Klüngel auf vier Rädern 24.07.2017, 13:56 Uhr

Autokartell: Wie kann man nur … ?

Die Frage drängt sich auf: Wie kann man nur so blöd sein? Wie können hochbezahlte Manager der wichtigsten deutschen Industriesparte Absprachen treffen, mit welchem Zulieferer man arbeitet, welche Preise man zahlt und wie man gesetzliche Vorgaben umgeht? Schon der Dieselskandal zeigt: Da ist kriminelle Energie im Spiel.

Präsentation des Audi A8 vor wenigen Tagen: Die Autoindustrie versteht sich darauf, Träume auf vier Rädern zu bauen. Doch jetzt stellt sich heraus, dass es seit den 1990er Jahren ein Kartell von Audi, BMW, Mercedes, Porsche und VW gibt, wie der Spiegel berichtet.

Präsentation des Audi A8 vor wenigen Tagen: Die Autoindustrie versteht sich darauf, Träume auf vier Rädern zu bauen. Doch jetzt stellt sich heraus, dass es seit den 1990er Jahren ein Kartell von Audi, BMW, Mercedes, Porsche und VW gibt, wie der Spiegel berichtet.

Foto: Audi

Wenn es stimmt, was der Spiegel am Wochenende aufgedeckt hat, dann hat sich das deutsche Spitzenmanagement wirklich von allen Tugenden verabschiedet, die mal für „Made in Germany“ und verantwortungsvolles Management standen. Da sollen sich die fünf Autohersteller Audi, BMW, Mercedes, VW und Porsche seit über 20 Jahren in technischen Fragen bis hin zu Preisen und der Auswahl von Zulieferern abgestimmt haben.

Regelmäßige Absprachen der fünf Hersteller

Schlimmer noch: Der Spiegel sieht in dem Kartell die Ursache für den Dieselskandal. Die Branche hat sich bei ihren regelmäßigen Treffen darauf verständigt, gesetzliche Emissionswerte nicht einzuhalten, weil das zu teuer ist. Stattdessen hat man sich geeinigt, die Grenzwerte durch Betrug zu umgehen. So lautet der Vorwurf des Magazins Spiegel.

Den Stolperer auf der IAA 2015 konnte BMW-Chef Harald Krüger sicher leichter verschmerzen, als den neuen Vorwurf, dass BMW Teil eines Autokartells ist.

Den Stolperer auf der IAA 2015 konnte BMW-Chef Harald Krüger sicher leichter verschmerzen, als den neuen Vorwurf, dass BMW Teil eines Autokartells ist.

Foto: Uli Deck/dpa

Wenn das so stimmt – die Konzerne haben bislang einen Kommentar abgelehnt –, haben sie die Axt angesetzt an den Ruf der deutschen Industrie. „Vorgänge, die die Autoindustrie bis ins Mark erschüttern und die die Glaubwürdigkeit der Vorzeigebranche auf Jahre hinaus zerstören würden“, schreibt die Süddeutsche Zeitung.

Wie konnten deutsche Hersteller vor Jahren nur die Dieselkampagne „Blue Tec“ für den vermeintlichen „Clean Diesel“ in den USA starten, im Wissen, dass sie nur mit Softwaremanipulationen die Werte auf dem Teststand einhalten? Und wie kann man nur daran glauben, dass solch eine Manipulation nicht ans Tageslicht kommt, obwohl Hunderte von Ingenieuren in eine Betrugssoftware eingeweiht werden müssen?

Kleine AdBlue-Tanks und Softwaremanipulationen

Wie der Spiegel dokumentiert, haben die fünf genannten Hersteller beispielsweise abgesprochen, in ihre Dieselfahrzeuge nur kleine AdBlue-Tanks einzubauen. Sie haben sich darauf geeinigt, das Einspritzen der Harnstoffflüssigkeit zu drosseln, um den Autofahrern das Nachtanken von AdBlue zu ersparen. Zudem sind kleine Tanks billiger – zumal wenn man weiß, dass die Abgasreinigung oft gar nicht arbeitet dank Betrugssoftware.

Dass ausgerechnet VW schon im Sommer 2016 eine Selbstanzeige eingereicht hat und so von einer Kronzeugenregelung profitieren will, verwundert nicht. Was wurde der Konzern in der Öffentlichkeit für seine Machenschaften durch den Dreck gezogen. Und dann stellt sich heraus, dass die anderen deutschen Hersteller offenbar keinen Deut besser sind? Auch Daimler soll sich selbst angezeigt haben. Immerhin hat sich Mercedes nach dem Auffliegen des Lkw-Kartells 2011 aus einigen Gesprächen zurückgezogen, berichtet die Süddeutsche Zeitung.

Mercedes soll sich nach dem Auffliegen des Lkw-Kartells aus dem Autokartell zum Teil zurückgezogen haben.

Mercedes soll sich nach dem Auffliegen des Lkw-Kartells aus dem Autokartell zum Teil zurückgezogen haben.

Foto: Carmen Jaspersen/dpa

Von 1997 bis 2011 hatten sich Daimler, Iveco, DAF, Volvo, Renault und die VW-Tochter MAN auf Kosten der Zulieferer abgesprochen. Das Kartell musste fast drei Milliarden Euro Strafe zahlen, allein Daimler über eine Milliarde Euro.

200 Automanager trafen sich regelmäßig

Deshalb fürchtet die Branche nun noch höhere Strafen, denn beim Autokartell geht es um deutlich höhere Summen und Stückzahlen. Und wie arbeitete das Autokartell? Laut Spiegel haben sich nicht nur die Topmanager immer wieder getroffen. 200 Mitarbeiter von allen fünf Herstellern kamen regelmäßig in mehr als 60 Arbeitskreisen zusammen, um technische Entwicklungen abzustimmen. Damit wollten sie den Wettbewerb gezielt außer Kraft setzen.

Und deshalb ermitteln jetzt die Kartellbehörden. Und die dürften nicht nur wegen der VW-Selbstanzeige reichlich Material haben. Auch bei den Razzien bei DaimlerAudi und Renault, als sogar Vorstandsbüros durchsucht wurden, dürften die Ermittler reichlich belastendes Material gesichert haben. 

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