Energie 10.10.2003, 18:26 Uhr

„Zum Wasserstoff als Energieträger gibt es schlicht keine Alternative“

Den ersten Deutschen Wasserstofftag, organisiert von der Linde AG, VDI und vdi nachrichten, nutzte Linde- Vorstand Dr.-Ing. Wolfgang Reitzle, seine Vision von der Entwicklung der Wasserstoffwirtschaft zu präsentieren. Im Folgenden seine Rede in Auszügen.

Die Lernphase bei Wasserstoff geht zu Ende. Wir müssen jetzt in die Umsetzungsphase gehen. Schließlich liegt die Entdeckung des Wasserstoffs schon mehr als 230 Jahre zurück. Das Potenzial dieser Entdeckung erahnten zuerst Visionäre wie Jules Verne. Schon 1875 ließ er einen seiner Romanhelden, den Ingenieur Cyrus Harding, prophezeien: „Wenn die Kohle zu Ende geht, werden die Menschen Wasser verbrennen. Wasser, das mittels Elektrizität in seine Bestandteile zerlegt wurde. Wasser wird die Kohle der Zukunft sein.“
Die Weltjahresproduktion von Wasserstoff beträgt ca. 600 Mrd. m3 bis 700 Mrd. m3. Die Wachstumsrate liegt jährlich bei bis zu 10 %. Größte Anwender sind die chemische Industrie, Raffinerien sowie die Stahlindustrie, die zusammen ca. 60 % der Produktion verbrauchen. Nur bei einem geringen Anteil von höchstens 4 % der Weltproduktion handelt es sich um „merchant hydrogen“, der frei gehandelt wird.
Die Verwendung als Automobilkraftstoff macht wiederum nur einen kleinen Bruchteil dieses Handelsvolumens aus, stellt also zurzeit nicht mehr als eine winzige Marktnische dar. Aber eben eine, die ein enormes Wachstumspotenzial vor sich hat.
Rund 100 Jahre industrielle Erfahrungen mit Wasserstoff hat die Menschheit gesammelt. So lange wird der Aufbruch in das Wasserstoffzeitalter nicht noch einmal dauern, und: So lange darf (!) er nicht mehr dauern!
Wir sind alle gefordert, die Wasserstofftechnologie voranzubringen. Die Industrie insgesamt hat hier bereits erhebliche Vorleistungen erbracht. Weltweit fahren schon viele Fahrzeuge in den großen Flottenversuchen der Automobilhersteller. So hat sich General Motors öffentlich festgelegt, bis 2010 das serienreife Wasserstoff-Auto mit Brennstoffzellen-Antrieb auf die Straße zu bringen.
Alle Fakten sprechen für schnelles und entschlossenes Handeln:
– Ein Drittel der Menschheit hat noch heute keinen Stromanschluss. Dies wird sich aber ändern.
– Allein die westliche Welt hat in den letzten zweihundert Jahren mehr Energie verbraucht als alle anderen Völker zusammen seit Erfindung der Schrift.
– Die Volksrepublik China würde täglich 81 Mio. Barrel Öl verbrauchen, wenn dort jeder Einwohner denselben Lebensstandard genießen wollte wie in den USA, das ist mehr als dreimal soviel, wie die Opec-Staaten zusammen täglich fördern.
– Zu den Fakten gehört vor allem, dass die förderbare Menge an Erdöl- und Erdgas schon in zehn, auf jeden Fall aber in 40 Jahren ihren Zenit überschreiten und danach drastisch teurer werden wird.
Und selbst wenn es die Perspektive der Energieverknappung nicht gäbe: Auch die Verbrennung fossiler Energieträger ist auf Dauer nicht möglich. Der weltweite CO2-Ausstoß muss weiter drastisch sinken, wenn die Erdatmosphäre nicht dauerhaften Schaden nehmen soll.
Diese beiden Aspekte – Energieverknappung und CO2-Ausstoß – machen die industrielle Entwicklung der Wasserstofftechnologie so dringend und drängend.
Es gibt dazu schlicht keine Alternative! Wasserstoff als Energieträger bildet zusammen mit Brennstoffzellen eine Brücke hin zur Einführung kohlenstofffreier Energien, insbesondere erneuerbarer Energien. Sie eröffnet den Weg hin zu einer flexiblen und umweltverträglichen Energieversorgung, die so keine andere Technik leisten kann.
