänger Bernd Pischetsrieder, der im Vorjahr wegen der Rover-Verluste entlassen worden war und zur Jahresmitte offiziell zu Volkswagen gehen wird, hat den Kauf der Rover Group vor sechs Jahren denn auch gerade verteidigt. Aus seiner Sicht sei der Kauf auch im Rückblick richtig gewesen. Der Pfundanstieg habe die Autos freilich im Export zu stark verteuert, die Briten hätten um so günstiger ausländische Autos importieren können. Dies hält Pischetsrieder für den Hauptgrund des Rover-Einbruchs auch auf dem Heimatmarkt.
BMW hatte am 16. März über die Verhandlungen zum Verkauf von Rover Cars an die private Investment-Gruppe -Alchemy Partners informiert. Danach sollen die Marken Rover und MG sowie die Produktionsstätten für diese Fahrzeuge in Birmingham von Alchemy Partners weitergeführt werden. Die Verhandlungen hierüber seien auf der Grundlage eines Angebotes von Alchemy aufgenommen worden. Die BMW Group werde die Investment-Gruppe im Zuge einer Auftragsfertigung weiter mit dem Modell Rover 75 beliefern und die Investoren für eine gewisse Übergangszeit in allen notwendigen Belangen unterstützen. „Wir werden dies tun“, unterstrich Milberg, „um gerade auch die erwartete Betreuungsqualität zu sichern. Darauf können sich unsere Kunden verlassen.“ Nach erfolgreichem Abschluss der Verhandlungen würden die Marken Rover und MG gemeinsam in einem neuen Unternehmen unter englischer Führung aufgehen.
Das Gerücht, BMW habe der Risikokapitalgesellschaft die Übernahme von Rover mit mehreren Milliarden Mark versüßt, dementierte Finanzvorstand Helmut Panke in München heftig. „Zugaben gibt es nicht“, sagte er, räumte allerdings ein, dass noch über den Verschuldungsgrad verhandelt werde, mit dem Rover an Alchemy abgetreten werden könne. Er hoffe, dass die Transaktion in spätestens drei Monaten perfekt sei und versicherte, dass Rover keine zusätzliche Belastung für die BMW-Bilanz im laufenden Geschäftsjahr sein werde.
Derweil versuchen die britische Regierung ebenso wie die mit deftigen Boykottaufrufen agierenden Gewerkschaften, die BMW wegen angeblich mangelnder Information attackiert haben, neben dem vierzehn Mitarbeiter zählenden Unternehmen Alchemy weitere Bieter für Rover zu finden. Nach Auskunft von BMW gibt es allerdings keine, und Alchemy-Gründer John Moulton bekundet, mit anderen könne augenblicklich gar nicht verhandelt werden. Der Deal sei gelaufen. Ein Indiz für regierungsseitige Skepsis mag auch sein Spruch sein, den die Financial Times kürzlich zitierte: „Leute entlassen ist keine schöne Sache für die Betroffenen, aber die Entfernung von Hämor-rhoiden ist auch nicht schön, obwohl es manchmal sein muss.“
Hatte alle Welt angenommen, außer der Eigenentwicklung des künftigen Mini, der planmäßig 2001 eingeführt und nun in Oxford gefertigt werden soll, werde BMW nur Rover und MG abstoßen, Land Rover hingegen behalten, ließ der nächste Donnerschlag nicht lange auf sich warten: Die Ford Motor Company wird Land Rover für etwa 6 Mrd. DM kaufen.
Die Transaktion mit Ford, die im zweiten Quartal abgeschlossen sein soll, umfasst die gesamte bestehende Produktlinie der Marke Land Rover – Range Rover, Discovery, Freelander und Defender – sowie die Fertigungs- und Entwicklungsanlagen. „Land Rover ist eine hervorragende globale Marke mit wundervoller Geschichte“, schwärmt Ford-Chef Jac Nasser, „sie ist der Jaguar unter den Allradfahrzeugen.“ Für Chairman William Clay Ford Jr. „passt Land Rover hervorragend in Fords wachsende Familie von Weltklasse-Marken“.
Das Land-Rover-Geschäft wird Teil der Ford Premier Automotive Group, die bisher schon die Marken Lincoln, Mercury, Volvo, Jaguar und Aston Martin umfasst. Geleitet wird dieses Ford-Segment von Wolfgang Reitzle, dem früheren BMW-Entwicklungsvorstand, der sich bei Rover bestens auskennt. Er hatte von Anfang an geraten, den englischen Scherbenhaufen mit Ausnahme von Land Rover schleunigst wieder zu versilbern. Nun reiht sich die Geländewagenmarke, die in diesem Jahr einen Absatz von rund 200 000 Fahrzeugen plant, in sein Luxusgeschäft ein. WALTER HÖNSCHEIDT/WOP
BMW-Chef Joachim Milberg ändert den Kurs der weißblauen Marke: Rover Cars geht an die britische Investment-Gruppe Alchemy und Land Rover an Ford. Der Mini bleibt bei BMW, bald soll ein Pkw unter der 3er-Reihe folgen.
Die Land Rover „Defender“ vor dem BMW-Vierzylinder haben in München nichts mehr zu verteidigen. Ihre Sparte kaufte Ford für sein Premiumsegment, das vom ehemaligen BMW-Entwicklungschef Reitzle geleitet wird.

Von Dm.
Von Dm.

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