In den USA und auch in Japan wurde das schneller verstanden als in Europa. Denn während dort schon umfangreiche Förderprogramme für den Start in die Wasserstoff- und Brennstoffzellen-Technologie aufgelegt wurden, beginnt Europa eigentlich erst jetzt, die ganze Tragweite des Themas zu erfassen.
In den USA zum Beispiel hat Präsident Bush dieses Frühjahr angekündigt, die Forschung für wasserstoffbetriebene Fahrzeuge zusätzlich mit 1,2 Mrd. $ zu fördern. Damit stellen dann die USA insgesamt 1,7 Mrd. $ für die automobile Brennstoffzellen- und Wasserstoffforschung zur Verfügung. Auch die japanische Regierung setzt auf neue Brennstoffzellen- und Wasserstoffprojekte.
Erfreulich ist, dass sich seit vergangenem Jahr die EU-Kommission deutlich stärker als zuvor mit dem Thema Brennstoffzellen und Wasserstoff beschäftigt. Die Bildung einer „High Level Group“ und ein in diesem Sommer geschlossenes Abkommen mit den USA über eine umfassende Kooperation auf den Gebieten der Weiterentwicklung von Brennstoffzellen und der Förderung von Wasserstoff als Energieträger sind in der Tat erfreuliche Ansätze. Sie müssen jetzt ausgebaut werden.
Es ist aus meiner Sicht dringend erforderlich, dass der Einstieg in die Brennstoffzellen- und Wasserstoffwirtschaft steuerpolitisch flankiert wird. Denn Wirtschaft und Verbraucher müssen Klarheit darüber haben, wie der Energieträger Wasserstoff zukünftig steuerlich behandelt wird.
Denn nicht Parteien und Regierungen, nicht Stadträte und Verwaltungen werden die erforderliche Soft- und Hardware entwickeln, herstellen und dafür sorgen, dass im Sinne eines funktionierenden Kundenservices die neuen Energiedienstleistungen gebündelt werden. Nicht die Politik wird die Wasserstoffwirtschaft antreiben, sondern das muss die Wirtschaft selbst tun – im partnerschaftlichen Zusammenwirken mit den Organen und Repräsentanten der Gemeinwesen, versteht sich.
Denn am Ende werden beide Seiten davon profitieren. In Michigan beispielsweise schätzt man das Wertvolumen, das mit der Entwicklung der Brennstoffzellen und Wasserstofftechnologie allein dort verbunden ist, auf rund 100 Mrd. $.
Nicht umsonst investieren weitsichtige Unternehmen schon heute enorme Summen in die Wasserstofftechnik. Phil Watts, Chairman von Royal Dutch/Shell, erklärte vor ziemlich genau zwei Jahren in New York, dass sein Unternehmen derzeit den „Ausstieg aus dem Kohlenwasserstoff-Zeitalter“ vorbereite. Im 21. Jahrhundert würden Kohle, Erdöl und Erdgas einer völlig neuen Form der Energieversorgung auf Wasserstoffbasis Platz machen. Shell habe bereits, so erklärte Watts, fast eine Mrd. Dollar in den Übergang zu der erneuerbaren Ressource investiert.
Auch wir bei Linde investieren zwischen 50 Mio. n und 100 Mio. n jährlich in die Zukunft des Wasserstoffs. Wir verstehen uns als Wegbereiter und Schrittmacher in das Wasserstoffzeitalter für die heutigen Öl- und Energieversorgungsunternehmen sowie Automobilhersteller. Kein anderes Unternehmen verfügt über ein vergleichbar großes Wasserstoff-Know-how.
Der Wasserstoff könnte im doppelten Sinne zum Energiespender werden. Zum Energiespender, der die fossilen Brennstoffe ablöst, aber eben auch zu einem Energielieferanten für die gesellschaftliche Dynamik in Deutschland und in Europa.

Ein Beitrag von:

  • Wolfgang Reitzle

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